Meine Träume sind oft sehr intensiv. Nach dem Aufwachen bleiben meistens nur einzelne Bilder zurück und vor allem Stimmungen und Gefühle. Manchmal sind sie so stark, dass sie mich für Stunden durch den Tag begleiten. Besonders intensive Träume stellen eine Verbindung zwischen unserem Bewusstsein und unserem Unbewussten her, sie beleuchten, wer wir sind, und bringen uns dazu, über uns selbst nachzudenken – was nicht immer angenehm ist. Für gelungene Filme gilt meiner Meinung nach dasselbe.

Bestimmte Themen wiederholen sich in meinen Träumen immer wieder, im vergangenen Jahr waren es vor allem Gewalt und Tod, in vielfältiger Weise. Ich träumte, dass mir nahe stehende Menschen starben oder wurde selbst ermordet. In einem Traum bin ich sogar zum Mörder geworden.

Zur Vorbereitung auf meinen letzten Film habe ich fünf Monate lang an zwei Tagen in der Woche Polizisten in Los Angeles bei ihren Einsätzen begleitet. In dieser Zeit habe ich sehr viel Gewalt erlebt. Eine Erfahrung, die mein Bewusstsein und sicher auch mein Unbewusstes stark beeinflusst hat. Schließlich sind unsere Träume ja nichts anderes als Schlaglichter auf Dinge, die uns nicht bewusst sind. Die Frage, wie Gewalt und Tod uns beeinflussen und wie wir mit ihnen umgehen können, hat mich sehr beschäftigt, im Wachen und im Schlafen.

Die Polizeieinsätze fanden meistens zu einer Zeit statt, in der ich normalerweise schlafe. Es hatte eine ganz eigene, traumartige Atmosphäre, in den frühen Morgenstunden durch die Stadt zu fahren, in der so viele Menschen friedlich schliefen. Ich war unterwegs mit Polizisten, die immer hellwach sein mussten und sich mit all den Alpträumen herumschlagen mussten, die aus den Schatten gekrochen kamen. Im Inneren des Streifenwagens fühlte ich mich wie in einem abgeschlossenen Raum, wie in einer Schutzblase, sicher und geborgen, wie in einem Traum. Den Streifenwagen zu verlassen, sich der bedrohlichen Realität zu stellen war dann jedes Mal wie eine Art Aufwachen. Ein merkwürdiges Gefühl.

In dieser Zeit habe ich Menschen erlebt, die mit Fäusten, Messern oder Schusswaffen aufeinander losgingen, in den eigenen vier Wänden oder auf der Straße, und die anderen schwere Verletzungen zufügten. Einmal verblutete ein Mann nach einer Schießerei vor meinen Augen. Wenn man so etwas erlebt, verändert sich etwas, die Welt um uns herum fühlt sich anders an als zuvor, wie ein Alptraum. Für mich war das nur schwer zu ertragen.

Wenn ich am Morgen nach Hause kam, nach dem Ende der Schicht, fand ich oft keinen Schlaf. Wenn es mir dann doch irgendwann gelang, einzuschlafen, verfolgten diese Bilder mich bis in meine Träume. Das war eine Art Katharsis. Die Träume halfen mir, mit dem Erlebten zurechtzukommen. Alle diese Alpträume, die realen und die im Schlaf, warfen ein neues Licht auf mein eigenes Leben, das ich neu zu schätzen und zu genießen gelernt habe.

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