TürkeiVom Staudamm vertrieben

Die Türkei setzt auf Wasserkraft. Dafür zerstört sie Flüsse, siedelt Anrainer um und flutet historische Stätten von 

Die Reise beginnt mit einer Festnahme. Wir haben das Haus des türkischen Premierministers Erdoğan im Schwarzmeerdorf Güneysu besichtigt – von außen, aus hundert Metern Abstand. Dafür sitzen wir nun auf der Wache. Was wir hier suchen, fragt der Polizist. "Berichterstattung" lautet die für ihn unbefriedigende Antwort. Als er die Akkreditierung sieht, lässt er uns gehen. Weiter geht die Reise entlang der Schwarzmeerküste. Die Polizei ist nervös und allgegenwärtig, denn die Regierung Erdoğan tut hier Dinge, die viele Einheimische verabscheuen.

Die Türkei wird umgegraben. In den saftig grünen Tälern hinter den Schwarzmeerstädten Trabzon und Rize fließt reichlich Wasser – und diesen Rohstoff will die Regierung nutzen. Sie baut Wasserkraftwerke. Emissionsfrei und "klimafreundlich" nennt sie ihre Pläne. "Menschenfeindlich" nennen es empörte Bürger. "Arbeitsintensiv" finden es die Polizisten, ihre wütenden Landsleute in Schach halten zu müssen.

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Die Türkei ist extrem abhängig von Erdgas aus Russland und dem Iran, jedes Jahr wächst die Energierechnung. Deshalb grassiert nicht nur bei Trabzon das Kraftwerksfieber. Überall in Anatolien lässt die Regierung Erdoğan Wasserkraftwerke bauen, kleine, große, gigantische. Derzeit laufen 172 Kraftwerke, 148 sind im Bau, weitere 1.418 geplant. Insgesamt sollen in den nächsten zehn Jahren 1.738 Wasserkraftwerke den schnell wachsenden Energiebedarf der Türkei decken helfen. Dafür werden Flüsse auf 10.000 Kilometer Länge einbetoniert und ganze Landschaften geflutet. Betroffen sind nicht nur türkische Regionen, sondern auch die Nachbarländer, denen das Wasser abgegraben wird. Der Kampf um das Wasser Anatoliens ist in vollem Gange.

Noch ist die Gegend um Trabzon die vielleicht schönste Region der Türkei. Nahe an Georgien und dem Kaukasus gelegen, mit Bergen, deren Ausläufer sanft im Meer versinken, ist Trabzons Umland regen- und sonnenreich zugleich, durchzogen von zahllosen Flüssen. Hier wachsen so viele Bäume wie im Norden, dennoch ist es warm wie im Süden. An den Hügeln steigen Teefelder hoch, wie dicke grüne Kissen reihen sich Büsche an den Abhängen. Dazwischen Schuppen und Bauernhäuser.

Der Fluss Salarha hat sein Bett durch die Felsen gefressen. An einer Mündung steht ein kleines hölzernes Wirtshaus. Kajakfahren, Fischen, Wandern oder einfach nur Durchatmen würde uns hier gefallen. Nicht aber der Regierung. Eine Flussbiegung weiter hinauf liegt das Tal in Trümmern. Die Erde ist tief aufgerissen, eine Betonfabrik liefert Baustoff. Bagger reißen die Ufer ein, in der Mitte des Flusses wächst eine Staumauer. Hunderte gefällter Bäume am Ufer. Das Wasser wird in Röhren gebändigt und durch die Berge geschleust. Die benötigten Tunnel werden mit Dynamit und Bohrmaschinen durch den Fels getrieben. Allein an diesem Ort sollen 600.000 Kubikmeter Erde bewegt worden sein.

Bauherr ist der Gemischtwarenkonzern Sanko aus Gaziantep. Er gehört zu den Günstlingen der Regierung Erdoğan bei der Verteilung lukrativer Aufträge. Fragen nach Informationen werden bei Sanko und anderen Firmen abgewiesen. Diese Konzerne teilen sich den türkischen Energiemarkt unter der schützenden Hand des Premiers auf. Die EU bemängelt fehlende Transparenz dieser Ausschreibungen. Die hat System.

Einzelne wie Kazim Delal sehen jedoch genauer hin. Der türkische Teebauer und Viehzüchter ist in einem ehemals griechischen Dorf aufgewachsen. In der Gegend von Trabzon lebten bis in die 1920er Jahre viele pontische Griechen, bevor die türkische Armee sie vertrieb. Delal ist hier aufgewachsen, die grünen Hänge waren sein Kinderzimmer, der klare Fluss sein Wasserhahn. Jetzt ist der 67-Jährige Aktivist geworden, um zu verteidigen, was sein Leben war. "In der östlichen Region des Schwarzen Meers sind 376 Wasserkraftwerke geplant", sagt Delal. Jedes Kraftwerk verändert rund zehn Kilometer Fluss, die geplanten Staustufen und Talsperren werden sich insgesamt über fast 4.000 Kilometer Länge hinziehen. Weil die Schluchten so eng sind, handelt es sich um kleine Kraftwerke, die gerade mal ein paar Dörfer mit Strom versorgen können. Dafür wird viel zerstört.

Leserkommentare
    • Lefty
    • 10. Mai 2013 18:14 Uhr

    "Macht euch die Erde untertan".Hat Erdogan das nun wörtlich genommen,obwohl er kein Christ ist?

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    Warum in die Ferne in die Türkei oder nach China schweifen? Im Zuge der sogenannten "Energiewende" läuft bei uns gerade die tiefgreifendste Umgestaltung der Landschaft, die unser Land je gesehen hat. Warum sollten sich nicht andere daran ein Beispiel nehmen?

    • Furzl
    • 10. Mai 2013 18:26 Uhr

    "Wir haben das Haus des türkischen Premierministers Erdoğan im Schwarzmeerdorf Güneysu besichtigt – von außen, aus hundert Metern Abstand. Dafür sitzen wir nun auf der Wache. Was wir hier suchen, fragt der Polizist. "Berichterstattung" lautet die für ihn unbefriedigende Antwort. Als er die Akkreditierung sieht, lässt er uns gehen. "

    Die Polizei hat sie also ungefragt einfach so zur Wache gefahren und sie haben bis dahin auch nicht gesagt wer sie sind und was sie da tun?
    Sie haben also gewartet bis sie in der Wache sind, um dann endlich ihre Akkreditierung zu zücken. Warum eigentlich so spät?
    Das hätte man doch schnell vor Ort erledigen können? Ja gut, dann kann man natürlich nicht schreiben, "man wäre verhaftet worden". ;)

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    Er wäre ja auch möglich, dass ein Polizist sich keine Gründe anhören will, wenn er gerade jemanden verhaftet. Eventuell sprechen die Journalisten noch nicht mal flüssig türkisch, sodass das noch schwieriger wird.
    Nur weil nicht jedes Detail davon geschildert wird, muss es nicht nicht gleich erzwungen sein...

  1. Erdogan war und ist ein Diktator .

    Er verbindet ehemaliges osmanisches Großmachtdenken mit einem Islam, dessen Interpretation immer mehr ins fundamentalistische abgleitet .
    Auch ne Art als Bindeglied zwischen Europa und Asien zu agieren .

    Von daher verwundern die immer rücksichtsloseren Methoden auch nicht , man kann nur hoffen , daß die Türken endlich mal aufwachen .

    Rücksichtslose Bauvorhaben , Einschränkungen von Pressefreiheit , Menschenrechten und Religionsfreiheit .
    Ständige Apelle an die im Ausland lebenden türkischstämmigen Menschen sich bloss nicht zu gut zu integrieren , mit dem Burschen wird man noch viel Spaß haben.
    Und dank strategischer Bedeutung und Natomitgliedschaft kann man den auch nicht wie Saddam Hussein behandeln , wenns aus dem Ruder läuft.

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    • Lefty
    • 10. Mai 2013 18:33 Uhr

    Sie haben meine Meinung in Worte gefasst,ich war vorsichtig,wollte mich nicht allzuweit aus dem Fenster lehnen.

    Erdogan ist demokratisch gewählt. Sie mögen ihn verfluchen, aber Unwahrheiten dürfen Sie nicht sprechen.

    Lassen Sie Ihren Hass bitte woandes aus.

    Darf man fragen, woher Sie Ihre brisanten Informationen haben? Dich nicht von irgendwelchen türken"kritischen" Seiten?

    Auch wenn ich definitiv kein Freund Erdogans bin, so finde ich auch Hetze ihm ggü. (insbesondere wenn diese nachweislich auf Lügen basieren) für nicht in Ordnung!

    1. Erdogan wurde demokratisch gewählt! Mehr als 50% seines Volkes hat für ihn gestimmt!

    2. Erdogan beschränkt Menschenrechte? Die Religionsfreiheit?
    Im Gegenteil! Er hat angefangen Missstände, die noch aus der Zeit der Militärdiktatur rühren aufzuheben. Kurden als das bisher unterdrückte Volk in der Türkei werden schrittweise immer mehr Rechte eingeräumt.
    Man hat begonnen die staatliche und gesellschaftliche Diskriminierung der kopftuchtragenden Frauen zu bekämpfen.
    Dieser Schritt wird von westlichen "Islamkritikern" ganz besonders als bedrohlich empfunden und als "fundamentalistische Interpretation des Islam" bezeichnet (ach wie schön war doch die "freiere Islaminterpretation" in der Kemal-Ära als kopftuchtragenden Frauen auf der Straße bespuckt/geschlagen wurden und keine Unis besuchen durften).

    3. Sie sollten sich mal den Unterschied zwischen Assimilation und Integration klar machen! Denn Erdogan hat NIE seine Landsleute in Deutschland davon abgeraten sich zu integrieren! Im Gegenteil!

    4. Eine Bitte: Unterlassen Sie es doch in Zukunft falsche Behauptungen in die Welt zu setzen! Danke!

  2. Energie gibt es nicht gratis. Auch nicht in der Türkei. Entscheidungsträger müssen abwägen und wenn es sich um Politiker handelt sollten sie das Allgemeinwohl im Blickwinkel haben, was hier der Fall ist, soweit ich das beurteilen kann.
    Wie würde ich entscheiden, wenn ich die Energieversorgung eines Landes sicherstellen müsste? Schwierig, und alle zufrieden zustellen ist definitiv unmöglich.

    10 Leserempfehlungen
    • Lefty
    • 10. Mai 2013 18:33 Uhr

    Sie haben meine Meinung in Worte gefasst,ich war vorsichtig,wollte mich nicht allzuweit aus dem Fenster lehnen.

    Antwort auf "Nicht verwunderlich "
  3. Rhein, Main, Donau,.. bis hinunter zu kleineren Flüssen wie dem Lech. Alles begradigt, kanalisiert, verbaut. Das sind keine Flüße mehr sondern "Fließgewässer", mehr als der dröge Amtsbegriff ist da nicht mehr angemessen. Ebenso wurden für Stauseen zahlreiche Biotope vernichtet, wurden Dörfer umgesiedelt (am Grund des Forgensee, unweit vom berühmten Schloss Neuschwanstein, kann man bei Niedrigwasser noch heute Reste des ehemaligen Dorfs Forgen erkennen). Nicht zu vergessen die ehemals riesigen Moorflächen, alle trockengelegt und selbst den Boden hat man noch rausgeholt und ihn verfeuert ("Torfstechen"). Für Braunkohle pflügen wir noch heute eine Mondlandschaft in unsere Landschaft und siedeln Ortschaften um...

    Man kann höchstens kritisieren dass die Türkei die Fehler wiederholt die wir vor Generationen gemacht haben. Aber letztlich ist das Sache der türkischen Innenpolitik.

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    Nicht zuviel Selbstreflexion bitte! Das stört den Konsens..

  4. aber Egal was der Mann sagt oder macht wird sofort auf ihn sofort eingeprügelt,immerhin hat er Türkei in den letzten 10 Jahren zu den führenden Industrienationen etabliert also waren seine Entscheidungen oder aussagen nicht immer falsch,während der Amtszeit sind aus Deutschland so viele Türken in ihre Heimat zurückgekehrt wie noch nie.

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    Das Bruttoinlandpsrodukt pro Kopf ist in der Türkei immer noch weit abgeschlagen, hinter Kasachstan, Gabun, Libyen, Venezuela, etc. bei gerade mal 10.600 US Dollar im Jahr (Stand 2012).

    Zum Vergleich: in Deutschland sind es 41.500 US Dollar pro Kopf. In Luxemburg gar 107.200 US Dollar pro Kopf.

    Da ist schon noch Luft zu den "führenden Industrienationen".

    Wahr ist wohl dass er durch das ständige Appelieren an den türkischen Nationalstolz ein Gefühl des Aufbruchs und der "Stärke" in der Türkei geweckt hat. Das sollte man aber nicht mit substantiellen Erfolgen verwechseln.

    Sind für mich ein himmelweiter Unterschied , China ist auch zu einer führenden Industriemacht aufgestiegen , aber um welchen Preis , beführworten sie diese Methoden auch ??

    Leute mit Gewalt aus ihren Häusern zu vertreiben , sprich Zwangsumsiedlungen im großen Stil sind nicht die Mittel einer
    Demokratie .
    Energiegewinnung gut und schön , aber nicht unter Missachtung
    von Menschenrechten des eigenen Bevölkerung und frecherweise
    auch noch der von Drittstaaten .
    Und wenn die Gesetzeslage nicht passt , wird sie eben mal kurz
    passend gemacht .

    Ich hab lange genug in Hamburg in Stadtteilen wie Wilhelmsburg
    gelebt und mit vielen Türken und anderen Landsleuten Kontakt gepflegt .
    Ich beobachte auch seit Jahren den Wandel , die schleichende Radikalisierung türkisch stämmiger Menschen durch das Verhalten und
    agieren einer Regierung Erdogan .

    Der Mann hat eindeutig Großmachtgelüste , die Zeit solcher
    Typen sollte lange vorbei sein , gerade wir Deutschen sollten
    dafür ne ganz feine Antenne haben .
    In der Türkei geht die Demokratie und alles was ein Atatürk aufgebaut
    hat , mit rasanter Geschwindigkeit den Bach runter .

    Es wird doch immer so gerne von deutscher Verantwortung wegen
    unserer Vergangenheit geredet , wird Zeit das wir die auch mal
    wahr nehmen und den Mund aufmachen , wenn uns sowas auffällt .

    Nicht Erdogan hat die Türkei nach vorne gebracht, sondern Atatürk. Die Politik Erdogans verwandelt die Türkei zurück in einen islamistischen Staat.

    • ricbor
    • 10. Mai 2013 22:22 Uhr

    sind aus Deutschland so viele Türken in ihre Heimat zurückgekehrt wie noch nie.

    Da müssen die Deutschen Erdogan wohl dankbar sein, oder was soll das bedeuten?

  5. Das Bruttoinlandpsrodukt pro Kopf ist in der Türkei immer noch weit abgeschlagen, hinter Kasachstan, Gabun, Libyen, Venezuela, etc. bei gerade mal 10.600 US Dollar im Jahr (Stand 2012).

    Zum Vergleich: in Deutschland sind es 41.500 US Dollar pro Kopf. In Luxemburg gar 107.200 US Dollar pro Kopf.

    Da ist schon noch Luft zu den "führenden Industrienationen".

    Wahr ist wohl dass er durch das ständige Appelieren an den türkischen Nationalstolz ein Gefühl des Aufbruchs und der "Stärke" in der Türkei geweckt hat. Das sollte man aber nicht mit substantiellen Erfolgen verwechseln.

    3 Leserempfehlungen
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    • Furzl
    • 10. Mai 2013 18:57 Uhr

    "Da ist schon noch Luft zu den "führenden Industrienationen"."

    Ja, z.B. zur führenden Industrienation Luxemburg welches noch 20 Plätze vor Deutschland rangiert.

    Naürlich ist noch "Luft nach oben", aber richtig ist auch, daß wir die Türkei heute als Konkurrent in Geschäftsbereichen erleben, die man so nicht unbedingt erwarten würde, etwas dem Maschinenbau, Automobilbau oder ganz allgemein der industriellen Produktion. Ob das nun allein Erdogans Verdienst ist, sei mal dahingestellt. Zweifelsfrei steht jedoch fest, daß nicht er es war, der mit diesen gigantomanischen Staudammprojekten begonnen hat, denn die begannen (am Euphrat) bereits vor über 30 Jahren - und zwar sehenden Auges, was die damit verbundenen Umweltzerstörungen, Menschenrechtsverletzungen, außenpolitischen Konflikte und auch ökonomischen Risiken betrifft. Man kann ihm allerdings vorwerfen, daß er diese Politik fortsetzt, sollte dann aber auch Alternativen aufzeigen können.

    ... wirtschaftliche und ökonomische Produktivität - und vor allem Prosperität - einzig am Pro-Kopf-Einkommen bemessen zu wollen wert ist, resp. dass solche Zahlen nur eine höchst begrenzte Aussagekraft haben, sollte sich doch gerade in der EU angesichts der Krise rumgesprochen haben. Auf dem Papier haben auch GR, Zyp., Bul. oder Rumänien höhere Prokopf-Einkommen als die Türkei. Trotzdem verdingen sich Bulgaren bei uns als Tagelöhner. Btw. dürften Sie dieser Logik folgend auch China nicht zu den wirtschaftlich-industriellen Schwergewichten zählen. Deren Prokopf-Einkommen liegt ja nochmals deutlich unter dem türkischen.

    • matbhm
    • 11. Mai 2013 1:39 Uhr

    ... ist, dass die wirtschaftlichen Erfolge in keinem nennenswerten Zusammenhang mit der Politik stehen, insbesondere nicht mit der Politik Erdogans.

    oder Kasachstan vergleichen, dann meinen Sie tatsächlich, dass Sie damit eine Aussage über die Türkei als Industriestaat machen können. Dann müssen Sie aber auch Deutschland mit Norwegen vergleichen.
    Außerdem von Rohstoffen abgesehen, welche Industrieproduktion gibt es denn in diesen vier von Ihnen genannten Ländern?

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  • Schlagworte Recep Tayyip Erdoğan | Türkei | Iran | Russland
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