Uli Hoeneß"Es war der Kick, pures Adrenalin"

Wie aus Uli Hoeneß ein Steuerhinterzieher wurde – ein Gespräch über nächtliche Millionengeschäfte an der Börse, ein Schweizer Bankkonto mit der Nummer 4028BEA und seine Zukunft beim FC Bayern von Cathrin Gilbert, und

Uli Hoeneß

Uli Hoeneß  |  © Lars Baron/Bongarts/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Hoeneß, bereuen Sie, was Sie getan haben?

Uli Hoeneß: Ja, ich bereue das, unendlich. Ich habe eine große Torheit begangen, einen Riesenfehler, den ich so gut wie möglich korrigieren will. Wissen Sie, nur eine Sache ist wirklich gut an meiner katastrophalen Situation. Ich hatte all die Jahre ein schlechtes Gewissen wegen dieses Kontos in der Schweiz. Immer hatte ich im Hinterkopf: Du musst das lösen, du musst das bereinigen. Diese Gedanken waren immer da, und damit ist jetzt Schluss. Das ist eine große Erleichterung. Das ist vorbei, endlich vorbei.

Anzeige

ZEIT: Sie sind einerseits der harte Manager, andererseits ein beachtlicher sozialer Wohltäter. Dazu haben Sie sich in den letzten Jahren gerne als großer Moralist inszeniert, der besonders über die perversen Auswüchse an der Börse wetterte. Und jetzt? Der Börsenzocker Hoeneß steht als Steuerbetrüger am Pranger. Ausgerechnet der Hoeneß!

Hoeneß: Natürlich spüre ich diesen Druck. Sie glauben gar nicht, was ich alles spüre. Es ist eine Situation, die kaum auszuhalten ist. Ich schlafe sehr schlecht, ich schwitze sehr viel in der Nacht, was ich eigentlich gar nicht kenne.

ZEIT: Was machen Sie in diesen schlaflosen Nächten?

Hoeneß: Ich wälze mich und wälze mich. Und dann wälze ich mich noch mal. Und denke nach, denke nach und verzweifle. Ich bin morgens auch manchmal schon eine Stunde nach dem Aufstehen völlig fertig. Da höre ich wieder, was irgendeiner über mich geschrieben oder gesagt hat. Mein Anwalt hat in den ersten Tagen auf Google die Artikel gezählt, es waren mehr als 2600. Ich versuche, so gut wie nichts zu lesen, aber natürlich bekomme ich viel mit. Die hohen Einschaltquoten bei Günther Jauch, als sie über mich redeten. Es ist schon ein Wahnsinn, was da passiert.

ZEIT: Gibt es Leute, auf die Sie sich verlassen können?

Hoeneß: Meine Familie steht wie eine Eins hinter mir, darauf bin ich sehr stolz. Ich weiß, in welche Lage ich sie gebracht habe. Ich habe einige Freunde, auf die ich mich verlassen kann. Außerdem werde ich von meinen Anwälten sehr gut beraten. Ich erlebe, wie manche Freunde zu Verrätern werden. Aber ich bekomme auch viele Briefe, Hunderte von Briefen, zu 90 Prozent steht da drin, ja, du hast einen großen Fehler gemacht, aber wir lassen nicht zu, dass du deshalb vernichtet wirst, menschlich vernichtet. Ohne solchen Zuspruch wäre es gar nicht auszuhalten.

Das Gespräch mit Uli Hoeneß findet in einem seiner Lieblingsrestaurants in München statt. Es ist der erste sommerähnliche Tag, 22 Grad warm. Als er auf die Eingangstür des Lokals zugeht, bildet sich sofort eine kleine Menschentraube um ihn. Manche sagen: "Alles Gute, Herr Hoeneß." Der Präsident des FC Bayern nickt ihnen zu. Im hinteren Bereich des Restaurants hat er ein Nebenzimmer reserviert. Sein Sohn Florian, 33 Jahre alt, ist auch dabei, er leitet seit einigen Jahren die Wurstfabrik, die der Familie gehört. Es wirkt fast so, als suche der angeschlagene Vater Schutz bei seinem Sohn. Zu Beginn des Interviews ist Uli Hoeneß sehr angespannt, wie ein Igel rollt er seinen Kopf ein. Die Muskeln in seinen Oberarmen zucken. Es dauert eine halbe Stunde, bis er gelassener wird.

ZEIT: Herr Hoeneß, Sie haben noch am Abend des 19. März einen Vortrag im Audimax der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität über die Auswüchse des Kapitalismus gehalten. Am Morgen des 20. März sind Sie dann verhaftet worden.

Hoeneß: Bis zum 19. März war ich fest davon überzeugt, dass ich durch die Abgabe meiner Selbstanzeige und die Bezahlung der Steuerschuld keine Strafverfolgung befürchten muss. Am 20. März änderte sich dann mein Leben, morgens um sieben. Da läutete es an der Tür in meinem Haus am Tegernsee, ich war im Bademantel, und da stand die Staatsanwaltschaft vor der Tür. Da begann die Hölle für mich.

ZEIT: Wie viele Leute waren das?

Hoeneß: Zwei, drei Staatsanwälte, ein paar Steuerfahnder, einige Polizisten, es waren nur zwei oder drei Autos vor der Tür. Ich muss sagen, das lief echt diskret ab, ohne großes Spektakel. Die Durchsuchung war ruhig und sauber. Sie nahmen Computer und Handys mit und suchten Bankunterlagen. Sie zeigten mir den Durchsuchungsbeschluss und den Haftbefehl und sagten, ich solle meine Tasche packen, sie nähmen mich mit. Einer meinte: Denken Sie vor allem an Ihre Tabletten. Die gingen davon aus, dass ich länger im Gefängnis bleiben würde. Es war eine Szene wie im Tatort.

ZEIT: Tabletten?

Hoeneß: Gegen Bluthochdruck und zu hohes Cholesterin. Was ältere Herren halt so für Defekte haben.

Florian Hoeneß: Meine Mutter blieb, nachdem mein Vater mitgenommen worden war, alleine zu Hause, meine Schwester kam später zur Unterstützung. Und ich war dann auch gegen 14 Uhr da.

ZEIT: Sie wurden nach München ins Justizgebäude gebracht.

Hoeneß: Ich war wie gelähmt. Ich glaube, ich habe auf der Fahrt kein Wort gesprochen.

ZEIT: Warum haben Sie nicht als Erstes einen Anwalt angerufen?

Hoeneß: Der Privatmensch Hoeneß hatte bis dahin doch keinen Anwalt. Ich brauchte doch nie einen. Bis zu diesem Morgen dachte ich, ich habe ein Steuerproblem, aber kein strafrechtliches Problem. Ich war in keiner Weise darauf vorbereitet. Ich war mir todsicher, dass ich das irgendwie alleine hinkriege.

ZEIT: Schwer zu verstehen, dass ein Mann in Ihrer Position derart naiv ist.

Hoeneß: Waren Sie schon einmal in einer solchen Situation?

ZEIT: Nein. Als Sie dann vor der Richterin saßen, hatten Sie doch einen Anwalt an Ihrer Seite. Da zeitgleich zu der Durchsuchung Ihres Hauses am Tegernsee auch Ihre Büroräume beim FC Bayern in der Säbener Straße in München durchsucht wurden, hatten die Verantwortlichen dort den Anwalt Werner Leitner informiert. Der Haftbefehl war mit Fluchtgefahr begründet.

Hoeneß: Fluchtgefahr, ja, ich habe die Richterin gefragt: Bitte, wohin soll ich fliehen? Und ich habe ihr gesagt, ich möchte keinen Prominenten-Bonus, aber ich möchte auch keinen Prominenten-Malus.

ZEIT: Am Ende sorgte Ihr Anwalt dafür, dass der Haftbefehl durch Zahlung einer Kaution in Höhe von fünf Millionen Euro außer Vollzug gesetzt wurde.

Hoeneß: Es musste alles ganz schnell gehen, wir wickelten das über das Konto des Anwalts ab. Ich wies meine Bank an, das Geld zu überweisen.

ZEIT: Im Grunde müssen Sie noch froh sein, dass Ihre Verhaftung nicht live im Fernsehen dokumentiert worden ist wie im Fall des ehemaligen Post-Chefs Klaus Zumwinkel.

Hoeneß: Moment, es ist nicht korrekt, diese beiden Fälle miteinander zu vergleichen. Ich hatte eine Selbstanzeige aufgegeben, habe mich also selbst belastet. Ich bin nicht erwischt worden.

ZEIT: Aber angenommen, etwa durch den Ankauf einer Steuer-CD wäre man einige Monate vorher auf Ihr Konto gestoßen, dann wäre es ein sehr ähnlicher Fall. Zumwinkel hatte Steuern hinterzogen und Sie auch.

Hoeneß: Okay, theoretisch stimmt das.

Uli Hoeneß hatte bis zum Ende des vergangenen Jahres darauf gesetzt, seine Steuersünden mithilfe des geplanten Steuerabkommens zwischen Deutschland und der Schweiz auf diskrete Art bereinigen zu können. Er hatte sich von der Vontobel-Bank ausrechnen lassen, was er in diesem Fall hätte bezahlen müssen. Nach den Bestimmungen des geplanten Abkommens waren für diese Berechnung jeweils die Jahresendstände des Kontos mit der Nummer 4028BEA relevant. Als das Abkommen gescheitert war und Hoeneß seine drei Berater anwies, eine Selbstanzeige abzugeben, machten die Experten möglicherweise einen folgenschweren Fehler. Eine Selbstanzeige richtet sich nach deutschem Steuerrecht, und hier sind nicht nur die Jahresendstände, sondern auch die steuerlich relevanten Kontovorgänge innerhalb eines Jahres zu berücksichtigen. Diese wurden in der Selbstanzeige nicht dokumentiert. Eine solche Dokumentation dauert bei Schweizer Banken einige Wochen.

ZEIT: War Ihnen bekannt, wie man eine Selbstanzeige abgibt?

Hoeneß: Nein, das war und ist mir nicht bekannt. Ich könnte auch keine Steuererklärung abgeben, dafür habe ich meine Steuerberater. Ich hatte die Entscheidung getroffen, eine Selbstanzeige abzugeben, und beauftragte einen Steuerberater, einen Steuerfachmann und einen Wirtschaftsanwalt, dies zu veranlassen. Sollte es Fehler gegeben haben, habe ich diese nicht persönlich begangen.

ZEIT: Sie wussten aber über all die Jahre, dass man dort, wo man wohnt, alles versteuern muss, auch die Gewinne, die man im Ausland verzeichnet hat?

Hoeneß: Ja, das wusste ich.

ZEIT: Wie groß war die Angst, dass diese Sache an die Öffentlichkeit kommt, was ja nun geschehen ist?

Hoeneß: Natürlich war diese Angst da, sie war immer da. Dass es allerdings im Zusammenhang mit der Selbstanzeige geschieht, damit hatte ich nicht gerechnet. Es gab bislang Tausende von Selbstanzeigen, ich hatte noch von keiner gehört, die öffentlich wurde. Außer bei meiner.

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung?

Hoeneß: Es bringt nichts, zu spekulieren.

Stimmen zu Hoeneß: Vor dem 20. April

"Kann die Republik von Uli Hoeneß lernen? Was er mit dem FC Bayern geschafft hat, müsste Merkel mit der Bundesrepublik gelingen und schließlich in ganz Europa."
Der Spiegel, Februar 2013

"Wenn er den Mund aufmacht, hört Deutschland zu. Was vielen Politikern abgeht, das kann Hoeneß."
BILD, September 2012

"Der Uli ist ein wirklicher Homo politicus. Sein Wirkungskreis weist weit über den Fußball hinaus."
Edmund Stoiber, Februar 2013

"Zwei Eigenschaften zeichnen Uli Hoeneß besonders aus: Charakterfestigkeit und Menschlichkeit."
Günter Netzer, Dezember 2011

"Wenn’s sein muss, wechselt er uns in der Halbzeitpause auch mal die Stollen an den Schuhen aus."
Oliver Kahn, Januar 2001

Nach dem 20. April

"Viele Menschen sind jetzt von Uli Hoeneß enttäuscht. Die Kanzlerin zählt auch zu diesen Menschen."
Regierungssprecher Steffen Seibert

"Hoeneß’ Verhalten ist die schlimmste Form asozialen Verhaltens."
Bayerns SPD-Chef Florian Pronold

"Das ist nicht nur ein Fehler, das ist schon eine kriminelle Handlung."
Theo Zwanziger, ehemaliger DFB-Chef

"Unabhängig davon, was im Gesetz steht, es gibt auch diese Kategorie ›Das tut man nicht‹."
CDU-Bundestagsabgeordneter Wolfgang Bosbach

"Wir haben alle viel Respekt für den Präsidenten, wir haben das heute ein bisschen auch für ihn gemacht."
Bayern-Verteidiger Dante

ZEIT: Herr Hoeneß, im Mittelpunkt Ihrer Probleme steht Ihr Konto mit der Nummer 4028BEA bei der Züricher Vontobel-Bank. Wann haben Sie dieses Konto eröffnet?

Hoeneß: Mitte der siebziger Jahre. Ich habe ja schon seit über 30 Jahren eine Wohnung in der Schweiz, und damals habe ich auch dieses Konto eröffnet. Es lag viele Jahre brach, war ein ganz normales Girokonto.

ZEIT: Bis im Jahr 2001 der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus Ihnen unfassbare 20 Millionen Mark auf das Konto einzahlte. Fünf Millionen Mark waren geliehen, 15 Millionen Mark wurden als Bürgschaft gestellt. Können Sie das bitte erklären?

Hoeneß: Robert Dreyfus war bis zu seinem Tod einer meiner besten Freunde. Ich lernte ihn in den neunziger Jahren kennen. Wir haben uns schnell sehr gut verstanden. Wir saßen oft hier im Restaurant, tranken Rotwein, er rauchte Zigarre, es waren wunderbare Abende. Wir sprachen damals auch öfter über den Reiz von Börsenspekulationen.

ZEIT: Dreyfus erkrankte schwer an Leukämie...

Hoeneß: ...es war eine schreckliche Diagnose. Ich habe ihn eng bei dieser Krankheit begleitet, wir waren auch zusammen in Houston, wo er im MD Anderson Cancer Center behandelt wurde. Ich erinnere mich gut an den Tag, als er mir sagte, er werde nicht mehr lange leben. Er bat mich, nach seinem Tod einer seiner Vermögensverwalter zu werden, bis seine Frau so weit war, das selbst zu machen. Es war eine enge Freundschaft. Und ich möchte darauf hinweisen, dass ich die fünf Millionen Mark nach relativ kurzer Zeit zurückgezahlt habe, mit Zinsen. Ich habe auch den Kredit, für den Robert gebürgt hatte, abgelöst.

ZEIT: Sind Sie durch Dreyfus an die Börse gekommen?

Hoeneß: Nein, nein, ich habe schon viel früher angefangen zu spekulieren: aber nie höher als 50.000 Dollar, das war es. Das wurde heftiger, als alle an der Börse spielten, zur Zeit der großen Internetblase. Als diese Blase dann platzte, fuhr ich schwere Verluste ein, ich war da richtig klamm. Das war der Moment, als Dreyfus mir anbot, lass uns was zusammen machen, er würde es finanzieren. So kamen die Millionen auf das Konto, es war immer klar, das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes.

ZEIT: Wie lief das damals?

Hoeneß: Ganz am Anfang wusste ich gar nicht, wie das geht mit dem Robert, es gab keinen Plan, wie lange wir das machen. Dann hat er irgendwann gesagt, nee, Uli, das kannst du jetzt alles selber machen. Und mach dir keine Gedanken über die Kohle, ich habe genug davon. Wir waren am Anfang ziemlich erfolgreich, und vielleicht gab es schon von diesem Beginn an irgendwie diese Angst, entdeckt zu werden. Ich will heute jedem raten, der so ein Konto hat, es zu bereinigen. Es gibt diese Angst im Hinterkopf, man verdrängt sie immer wieder, aber sie kommt immer wieder hoch. Das reduziert die Lebensqualität, ganz sicher. Das ist jetzt vorbei.

ZEIT: Herr Hoeneß, ist das nicht eine sehr seltsame Sache: Der Adidas-Chef leiht Ihnen privat 20 Millionen Mark, und kurze Zeit später steigt adidas mit fast zehn Prozent beim FC Bayern ein und verlängert den Ausrüstervertrag. Klingt ein wenig nach möglicher Korruption.

Hoeneß: Nein, das klingt nach gar nix. Sie müssen das zeitlich klar trennen. Robert Dreyfus war in keiner Weise an den Verhandlungen mit dem FC Bayern beteiligt, denn er hatte schon 1999 die operativen Geschäfte auch wegen seiner Erkrankung an Herbert Hainer übergeben. Am 5. März 2001 ist Hainer dann offiziell Vorstandsvorsitzender geworden, und im September 2001 wurde die Beteiligung am FC Bayern vereinbart. Robert hatte mit dem Deal gar nichts zu tun.

ZEIT: Der große Konkurrent von adidas war damals der amerikanische Konzern Nike, der weit mehr Geld geboten haben soll. Bayern hat sich trotzdem für adidas entschieden.

Hoeneß: Ich hätte gerne das Geschrei gehört, wenn wir uns für Nike entschieden hätten und damit bei adidas möglicherweise viele Arbeitsplätze in Gefahr gebracht hätten. Wir haben uns für adidas entschieden, weil es ein deutsches Unternehmen ist und weil adidas mit uns vom FC Bayern seit je vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte.

ZEIT: Verstehen Sie, dass trotz aller Erklärungen für Außenstehende das Geschäft und das Geld von Dreyfus ein Geschmäckle haben?

Hoeneß: Ich verstehe es schon, aber es muss doch möglich sein, es so lange zu erklären, bis dieses Geschmäckle weg ist.

ZEIT: Herr Hoeneß, können Sie ausschließen, dass dieses Schweizer Konto in irgendeiner Form in Verbindung zum FC Bayern steht?

Hoeneß: Das kann ich ausschließen. Dieses Konto war ganz allein Uli Hoeneß.

ZEIT: Lief das Konto auf Ihren Namen?

Hoeneß: Ja.

ZEIT: Gibt es weitere nicht erklärte Konten?

Hoeneß: Nein.

ZEIT: Kommen wir wieder zum Zocken: Ab 2001 waren 20 Millionen Mark auf Ihrem Konto. Sie konnten jetzt richtig loslegen.

Hoeneß: In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt, das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind, diese Beträge waren schon teilweise extrem. Das war der Kick, das pure Adrenalin.

ZEIT: Extreme Beträge? Waren das Millionenbeträge?

Hoeneß: Ich nenne keine Summen.

ZEIT: Was war eigentlich der höchste Stand auf diesem Konto, wenn Sie mal beim Zocken richtig gewonnen haben?

Hoeneß: Das weiß ich nicht. Keine Ahnung, ich habe da nie draufgeschaut. Dieses Geld war für mich virtuelles Geld, wie wenn ich Monopoly spiele. Rücken Sie vor auf die Schlossallee, und wenn Sie über Los kommen, kassieren Sie 4.000 Euro. So war das für mich. Ich habe nie unversteuertes Geld in die Schweiz geschafft.

ZEIT: Wie müssen wir uns Ihren Zockeralltag vorstellen?

Hoeneß: Ich habe Tag und Nacht mit der Bank telefoniert, die haben ja alle so Nightdesks, wegen der Zeitverschiebungen, das geht rund um die Uhr. Die Sicherheiten der Bank müssen ja 24 Stunden gelten, wenn es aber in Asien nachts extreme Bewegungen gibt, wirst du trotzdem rausgeschossen. Die Bank sagt dir, du musst einen sogenannten Stopp einbauen, das heißt, wenn eine Sicherheit unterschritten wird, fliegst du automatisch raus.

ZEIT: Klingt kompliziert. Hatten Sie da Berater?

Hoeneß: Nein, ich habe niemanden. Natürlich habe ich Freunde, die ich anrufen kann, um mich zu beraten. Aber entschieden habe ich immer alleine. Ich rief keinen Banker an und sagte, mach mal, sondern ich habe das selbst gemacht.

ZEIT: Wie darf man sich das praktisch vorstellen?

Hoeneß: Ich habe einen kleinen Börsenpager, den habe ich immer dabei, auf dem kann ich die Kurse kontrollieren. Manchmal war es sogar im Fußballstadion so, wenn das Spiel ein bisschen langweiliger war, habe ich heimlich auf meinen Pager geschielt.

ZEIT: Erstaunlich, wie Sie mit diesem Gerät umgehen können. Sie gelten ansonsten ja als Technikfeind.

Hoeneß: Das stimmt, das ist ein Widerspruch. Onlinebanking kann ich zum Beispiel gar nicht. Ich weiß nicht einmal, wie man den Computer einschaltet.

Das Leben des Uli Hoeneß: 1952-1982

1970
Der Metzgersohn Ulrich Hoeneß kommt 1952 in Ulm zur Welt. Mit 18 spielt er zum ersten Mal für den FC Bayern in der Bundesliga. Sein Lehramtsstudium bricht er ab, als er Profi wird

1973
Mit seinem Vereinskameraden Paul Breitner (rechts) zieht Hoeneß in eine WG. In den Siebzigern bilden er und Gerd Müller das torgefährlichste Duo der Bundesliga. Dreimal werden sie deutscher Meister

1974
1972 gewann Hoeneß mit der Nationalmannschaft die Europameisterschaft. Zwei Jahre später wird er Weltmeister. Im Endspiel der EM 1976 verschießt Hoeneß den entscheidenden Elfer gegen die Tschechoslowaken

1979-1985

1979
1979 beendet Hoeneß seine Karriere wegen eines Knorpelschadens im Knie. Er wechselt in die Geschäftsstelle und wird mit 27 Jahren der jüngste Manager der Liga-Geschichte

1982
1982 überlebt Hoeneß als einziger Insasse den Absturz eines Propellerflugzeuges. Der damals 30-Jährige schlief in der Maschine und kann sich bis heute nicht an das Unglück erinnern

1985
1985 gründet Hoeneß eine Wurstwarenfabrik in Nürnberg. Das Unternehmen wird heute von seinem Sohn geleitet und beliefert unter anderem Aldi und McDonald’s

1988-2009

1988
Mit neuen Merchandising-Methoden führt Hoeneß (links: Trainer Jupp Heynckes) den verschuldeten FC Bayern aus den roten Zahlen. Sein Ziel: Ein »deutsches Real Madrid" formen

1994
Seit 1973 ist Hoeneß mit seiner Frau Susanne verheiratet (links: Bei der Meisterfeier 1994). Sie leben in Bad Wiessee am Tegernsee, haben einen Sohn, eine Tochter und zwei Enkel

2009
2009 gibt Hoeneß den Managerposten auf und wird neuer Präsident des Vereins. Ein Jahr später übernimmt er zudem das Amt des Aufsichtsratschefs der FC Bayern München AG

2010-2013

2010
Für sein soziales Engagement erhält Hoeneß 2010 den "Querdenker-Preis", später die Bayerische Staatsmedaille für soziale Verdienste. Inzwischen tritt er häufig in Talkshows auf

2013
In dieser Saison feiert Hoeneß den schnellsten Meistertitel der Liga-Geschichte und verpflichtet den spanischen Star-Trainer Pep Guardiola. Politiker der Union suchen seine Nähe – bis die Staatsanwälte im April 2013 ermitteln

ZEIT: Was hat Ihre Familie eigentlich zu Ihrer Zockersucht gesagt?

Hoeneß: Die waren immer dagegen, alle, aber vor allem meine Frau. Die hasst es, wenn ich zocke. Sie ist da bis heute meine schärfste Gegnerin.

Florian Hoeneß: Wir haben alle in der Familie immer wieder mit meinem Vater geredet, dass es so nicht weitergeht.

Hoeneß: Das kann ich bestätigen. Meine Familie war da in der Analyse besser als ich.

ZEIT: Sie sagen, Sie haben bis zum Jahr 2006 gezockt, was das Zeug hielt, und dann nicht mehr so viel. Woran liegt das?

Hoeneß: Ich habe zu viele Verluste gemacht. Ich konnte nicht mehr so viel zocken. Und dann kam im Jahr 2008 die Finanzkrise, und da ging es endgültig in den Keller. Außerdem bin ich auch nicht mehr so wie früher auf der ständigen Suche nach dem großen Kick. Ich werde älter. Ich bin 61 Jahre alt.

ZEIT: So leicht schafft ein Zocker den Absprung?

Hoeneß: Ich höre ja nicht völlig auf, ich spiele nur viel weniger. Ich habe kein Bedürfnis mehr, jeden zweiten Tag ein Geschäft zu machen.

ZEIT: Halten Sie sich eigentlich für süchtig?

Hoeneß: Ich halte mich nicht für krank, wenn Sie das meinen. Zumindest heute nicht mehr. Sollte ich vor Gericht müssen, erscheine ich dort nicht als kranker Mann. Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert.

Florian Hoeneß: Ich darf sagen, dass die Familie dies ein bisschen anders sieht.

ZEIT: Was hat Sie tiefer getroffen, die Niederlage des FC Bayern im Champions-League-Finale 2012 gegen Chelsea oder Ihre schweren Börsenverluste nach der Lehman-Pleite?

Hoeneß: Die Niederlage der Bayern war viel schlimmer. Der Tag nach der Lehman-Pleite war hart, aber emotional hat mich das nicht getroffen, null.

ZEIT: Lassen Sie uns noch einmal auf Ihr öffentliches Bild zurückkommen: Da gibt es den Erfolgsmanager, da gibt es den sozialen Wohltäter, und da gab es den Moralisten, der immer darauf Wert legte, dass er Klartext sprach und absolut verlässlich war. Das alles war Uli Hoeneß. Wie passt das zu dem Zocker, der Steuern hinterzieht? Wir verstehen das immer noch nicht. Können Sie das Bild zusammenfügen?

Hoeneß: Es gibt zwei Uli Hoeneß, eigentlich drei. Einer ist der seriöse, konservative Geschäftsmann, beim FC Bayern, bei unserer Wurstfabrik. Der zweite Uli Hoeneß ist auch privat sehr konservativ, nur klassische Geldanlagen, wenn Aktien, dann halte ich sie mindestens drei bis zehn Jahre. Dieser Uli Hoeneß ist wie Warren Buffett, er denkt langfristig und strategisch. Und dann gibt es den dritten Uli Hoeneß...

ZEIT: ...den für die Öffentlichkeit neuen Uli Hoeneß...

Hoeneß: ...der dem Kick nachgejagt ist, der ins große Risiko ging. Vielleicht steckt dahinter auch die Sehnsucht, die Wirklichkeit zu vergessen, auszubrechen. Das geht an der Börse gut.

ZEIT: Sie sind ein leidenschaftlicher Börsianer. Was bitte hat Sie dazu bewogen, sich in der Öffentlichkeit als der große Börsenkritiker und Moralapostel aufzuschwingen? So sagten Sie in einem Interview vor drei Jahren noch: Zocken gehört verboten...

Hoeneß: Nein, ich habe nie gegen die Börse als solches gewettert, ich habe mich ausdrücklich gegen Spekulation mit Nahrungsmitteln ausgesprochen. Das finde ich skandalös, wenn auf dem Rücken hungernder Menschen beispielsweise der Reispreis hochgetrieben wird.

ZEIT: Zocken an der Börse ist ansonsten okay?

Hoeneß: Ich habe den großen Fehler gemacht, die fälligen Steuern auf diesem Konto nicht zu bezahlen. Das ist unmoralisch gewesen, das bedaure ich sehr. Aber das Spekulieren an der Börse halte ich nicht für unmoralisch, das würde ich auch jederzeit weiter machen. Was ist unmoralisch an Devisengeschäften? Sehe ich nicht. Ich habe keine Probleme, wenn man gegen Währungen wettet. Nehmen Sie einen Mann wie Warren Buffett, einen der großen Spekulanten weltweit. Ist der unmoralisch? Nein. Übrigens, ich kenne Hunderte von Leuten, die an der Börse so aktiv sind wie ich.

ZEIT: Sie sagten auch wiederholt in der Öffentlichkeit: "Ich weiß, dass es doof ist, aber ich zahle volle Steuern."

Hoeneß: Klingt verlogen jetzt, klar. Aber wissen Sie, ich habe verdammt viel Steuern gezahlt. 50 Millionen Euro Steuern mindestens. Ist trotzdem keine Rechtfertigung für meine Steuerhinterziehung, das weiß ich. Ich habe weit mehr gespendet als den Betrag, den ich hinterzogen habe. Ich bin ein sehr sozialer Mensch, das lasse ich mir auch nicht nehmen. Zu meinem 60. Geburtstag hat mir der FC Bayern ein Freundschaftsspiel gegen den FC Barcelona in diesem Sommer geschenkt. Ich habe damals spontan gesagt, dass der komplette Gewinn in Höhe von rund drei Millionen Euro von mir gespendet wird.

ZEIT: Die Menschen haben Sie als Vorbild gesehen. Der Spiegel hatte Sie noch vor einigen Wochen in einem hymnischen Porträt als den wahren Bundeskanzler hochgeschrieben. Und jetzt, wo ist das Vorbild geblieben? Wie sehr leiden Sie unter diesem Sturz?

Hoeneß: Das ist für mich ein ganz großes Problem. Ich fühlte mich in diesen Tagen auf die andere Seite der Gesellschaft katapultiert, ich gehöre nicht mehr dazu. Ich mache mir natürlich riesige Vorwürfe. Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch.

ZEIT: Früher konnten die Politiker Ihnen nicht nah genug sein. Stimmt es, dass die CSU-Politikerin Ilse Aigner Ihnen sogar einen Listenplatz bei der nächsten Landtagswahl angeboten hat?

Hoeneß: Ja, das stimmt. Aber ich habe dankend abgelehnt.

ZEIT: Und jetzt erleben Sie einen gegenteiligen Wettbewerb: Die Politiker können sich nicht weit genug von Ihnen entfernen.

Hoeneß: Mich überrascht das, aber meine Freunde sagen zu mir: Das war doch klar, das hättest du vorher wissen müssen.

ZEIT: Herr Hoeneß, die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihren Regierungssprecher verkünden lassen, sie sei von Ihnen enttäuscht. Waren Sie darauf vorbereitet?

Hoeneß: Ich bin auf gar nichts vorbereitet. Ich lebe in einem völligen Ausnahmezustand. Es ist die schlimmste Zeit meines Lebens. Und leider gibt es nur einen, der wirklich schuld ist an dieser Situation, ich selbst.

ZEIT: Hat die Bundeskanzlerin vorher angerufen und Sie auf ihre Äußerung vorbereitet?

Hoeneß: Nein, das hat sie nicht. Ich möchte das aber jetzt auf keine Weise kommentieren.

ZEIT: Wir fragen deshalb, weil man Sie ja durchaus als Fan von Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnen konnte. Sie haben sich ja immer wieder überaus wohlwollend über sie geäußert.

Hoeneß: Ich war und ich bin ein Fan von Frau Merkel. Ich glaube, dass sie und Herr Schäuble ein wesentlicher Grund dafür sind, dass es Deutschland gut geht im Vergleich zum Rest von Europa. Wenn ich jetzt lese, dass ich die beiden nur deshalb gelobt habe, weil ich mir von ihnen ein Steuerabkommen mit der Schweiz versprochen habe, kann ich nur sagen, das ist doch lächerlich.

ZEIT: Sind Sie enttäuscht von der Kanzlerin?

Hoeneß: Na ja, Sie müssen natürlich wissen, wir sind im Wahlkampf. Und da muss jeder abwägen, was er glaubt, tun zu müssen. Ich akzeptiere das.

ZEIT: Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Angela Merkel beschreiben, also bis zur letzten Woche?

Hoeneß: Wir hatten, glaube ich, ein sehr gutes, ein sehr vertrauensvolles Verhältnis.

ZEIT: Und jetzt distanziert sie sich in einer Form von Ihnen, wie es ein amtierender Regierungschef in einem schwebenden Steuerstrafverfahren noch nie getan hat.

Hoeneß: Lassen Sie es mich so sagen: Ich würde mir wünschen, dass ich irgendwann die Gelegenheit bekäme, der Bundeskanzlerin in einem persönlichen Gespräch zu erklären, wie es so weit kommen konnte, der ganze Mist. Wie es passieren konnte.

ZEIT: Sie spenden unter anderem Ihre Honorare für Vorträge regelmäßig beispielsweise an die Kinderkrebsstation im Schwabinger Krankenhaus, das sind in der Regel 30.000 Euro. Viel Geld für eine Kinderkrebsstation, damit können Leben gerettet werden. Und trotzdem scheint der Bezug zu einer Nacht, in der Sie zig Millionen verwetten, problematisch. Wie bringen Sie das zusammen, hier die Spende, dort die Millionenorder?

Hoeneß: Die Order war für mich Spielgeld, ich habe keinen Bezug dazu. Vielleicht habe ich auch deshalb so lange gebraucht, ein Unrechtsgefühl zu entwickeln.

ZEIT: Taugt das für Sie auch als Erklärung dafür, dass Sie seit mehr als zehn Jahren Steuern hinterzogen haben?

Hoeneß: Das weiß ich nicht.

ZEIT: Und was taugt sonst als Erklärung?

Hoeneß: (schweigt lange) Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht.

Florian Hoeneß: Man muss doch mal unterscheiden können zwischen dem Steuersünder, das ist er ja zweifelsfrei, und dem Menschen. Man kann doch jetzt nicht alles, was er in seinem Leben geschaffen hat, auslöschen.

ZEIT: Gehen Sie eigentlich auch gerne ins Spielkasino?

Hoeneß: Nein, Roulette bringt mir gar nichts. Schwarz oder Rot, das interessiert mich nicht. Wenn ich schon mal hingehe, spiele ich Blackjack.

ZEIT: Üben Kartenspiele eine Faszination auf Sie aus?

Hoeneß: Ich spiele gerne Schafkopfen, auch mit meinen früheren Spielern Jens Jeremies, Manni Schwabl und Hasan Salihamidžić um Geld...

ZEIT: ...wie man hört, um nicht wenig...

Hoeneß: ...ja, aber das gleicht sich auch in so einer Runde aus, mal verliert der, mal der andere. Also, ich bin kein großer Kartenzocker. Wir reden hier über ein paar Hundert Euro am Abend.

ZEIT: Zocken Sie bei Pferderennen oder Fußballwetten?

Hoeneß: Nein, beides gar nicht. Sie sind auf der falschen Fährte. Mich reizen keine Glücksspiele. Beim Champions-League-Spiel zwischen Dortmund und Real Madrid habe ich mit meinem Nachbarn gewettet, wir haben das Spiel zusammen angeschaut. Es ging um 100 Euro. Ich habe gewettet, dass Real Madrid gewinnt. Na ja.

ZEIT: Einen Tag zuvor hat Ihr Verein, der FC Bayern, zu Hause gegen den FC Barcelona gespielt. Das war ein purer FC-Hollywood-Tag: die Meldung vom Haftbefehl gegen Sie, den Präsidenten. Die Nachricht, dass Mario Götze von Borussia Dortmund für 37 Millionen Euro zu den Bayern wechselt. Und abends dann der 4:0-Triumph im Champions-League-Halbfinale. Wie haben Sie den Tag erlebt?

Hoeneß: Eines möchte ich vorab klarstellen, das ist mir ganz wichtig: Wir hatten kein Interesse daran, die Verpflichtung Mario Götzes an diesem Tag bekannt zu geben. Die Nachricht kam nicht von uns. Warum sollten wir Dortmund damit bewusst schwächen? Da hätten wir doch gar nichts von gehabt.

ZEIT: Wie erlebten Sie den dramatischen Tag?

Hoeneß: Das war alles wahnsinnig emotional für mich. An dem Tag war ja viel los vorher. Wir hatten mittags hier im Restaurant unser traditionelles Bankett mit dem Präsidenten des FC Barcelona, Sandro Rosell, er saß da (Hoeneß zeigt auf das Kopfende des Tisches), Karl-Heinz Rummenigge saß neben mir. Wir hatten viel Spaß, führten ein offenes Gespräch. Die Spanier kannten natürlich mein Problem mit der Steuergeschichte, aber noch nicht so im Detail. Rosell sagte: "Oh, you have problems?" Das Thema war dann aber auch schnell wieder erledigt, und wir haben über die Probleme im internationalen Fußball diskutiert. Es war ein sehr amüsantes Bankett. Ich konnte endlich mal über was anderes reden. Dann bin ich zum Friseur gegangen und habe einen Freund mit seiner Lebensgefährtin hier im Hotel Mandarin eingesammelt. Sie kamen extra aus New York, um sich das Spiel anzuschauen.

ZEIT: Wann erfuhren Sie, dass die Nachricht über Ihren Haftbefehl an die Öffentlichkeit gelangt war?

Hoeneß: Kurz nachdem wir losgefahren waren. Es war die Topmeldung in den Fünf-Uhr-Nachrichten auf Radio Antenne Bayern. Als ich das hörte, habe ich natürlich schon ein bisschen gezuckt. Aber ich hatte mich entschieden, das Spiel zu besuchen, und die Leute vom Verein wollten mich auch unterstützen und durch die Hintertür ins Stadion bringen.

ZEIT: Sie haben nicht überlegt, umzudrehen?

Hoeneß: Nein. Nach der Haftbefehl-Meldung klingelte mein Handy natürlich ohne Ende. Meine Freunde fragten: Willst du dir das wirklich antun? Wenn du im Stadion ankommst, werden alle Kameras auf dich gerichtet sein. Aber ich habe gesagt: Wenn jetzt nicht noch was Ungewöhnlicheres passiert, gehe ich da hin. Natürlich erwarteten mich die Fotografen dann schon am Parkplatz – der ist ja bekannt. Ich wurde sie dann nicht mehr los. Ich war an diesem Tag unheimlich sensibel. Man hört ja jede Regung. Alle haben gesagt, Uli, du musst aufpassen, mit wem du redest, das wird alles beobachtet. In der Halbzeitpause stand ich höchstens drei Minuten mit Otto Schily zusammen, habe ihn nur begrüßt. Und prompt erschien am nächsten Tag ein riesiges Foto von uns beiden in der Zeitung.

ZEIT: Haben Sie auf die Reaktionen der Fans geachtet?

Hoeneß: Und wie. Das war Adrenalin pur. Ich war gespannt, wie sie reagieren. Und dann, als sie gerade anfangen wollten, "Es gibt nur einen Uli Hoeneß" zu singen, fiel leider das 3:0. Kleiner Scherz. Die Reaktion der Fans hat mir sehr gutgetan.

ZEIT: Hat die Mannschaft an diesem Abend für Sie gespielt?

Hoeneß: Ach, so ein wichtiges Match spielt man nicht für eine bestimmte Person. Ich bin davon überzeugt, dass ich bei der Mannschaft sehr beliebt bin. Ich habe fast zu allen Spielern einen persönlichen Draht. Aber das wäre einfach zu viel von den Spielern verlangt an einem so entscheidenden Abend.

ZEIT: Hat sich ein Spieler persönlich nach dem Bekanntwerden der Steueraffäre gemeldet?

Hoeneß: Nein. Aber ich lese ja keine SMS und keine E-Mails, vielleicht haben sie es auf diesem Weg versucht. Aber ich habe gestern lange mit unserem Trainer Jupp Heynckes telefoniert. Er hat gefragt, wie es mir geht, und ich habe ihm gesagt, dass ich ihm unheimlich dankbar bin, dass er gerade jetzt einen solchen Erfolg mit der Mannschaft hat. Es ist natürlich ein Riesenvorteil für die Gesamtsituation, dass die Mannschaft ein so gigantisches Spiel ohne Schwächen abgeliefert hat.

ZEIT: Und wie geht es bei Ihnen persönlich weiter beim FC Bayern?

Hoeneß: In so einer Situation ist man natürlich leicht geneigt, emotional zu reagieren.

Digitaler Briefkasten bei ZEIT ONLINE

Haben Sie Informationen oder Dokumente, von denen die Öffentlichkeit erfahren sollte? Schicken Sie diese über unseren "digitalen Briefkasten" an ZEIT ONLINE und die Investigativ-Redaktion der ZEIT – anonym und vertraulich.

ZEIT: Also den Job als Aufsichtsratsvorsitzender hinzuschmeißen?

Hoeneß: Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Person dem Verein schadet, werde ich Konsequenzen ziehen. Andererseits steht der Verein sportlich und wirtschaftlich so gut da wie nie zuvor – und daran habe ich auch einen großen Anteil. Auf keinen Fall werde ich vor dem Finale der Champions League zurücktreten.

ZEIT: Sie reden doch mit Ihren Kollegen vom Aufsichtsrat. Halten Sie es für möglich, dass Sie von ihnen zum Rücktritt gedrängt werden?

Hoeneß: Aus heutiger Sicht nein, aber ich kann die Entwicklung der nächsten Tage nicht voraussehen.

ZEIT: Wenn die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Sie erhebt und das Gericht die Klage zulässt, ist dann der Punkt für einen Rücktritt erreicht?

Hoeneß: Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass meine Selbstanzeige, in der ich reinen Tisch gemacht habe, wirksam ist.

ZEIT: Haben Sie die Nerven, das alles durchzustehen?

Hoeneß: Das hängt von meiner Tagesform ab.

ZEIT: Können Sie den Gedanken zulassen, dass am Ende möglicherweise eine Gefängnisstrafe steht?

Hoeneß: Ich denke Tag und Nacht an meinen Fehler und an das, was ich meiner Familie angetan habe. Ich kann diesen Gedanken nicht zulassen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Das wundert mich jetzt schon etwas... :-) .

    Nun gut, fange ich mal an die Lanze zu brechen:

    So wie ich das sehe scheint Mr. Hoeneß wirklich ein netter und offensichtlich sehr offener Zeitgenosse zu sein. Solch ein ehrliches Interview liest man ja ansonsten sehr selten wenn es um andere Prominente geht. Ich kann das schon sehr gut nachvollziehen wie Herr Hoeneß gedacht hat bzw. wie er jetzt denkt.

    Hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer.

    In "solchen Kreisen" läuft das nun einmal so mit dem Spekulieren und dem Wetten. Wenn jemand "Normales", wie "wir", Millionen auf dem Konto hätte, würden wir sicher ähnliche Dinge tun. So gesehen kann man ihm das nicht einmal vorwerfen. Manch einer von "uns" würde mit dem Geld sicher noch viel sinnlosere Dinge anstellen.

    "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!"

    Natürlich sollte man nun die richtigen Konsequenzen aus der Sache ziehen. Logischer Weise hat die Steuerhinterziehung nichts damit zu tun, was Herr Hoeneß sonst so geleistet hat.

    Nur muss es aus Gründen der Fairness ebenfalls eine gerechte Bestrafung dafür geben. Die muss nun einmal sei, da es sonst ungerecht gegenüber anderen Steuersündern wäre. Sicher sollte man bei der Urteilsfindung auch mit einbeziehen, dass sich Herr Hoeneß selbst angezeigt hat. Insofern sollte man ihn wie jeden anderen Steuersünder behandeln, welcher sich selbst angezeigt hat. So wie er es auch selbst fordert. Er will keinen Promi-Bonus, aber auch keinen Promi-Nachteil.

    Keep smiling...

  2. Wer Eignet sich Besser als Herr Hoeneß.
    Soviel Scheinheiligkeit unserer Politiker habe Ich noch nicht Erlebt.
    Tausende Steuer Betrüger sollten sich schon Selbst angezeigt haben.
    Aber wo sind die Namen,Ach ja da haben wir Ja Einen,
    Was ist mit den vielen die im Ausland Leben,Viel Geld hier verdienen aber schweigen,Wie Viele baben Gelder im Ausland und Lachen sich Halb Tot über diesen Staat,Der Bund der Steuerzahler fordert Amnestie warum Damit die Größten Betrügen frei sind
    Ich halte Herrn Hoeneß für ein Opfer irgend welcher Neider
    Kopf Hoch Herr Hoeneß

  3. 3. Opfer?

    "Ich halte Herrn Hoeneß für ein Opfer irgend welcher Neider."

    Wenn ich hier schreiben würde, für was ich Sie aufgrund dieser absolut unqualifizierten Meinung halte, müsste man das wohl völlig zu recht zensieren.

    Fakt ist: Sie sind selbst das Opfer. Uli Hoeness, der Mann des erhobenen Zeigefingers, der damit gerne auch mal auf andere Leute zeigt, hat den Staat - und damit Sie und mich - betrogen. Toll, dass Sie auch noch die Courage besitzen, als Betrogener aufzustehen und dem Betrüger zu applaudieren. Hut ab vor so viel Schneid!

    Eine Leserempfehlung
  4. es ist Angstschweiß was unseren Uli nicht schlafen lässt,die Ohnmacht ein Urteil hinnehmen zu müssen was ihn, unseren gebeutelten Uli hinter die berümten schwedischen Gardinen bringen könnte.

    Es ist der Verlust der "Heiligkeit" da er als "Scheinheiliger" entlarvt wurde. Es ist der Ehrverlust den Herr Hoeheß erfährt, die Ehre die er sich als sozialer Schwarzfahrer erschlichen hat.

    ...und nun Selbstmitleid? Ach Herr Hoeneß -parasitäres Verhalten wird in unserem Lande nicht bestraft, aber kriminelles Verhalten.

    Ich wünsche Ihnen Herr Hoeneß ein gerechtes Urteil. Nicht mehr aber auch nicht weniger - also ein angemessen Urteil.

    B.B

    2 Leserempfehlungen
  5. und seine haftstrafe bekann wird, hat er mich auch nen adrenalinkick ;)

    selbst als bayernfan muss ich sagen, das alles andere als eine haftstrafe ein witz wäre.
    das hätte nichts mit gerechtigkeit, sondern etwas mit "amigo" kumpanei zu tun.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Schlagworte Steuerhinterziehung | Uli Hoeneß
Service