Uli Hoeneß © Lars Baron/Bongarts/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Hoeneß, bereuen Sie, was Sie getan haben?

Uli Hoeneß: Ja, ich bereue das, unendlich. Ich habe eine große Torheit begangen, einen Riesenfehler, den ich so gut wie möglich korrigieren will. Wissen Sie, nur eine Sache ist wirklich gut an meiner katastrophalen Situation. Ich hatte all die Jahre ein schlechtes Gewissen wegen dieses Kontos in der Schweiz. Immer hatte ich im Hinterkopf: Du musst das lösen, du musst das bereinigen. Diese Gedanken waren immer da, und damit ist jetzt Schluss. Das ist eine große Erleichterung. Das ist vorbei, endlich vorbei.

ZEIT: Sie sind einerseits der harte Manager, andererseits ein beachtlicher sozialer Wohltäter. Dazu haben Sie sich in den letzten Jahren gerne als großer Moralist inszeniert, der besonders über die perversen Auswüchse an der Börse wetterte. Und jetzt? Der Börsenzocker Hoeneß steht als Steuerbetrüger am Pranger. Ausgerechnet der Hoeneß!

Hoeneß: Natürlich spüre ich diesen Druck. Sie glauben gar nicht, was ich alles spüre. Es ist eine Situation, die kaum auszuhalten ist. Ich schlafe sehr schlecht, ich schwitze sehr viel in der Nacht, was ich eigentlich gar nicht kenne.

ZEIT: Was machen Sie in diesen schlaflosen Nächten?

Hoeneß: Ich wälze mich und wälze mich. Und dann wälze ich mich noch mal. Und denke nach, denke nach und verzweifle. Ich bin morgens auch manchmal schon eine Stunde nach dem Aufstehen völlig fertig. Da höre ich wieder, was irgendeiner über mich geschrieben oder gesagt hat. Mein Anwalt hat in den ersten Tagen auf Google die Artikel gezählt, es waren mehr als 2600. Ich versuche, so gut wie nichts zu lesen, aber natürlich bekomme ich viel mit. Die hohen Einschaltquoten bei Günther Jauch, als sie über mich redeten. Es ist schon ein Wahnsinn, was da passiert.

ZEIT: Gibt es Leute, auf die Sie sich verlassen können?

Hoeneß: Meine Familie steht wie eine Eins hinter mir, darauf bin ich sehr stolz. Ich weiß, in welche Lage ich sie gebracht habe. Ich habe einige Freunde, auf die ich mich verlassen kann. Außerdem werde ich von meinen Anwälten sehr gut beraten. Ich erlebe, wie manche Freunde zu Verrätern werden. Aber ich bekomme auch viele Briefe, Hunderte von Briefen, zu 90 Prozent steht da drin, ja, du hast einen großen Fehler gemacht, aber wir lassen nicht zu, dass du deshalb vernichtet wirst, menschlich vernichtet. Ohne solchen Zuspruch wäre es gar nicht auszuhalten.

Das Gespräch mit Uli Hoeneß findet in einem seiner Lieblingsrestaurants in München statt. Es ist der erste sommerähnliche Tag, 22 Grad warm. Als er auf die Eingangstür des Lokals zugeht, bildet sich sofort eine kleine Menschentraube um ihn. Manche sagen: "Alles Gute, Herr Hoeneß." Der Präsident des FC Bayern nickt ihnen zu. Im hinteren Bereich des Restaurants hat er ein Nebenzimmer reserviert. Sein Sohn Florian, 33 Jahre alt, ist auch dabei, er leitet seit einigen Jahren die Wurstfabrik, die der Familie gehört. Es wirkt fast so, als suche der angeschlagene Vater Schutz bei seinem Sohn. Zu Beginn des Interviews ist Uli Hoeneß sehr angespannt, wie ein Igel rollt er seinen Kopf ein. Die Muskeln in seinen Oberarmen zucken. Es dauert eine halbe Stunde, bis er gelassener wird.

ZEIT: Herr Hoeneß, Sie haben noch am Abend des 19. März einen Vortrag im Audimax der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität über die Auswüchse des Kapitalismus gehalten. Am Morgen des 20. März sind Sie dann verhaftet worden.

Hoeneß: Bis zum 19. März war ich fest davon überzeugt, dass ich durch die Abgabe meiner Selbstanzeige und die Bezahlung der Steuerschuld keine Strafverfolgung befürchten muss. Am 20. März änderte sich dann mein Leben, morgens um sieben. Da läutete es an der Tür in meinem Haus am Tegernsee, ich war im Bademantel, und da stand die Staatsanwaltschaft vor der Tür. Da begann die Hölle für mich.

ZEIT: Wie viele Leute waren das?

Hoeneß: Zwei, drei Staatsanwälte, ein paar Steuerfahnder, einige Polizisten, es waren nur zwei oder drei Autos vor der Tür. Ich muss sagen, das lief echt diskret ab, ohne großes Spektakel. Die Durchsuchung war ruhig und sauber. Sie nahmen Computer und Handys mit und suchten Bankunterlagen. Sie zeigten mir den Durchsuchungsbeschluss und den Haftbefehl und sagten, ich solle meine Tasche packen, sie nähmen mich mit. Einer meinte: Denken Sie vor allem an Ihre Tabletten. Die gingen davon aus, dass ich länger im Gefängnis bleiben würde. Es war eine Szene wie im Tatort.

ZEIT: Tabletten?

Hoeneß: Gegen Bluthochdruck und zu hohes Cholesterin. Was ältere Herren halt so für Defekte haben.

Florian Hoeneß: Meine Mutter blieb, nachdem mein Vater mitgenommen worden war, alleine zu Hause, meine Schwester kam später zur Unterstützung. Und ich war dann auch gegen 14 Uhr da.

ZEIT: Sie wurden nach München ins Justizgebäude gebracht.

Hoeneß: Ich war wie gelähmt. Ich glaube, ich habe auf der Fahrt kein Wort gesprochen.