Skat-Hochburg AltenburgEine Stadt hebt ab

Reizen, drücken, stechen, buttern: Altenburg feiert 200 Jahre Skat von Burkhard Straßmann

Eine Mitarbeiterin der Spielkartenfabrik Altenburg blickt durch eine Rolle Druckböden.

Eine Mitarbeiterin der Spielkartenfabrik Altenburg blickt durch eine Rolle Druckböden.   |  © Jan-Peter Kasper dpa/lth

Es gibt kein Entrinnen. Wer in dieser Stadt weder Skatbruder noch Skatschwester ist, fühlt sich fehl am Platze. Schon in der Bahnhofshalle grüßt mich aus Gips und gartenzwerggroß ein grünlicher Bube, Bauer, Junge oder – wie man hier sagt: Wenzel. Dann laufe ich durch die Wenzelstraße. Aufs Pflaster der Altstadtstraßen sind immer wieder Kreuz, Pik, Herz, Karo oder wieder ein dicker Wenzel gesprüht – Markierungen des "Skaterlebnispfades", der alle relevanten Skatorte der Stadt miteinander verbindet. Und erst das Touristenbüro! Hier bieten sie Skathonig, Skatwein, Skatbrotbrettchen und elegante Skatsocken an. Ich beschränke mich auf ein druckfrisches Skatspiel. Als ich später den Senfladen beim Markt betrete, weil er sich Weltmeister-Senfladen nennt und angeblich über 350 Senfsorten führt, entdecke ich neben Honigsenf, Schwarzbier-Senf und Borussia-Dortmund-Senf natürlich auch einen "Skatsenf, mittelscharf".

Altenburg in Ostthüringen ist in den Augen des Stadtmarketings die Skathauptstadt der Welt. In den Augen der Welt sowieso, nicht zuletzt durch die bekannten Blätter der Altenburger Spielkartenfabrik. Irgendwann zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Skatspiel erfunden. Irgendwo, niemand weiß das sicher, also könnte es auch in Altenburg passiert sein. Und nun ist es höchste Zeit, 200 Jahre Skat zu feiern. Am 5. Mai gehts los. Das sinnfällige Motto lautet: "Altenburg reizt".

Anzeige

Das reizende Altenburg ist über tausend Jahre alt und war lange eine kleine, aber reiche Residenzstadt. Das Gewirr der Altstadtgassen, betagte bunte Häuschen, geräumige Marktplätze, geschichtsschwere Kirchen und protzige Repräsentationsbauwerke könnten Altenburg zu einem Magneten für amerikanische und fernöstliche Touristen machen. Stattdessen ist der erste Eindruck ein Schock, denn die bauliche Verwahrlosung der DDR-Ära mischt sich folgenschwer mit der aktuellen Finanznot der Kommune, die das großartige Erbe nicht gebührend bewahren kann. Das Bund-Länder-Programm "Stadtumbau Ost" hieße hier besser "Stadtrückbau Ost" und hat auch eine Reihe Barock- und Renaissancehäuser auf dem Gewissen, für die es keine Verwendung mehr gab. Altenburg leidet wie viele Oststädte am Exodus der Jüngeren. Von 56.000 Bürgern im Jahr 1981 sind heute 34.000 übrig geblieben. Wer ein konsequent gepflegtes und in sich geschlossenes Altstadtensemble sucht, der wird Altenburg womöglich etwas weniger reizvoll erleben als jemand, der sich über lebendige Widersprüche freut und von architektonischen Stilbrüchen begeistern lässt.

Am Theaterplatz, gegenüber dem alten Postamt im neugotischen Stil, das auch leer steht, finde ich das energetische Zentrum der Skatstadt: den welteinzigen Skatbrunnen. Darauf prügeln sich vier Kerle, das sind die vier Bauern/Wenzel des Skatspiels. Der "Alte", der Kreuzbube, gewinnt. Wie jeder echte Skattourist nehme ich hier erst mal eine Kartentaufe vor. Ich lasse Brunnenwasser über mein frisch erworbenes, bierfestes Blatt laufen, fasse einem bronzenen Schwein an die Nase und wünsche mir Kartenglück. Jetzt bin ich vorbereitet.

Über den Skatpfad erreiche ich mein Hotel. Es liegt am Rossplan, dem vormaligen Pferdemarkt. Hier ist alles behutsam renoviert, fast schon steril. Nichts erinnert mehr an die Zeiten, da hier das wilde Leben tobte. Rösser den Besitzer wechselten, aber ebenso volle Geldbeutel, ja ganze Bauernhäuser, Erbschaften! Märkte boten traditionell die Gelegenheit, verdientes Geld mit Würfeln und Kartenspiel zu vermehren – oder eben auf den Kopf zu hauen. Nicht ohne Grund nannte man das Kartenspiel einst "des Teufels Gebetbuch". Der Staat missbilligte alle Spielerei, die auf "unziemlichen Gewinst" zielte. Wo trotzdem gezockt wurde, forderte der Fürst vom Schankwirt eine saftige Spielsteuer.

Mein Hotel ist selbstverständlich ein Skathotel. Es offeriert Skatwochenenden für Gruppen von Skatfans einschließlich Stadtführung und eines Turniers mit einem Skatmeister. An der Wand des Frühstücksraums hängt das Foto vom Sieger des 1. Prominentenskattreffens 1994, Peter Luczak. Und Luczak ist nicht irgendwer, sondern Präsident des 1927 in Altenburg gegründeten Deutschen Skatgerichts. Das bestimmt die Regeln des Skatspiels und entscheidet strittige Fälle. Und wo tagt das hohe Gericht alle drei Monate? In meinem Hotel!

Ganz und gar unumgänglich ist in Altenburg natürlich ein Besuch im Spielkartenmuseum oben im Schloss. Außen bröckelt es auch hier noch heftig. Drinnen jedoch ist die Residenz, die Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg bis 1918 bewohnte, eine reine Pracht. Marmor und Gold, fantastische Parkettböden, des Herzogs Originalmöbel – und in Vitrinen viele kleine Karten. Und noch kleinere, für die Reise. Und winzige für Kinderhände. Und runde. Und ovale. Die Spielkartenforschung hat übrigens immer noch nicht herausgefunden, wer das Kartenspiel erfunden hat. Waren es die Chinesen, die Inder, die Ägypter? Europa erreichte es wahrscheinlich im 14. Jahrhundert, später beförderte das Druckwesen die rasante Verbreitung. Das Skatspiel, mutmaßlich 1813 von ein paar Altenburger Bürgern erfunden, unter ihnen der Verleger Brockhaus, war eine Mischform aus mehreren altbekannten Kartenspielen und zunächst nichts Besonderes. Bis im Laufe der Zeit das Reizen dazukam. Dass dies den Reiz des Spieles ausmacht, ist mehr als ein Wortspiel. Erst diese für Anfänger so komplexe kleine "Versteigerung" des Alleinspielprivilegs eröffnet strategische Möglichkeiten und fordert die planerische Intelligenz.

Abends treffe ich zwei Profis im Ratskeller. Skatstadt ohne Skatspielen? Undenkbar! Ich bin etwas in Sorge, immerhin habe ich zuletzt Skat gespielt, als Walter Ulbricht noch in Amt und Würden war und sich der Skatverband samt Skatgericht gen Bielefeld abgesetzt hatte. In Altenburg entstand damals als Zweitautorität das "Skataktiv". Erst 2005 zog der Verband in seine Heimat zurück.

Leserkommentare
    • Mari o
    • 05. Mai 2013 19:00 Uhr

    Weil man in Kneipen nicht mehr rauchen darf.
    Jetzt könnte Skat zur olympischen Sportart werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... ist man versucht, Wilhelm Bendow zu zitieren.

  1. ... ist man versucht, Wilhelm Bendow zu zitieren.

    Eine Leserempfehlung
  2. Die Kirche heißt "Bartholomäikirche" ...

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
Service