Adolf Hitler mit dem ungarischen Admiral Horthy © Keystone/Getty Images

Autonome Gewalttäter, Glatzen, Wirrköpfe marschieren die rechten Ränder Europas überall ab. Doch in den meisten Staaten halten Regierungen, Rechtsregeln und Bürgerinitiativen die Extremisten in Quarantäne. Ungarn schafft das nicht mehr. Das Land hat in den sozialen Verwerfungen nach der radikalen Marktöffnung 1989 den Glauben an die emanzipatorische Kraft der Zukunft verloren. Seine Menschen versuchen, verlorene Arbeitsplätze und fehlendes Know-how durch Nationalismus zu ersetzen, ein besseres Los von einer Vergangenheit zu ersehnen, die schon einmal in ein noch größeres Verhängnis führte. Hinter der vom Staat geförderten Maskerade des Patriotismus prägt ein alter, kompensatorischer Rassenhass immer offener das Gesicht des EU-Staates.

Namenslisten von Erstsemestern mit Zusätzen wie "Hakennase" und "hässlicher Judenkopf" machten kürzlich an Budapests berühmter Eötvös-Loránd-Universität die Runde. Kommilitonen, die sich zur rechtsextremen Jobbik-Partei bekennen, hatten sie angefertigt. Jeder dritte Student will laut einer Umfrage demnächst Jobbik wählen. Im Parlament forderte Ende vergangenen Jahres ein Jobbik-Abgeordneter, alle in Ungarn lebenden Juden sollten zwecks Überwachung möglicher staatsfeindlicher Aktivitäten registriert werden. Noch zwangen Proteste den Mann, sich zu mäßigen. Wie auch der konservative Ministerpräsident Viktor Orbán sich von antisemitischen Äußerungen distanziert, während Rassisten seinem Umfeld angehören und antisemitische Publizisten Verdienstorden erhalten. An Universitäten und Schulen, die jahrzehntelang die nationalistisch-antisemitische Vergangenheit unbewältigt ließen, wird jetzt für Vorträge über den "unbekannten Horthy" geworben. Admiral Miklós Horthy, dem Reichsverweser, Antisemiten und Hitler-Verbündeten, werden Statuen, Gedenkplatten, Straßen, Plätze gewidmet. Für ein neues Denkmal trieb ein Budapester Bezirksbürgermeister gar auf einem Horthy-Ball Spenden ein.

Die Erinnerung an die Schrecken der Horthy-Zeit scheint wie ausgelöscht. Mehr als zwei Jahrzehnte, von 1920 bis 1944, herrschte der Admiral über Ungarn – nach dem Untergang der k.u.k. Doppelmonarchie. Damals hatte es in Ungarn die kurzen Zwischenspiele zunächst einer bürgerlichen und dann einer Räte-Regierung gegeben. Die rief der Siebenbürger Béla Kun aus, der Ende 1918 aus russischer Gefangenschaft als Anhänger der Bolschewiki zurückgekehrt war. Die Kommissare dieser Diktatur waren – wie Kun – in der Mehrheit Juden, die allerdings im Namen der Arbeiterklasse auch jüdischen Groß-Besitz verstaatlichten. Ihr Kampf gegen die sozialen Kriegsfolgen und die ausländischen Gebietsforderungen an Ungarn endete mit blutiger Repression und Tribunalen. Die Räte herrschten nur 133 Tage. Doch diese Tage reichten dem nun folgenden autoritären Ständestaat Horthys, den Liberalismus für das nächste Vierteljahrhundert ebenso zum Feind zu erklären wie den "Judeobolschewismus" – eine Schmähung, die heute wieder die Runde macht.

Dem "roten Terror" ließen rechtsradikale Gruppen und Horthys neu formierte Nationalarmee den noch weit schlimmeren "weißen Terror" folgen, gegen reale und vermeintliche Kommunisten, gegen Juden und Bauern. So wurden Hunderte von ihnen im Wald von Orgovány ermordet. Auch dieses Verbrechen ist manchem noch heute für eine zynische Pointe gut: So attackierte 2011 der Publizist und Parteifreund Orbáns Zsolt Bayer in der regierungstreuen Zeitung Magyar Hírlap den berühmten Pianisten András Schiff und den deutsch-französischen Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit wegen ihrer Kritik an Ungarn. Und resümierte ganz allgemein, dass zu wenig "Linke" vernichtet worden seien: "Leider ist es nicht gelungen, einen jeden bis zum Hals im Wald von Orgovány zu verscharren."

Am 1. März 1920 wählte Ungarn den 52-jährigen Horthy – der im November 1919 (als letzter Kommandant der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine) auf einem Schimmel in Budapest eingeritten war – zum Reichsverweser, das heißt zum Regenten eines Königreichs, das weiter von einem künftigen Monarchen träumte. Horthy stützte sich auf eine Klasse von aus der Zeit gefallenen Generälen und Großgrundbesitzern. Der Admiral hatte anfangs aber auch ein Ohr für jüngere Obristen, die eine rechtsextreme Militärdiktatur anstrebten.

Da widerfuhr, drei Monate nach der Wahl Horthys, Ungarn ein tiefes Unrecht. Im Zuge der Unglücksverträge von Versailles stellten die Entente-Mächte dem Weltkriegsverlierer an der Seite Österreichs und Deutschlands "die Todesurkunde des tausendjährigen Stephanreiches" aus, wie es der aus Budapest stammende Publizist Paul Lendvai formuliert hat. Das Abkommen von Trianon nahm dem historischen Ungarn mehr als zwei Drittel des Vorkriegsterritoriums; dazu über die Hälfte seiner Bevölkerung – von der allerdings zwei Drittel keine Ungarn waren und die zunächst auch jubelten, dass sie dem "Völkerkerker" einer brachialen Magyarisierung entkommen waren. In Rest-Ungarn aber wehten schwarze Fahnen: Der 4. Juni 1920 gilt fast allen Magyaren als dunkelster Tag ihrer Geschichte. Landkarten und Anstecknadeln mit den Umrissen Großungarns gehören heute zu den Devotionalien aller rechten Aufmärsche.