Nationalsozialismus : Budapester Tragödien

Im EU-Land Ungarn marschiert die extreme Rechte auf. Vergessen sind die Schrecken der dreißiger und vierziger Jahre, als der Donaustaat ein Verbündeter des "Dritten Reiches" war
Adolf Hitler mit dem ungarischen Admiral Horthy © Keystone/Getty Images

Autonome Gewalttäter, Glatzen, Wirrköpfe marschieren die rechten Ränder Europas überall ab. Doch in den meisten Staaten halten Regierungen, Rechtsregeln und Bürgerinitiativen die Extremisten in Quarantäne. Ungarn schafft das nicht mehr. Das Land hat in den sozialen Verwerfungen nach der radikalen Marktöffnung 1989 den Glauben an die emanzipatorische Kraft der Zukunft verloren. Seine Menschen versuchen, verlorene Arbeitsplätze und fehlendes Know-how durch Nationalismus zu ersetzen, ein besseres Los von einer Vergangenheit zu ersehnen, die schon einmal in ein noch größeres Verhängnis führte. Hinter der vom Staat geförderten Maskerade des Patriotismus prägt ein alter, kompensatorischer Rassenhass immer offener das Gesicht des EU-Staates.

Namenslisten von Erstsemestern mit Zusätzen wie "Hakennase" und "hässlicher Judenkopf" machten kürzlich an Budapests berühmter Eötvös-Loránd-Universität die Runde. Kommilitonen, die sich zur rechtsextremen Jobbik-Partei bekennen, hatten sie angefertigt. Jeder dritte Student will laut einer Umfrage demnächst Jobbik wählen. Im Parlament forderte Ende vergangenen Jahres ein Jobbik-Abgeordneter, alle in Ungarn lebenden Juden sollten zwecks Überwachung möglicher staatsfeindlicher Aktivitäten registriert werden. Noch zwangen Proteste den Mann, sich zu mäßigen. Wie auch der konservative Ministerpräsident Viktor Orbán sich von antisemitischen Äußerungen distanziert, während Rassisten seinem Umfeld angehören und antisemitische Publizisten Verdienstorden erhalten. An Universitäten und Schulen, die jahrzehntelang die nationalistisch-antisemitische Vergangenheit unbewältigt ließen, wird jetzt für Vorträge über den "unbekannten Horthy" geworben. Admiral Miklós Horthy, dem Reichsverweser, Antisemiten und Hitler-Verbündeten, werden Statuen, Gedenkplatten, Straßen, Plätze gewidmet. Für ein neues Denkmal trieb ein Budapester Bezirksbürgermeister gar auf einem Horthy-Ball Spenden ein.

Die Erinnerung an die Schrecken der Horthy-Zeit scheint wie ausgelöscht. Mehr als zwei Jahrzehnte, von 1920 bis 1944, herrschte der Admiral über Ungarn – nach dem Untergang der k.u.k. Doppelmonarchie. Damals hatte es in Ungarn die kurzen Zwischenspiele zunächst einer bürgerlichen und dann einer Räte-Regierung gegeben. Die rief der Siebenbürger Béla Kun aus, der Ende 1918 aus russischer Gefangenschaft als Anhänger der Bolschewiki zurückgekehrt war. Die Kommissare dieser Diktatur waren – wie Kun – in der Mehrheit Juden, die allerdings im Namen der Arbeiterklasse auch jüdischen Groß-Besitz verstaatlichten. Ihr Kampf gegen die sozialen Kriegsfolgen und die ausländischen Gebietsforderungen an Ungarn endete mit blutiger Repression und Tribunalen. Die Räte herrschten nur 133 Tage. Doch diese Tage reichten dem nun folgenden autoritären Ständestaat Horthys, den Liberalismus für das nächste Vierteljahrhundert ebenso zum Feind zu erklären wie den "Judeobolschewismus" – eine Schmähung, die heute wieder die Runde macht.

Dem "roten Terror" ließen rechtsradikale Gruppen und Horthys neu formierte Nationalarmee den noch weit schlimmeren "weißen Terror" folgen, gegen reale und vermeintliche Kommunisten, gegen Juden und Bauern. So wurden Hunderte von ihnen im Wald von Orgovány ermordet. Auch dieses Verbrechen ist manchem noch heute für eine zynische Pointe gut: So attackierte 2011 der Publizist und Parteifreund Orbáns Zsolt Bayer in der regierungstreuen Zeitung Magyar Hírlap den berühmten Pianisten András Schiff und den deutsch-französischen Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit wegen ihrer Kritik an Ungarn. Und resümierte ganz allgemein, dass zu wenig "Linke" vernichtet worden seien: "Leider ist es nicht gelungen, einen jeden bis zum Hals im Wald von Orgovány zu verscharren."

Am 1. März 1920 wählte Ungarn den 52-jährigen Horthy – der im November 1919 (als letzter Kommandant der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine) auf einem Schimmel in Budapest eingeritten war – zum Reichsverweser, das heißt zum Regenten eines Königreichs, das weiter von einem künftigen Monarchen träumte. Horthy stützte sich auf eine Klasse von aus der Zeit gefallenen Generälen und Großgrundbesitzern. Der Admiral hatte anfangs aber auch ein Ohr für jüngere Obristen, die eine rechtsextreme Militärdiktatur anstrebten.

Da widerfuhr, drei Monate nach der Wahl Horthys, Ungarn ein tiefes Unrecht. Im Zuge der Unglücksverträge von Versailles stellten die Entente-Mächte dem Weltkriegsverlierer an der Seite Österreichs und Deutschlands "die Todesurkunde des tausendjährigen Stephanreiches" aus, wie es der aus Budapest stammende Publizist Paul Lendvai formuliert hat. Das Abkommen von Trianon nahm dem historischen Ungarn mehr als zwei Drittel des Vorkriegsterritoriums; dazu über die Hälfte seiner Bevölkerung – von der allerdings zwei Drittel keine Ungarn waren und die zunächst auch jubelten, dass sie dem "Völkerkerker" einer brachialen Magyarisierung entkommen waren. In Rest-Ungarn aber wehten schwarze Fahnen: Der 4. Juni 1920 gilt fast allen Magyaren als dunkelster Tag ihrer Geschichte. Landkarten und Anstecknadeln mit den Umrissen Großungarns gehören heute zu den Devotionalien aller rechten Aufmärsche.

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Naja, naja

“Ungarn trat knapp mehr als die Hälfte der Bevölkerung ab. Zwei Drittel davon wiederum waren keine Magyaren und begrüßten diese Abtrennung als Befreiung.”

Das kann man so pauschal nicht sagen und ist grob vereinfacht!

Nehmen wir die bereits allergrößte Gebietsabtretung – die an Rumänien: Aus Sicht eines Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben oder Angehörigen der ukrainischen, kroatischen oder serbischen Volksgruppe dürfte es eher Jacke wie Hose bzw. eine Wahl zwischen Pest und Cholera gewesen sein, ob ihre Heimat nun ungarisch oder rumänisch beherrscht ist.
Wäre ich heute dort beheimatet aber weder Ungar noch Rumäne, würde ich unter Umständen sogar eher einer Zugehörigkeit zu Ungarn zuneigen.

Und was die Slowakei angeht, hätte man die Grenze ja von Anfang an so ziehen können, daß gar keine größeren Minderheiten entstanden wären!
Dort war es wie beim “Sudetenland”: Es wäre relativ naheliegend gewesen, die Staatsgrenzen einfach entlang der Sprachgrenze zu ziehen. Aber zugunsten einer “Lebensfähigkeit” des neuen Vielvölkerstaats Tschechoslowakei (der sich vom alten Österreich-Ungarn lediglich darin unterschied, daß dort nun slawische Völker die Oberhand über die nationalen Minderheiten hatten statt Deutschösterreicher und Ungarn), hatte man durch ungerechte Grenzziehungen neue Konflikte vorprogrammiert.

In der serbischen Vojvodina gibt es sogar heute noch Landstriche mit magyarischen Mehrheiten. Ja, Mehrheiten, nicht Minderheiten! Und das trotz 90 Jahren Ethnopolitik.

@17 Zur Unterstützung ires Post

Das Sachbuch "Geschichte des Balkans" (kann mich jetzt leider nicht an den Namen des Autors erinnern) endet mit der Aussage " die k.u. k Monarchie wurde auch Gefängnis der Völker genannt ; wenn man bedenkt was danach geschah, könnte man sagen dass es die Kurklinik der Völker war." (aus dem Gedächtnis zitiert).
Wilsons theoretisch sehr schöne Idee der Selbstbestimmung der Völker stiess auf die Realität: es gibt in Europa keine grösseren ethnisch uniformen Gebiete.
Die Gründerväter der EU haben das verstanden und haben den Versuch unternommen, die Feindschaften und Gegensätze zu verringern.

Die Leute die hier über x-rangige Fehler "Brüssels" gleich den Schluss ziehen, dass die EU überbürokratisiert sei und nichts tauge, sollten mal auch über die Vergangenheit nachdenken. Vielleicht werden sie dann verstehen, dass die EU von den schlechten Lösungen die am wenigstens schlechte sei. Realisten können doch nicht davon ausgehen, dass eine ideale Lösung möglich ist.

unterschied zwischen Horthy und Atatürk

wie ich in einigen kommentaren gelesen habe,hat sich d.wahrnehmung horthys auch bei nicht-ungarn zum positiven gewandelt.u.wenn e.pers.parallelen zw.horthy u.hitler sucht,d.macht aus seinem geschichtl.unvermögen keinen hehl.
untersuchen wir d.ausgangssituation.österreich-ungarn war einer d.verlierer d.1.wk.die nachbarn bekamen schon vor beendigung des krieges gebietl.zusagen.im falle rumänien,bat das land,das von ö-u besiegt wurde,um den frieden von bukarest,um sich auf einen angriffskrieg geg.ung.vorzubereiten.so nutzte rum.das kriegschaos um d.erschöpfte verteidigungsunfähige ung.anzugreifen.rum.aber hielt noch nicht einmal d.vorgaben der entente ein u.besetzte noch mehr gebiete als ihm"geschenkt" wurde.in d.eigenen vorstellungen,wollten sie d.land sogar bis zur theiss besetzten.
nicht viel anders erging es der türkei.d.pläne zur besetzung der türkei sahen gebietszusagen an griechenl.,armenien,kurdistan vor,zudem hätte sich frankreich und grossbritanien je ein kolonialgebiet gesichert.bisher beide geschichten gleich,hier kommt der unterschied.die türken verteidigten ihre gebiete(militärisch,was ihr gutes recht war)ua.dank dem fähigen mustafa kemal.ungarn gwschwächt von innen und von aussen,zudem die nachbarn gegen sich gehetzt,war nicht in der lage sich effektiv zu verteidigen.ab da führte horthy das land,das einen friedliche einigung verfolgte.kemal mustafa,der vater der türken ist ein held,hingegen horthy wird von ungebildeten linken mit hitler in verbindung gebracht

Bitte, keine Lügen auf diese Seiten!

Zitat: "das Angebot Hitlers, ein paar beschissene LKW`S gegen Menschenleben, zu tauschen, in Ungarn 43`44, wurde von den Briten abgelehnt. Danach ging das Trauma erst los!!!"

1. Keineswegs 43-44! Die Deportationen waren schon längst in vollem Gange, als das (verlogene) Angebot über die LKW's gemacht wurde!

2. Niemand konnte das Angebot ernst nehmen, es war einfach eine Nebelkerze, um die Versuche Himmlers über einen sechsrangigen Doppelagenten mit den Briten in Kontakt zu kommen zu verschleiern.

Bitte erst nachlesen, dann kommentieren...

Quellenangabe!!!

Hintergrund des Kommentars, ist der BBC Film von Laurence Rees,
" Auschwitz", das können Sie recherchieren. Wenn Sie über Insiderinformationen verfügen, interessiert mich das wenig.
In diesem offiziell, von der BBC, abgesegneten Film, wird die Info so dargestellt, welches, wie alles im Leben, Auslegungssache ist.
Bitte waren Sie die Form, und lesen bitte, das nächste Mal, genau, wenn das machbar wäre.
Die deutsche Sprache kann man auch bildhaft verstehen, wenn man will.

MFG

Unter Wahrung der Form

1. Die Briten haben gehörig Dreck am stecken in diese Geschichte, also ist kein Wunder, wenn BBC fälscht. Oder ist neulich BBC eine unfehlbare - oder wie Sie es nennen: "offizielle" Instanz?
2. Die Geschichte von Eichmanns Trick "Ware für Blut" hat eine immense Literatur. Am interessantesten ist "Die Geschichte von Joel Brand" von Alex Weissberg (Kiepenheuer & Witsch, 1956) erhältlich in ZVAB oder bessere Bibliotheken). Empfehlenswert ist auch ein Kapitel aus "Die siebte Million" von Tom Segev (Rowohlt 1995).
3. Aus Vernehmungsprotokollen von Joel Brand durch den britischen Geheimdienst ist ersichtlich, dass Eichmann den Vorschlag "Juden gegen LKW's" einfach improvisiert, erfunden hat, weil er einen jüdischen Begleiter für den Doppelagenten Bandi Grosz brauchte.
Auf Wunsch kann ich noch viel Literatur empfehlen.
MfG