USADie Supermüden

Amerika will keine Kriege mehr führen. Was heißt das für Deutschland und Europa? von , und

Helmand

Auf dem US-Militärflughafen Camp Dwyer in der afghanischen Provinz Helmand   |  © Massoud Hossaini/AFP/Getty Images

Auf einem Inlandsflug nach Knoxville, Tennessee, hieß kürzlich der Kapitän zwei aus Afghanistan heimkehrende Soldaten besonders herzlich willkommen. "Wir danken Ihnen für Ihren Dienst am Vaterland", sprach er ins Bordmikrofon und 150 Passagiere applaudierten. Als Barack Obama am vergangenen Samstag seine launige Rede bei der diesjährigen Pressegala mit einem Tribut an die Soldaten schloss, erhoben sich die Journalisten aus Respekt von ihren Stühlen.

Das sind in den USA durchaus typische Szenen. Welch ein Paradox: Die Amerikaner lieben ihr Militär – aber sie verachten die Kriege, die es führt. Es wird fein unterschieden zwischen der Ehrlosigkeit eines Krieges und der Ehrenhaftigkeit der darin kämpfenden Soldaten. Laut Umfragen ist die Armee so populär wie lange nicht, aber zwei Drittel der Befragten erklären, man hätte den Irakkrieg nie führen dürfen. Die Mehrheit möchte so schnell wie möglich raus aus Afghanistan, und die meisten wollen auch nicht in einen Krieg mit dem syrischen Völkermörder Assad oder dem nach der Atombombe strebenden Iran verwickelt werden. Sechseinhalbtausend gefallene US-Soldaten, Zehntausende von Verletzten, mindestens zwei Billionen Dollar Kosten und weder im Irak noch in Afghanistan ein wirklicher Sieg – das ist die Bilanz von zwölf Jahren Krieg.

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Die größte Militärmacht der Geschichte – sie zweifelt am Militärischen und wendet sich womöglich davon ab. Es gibt wenige weltpolitische Tatsachen, die von größerer Bedeutung sind als diese. Doch in Europa, in Deutschland zumal, wird sie kaum beachtet. Vielleicht weil man sich vom Klischee der kriegslüsternen Supermacht nicht verabschieden möchte, gewiss weil sich die Europäer davor fürchten, selbst mehr tun zu müssen, wenn die Amerikaner weniger tun.

Diese Woche ist Thomas de Maizière zu Besuch, der Verteidigungsminister eines Landes, das noch kriegsmüder ist (von viel weniger Krieg) als die USA. Er trifft auf ein Land, das sich aus Konflikten zunehmend heraushalten und stärker auf seine Verbündeten zurückgreifen möchte.

Bezeichnenderweise geht es bei seinem Besuch hauptsächlich um zwei Themen: um Drohnen und um rote Linien. Die von den Amerikanern zuletzt immer häufiger eingesetzten unbemannten Kampfdrohnen sind die gewissermaßen zur Maschine gewordene neue Kriegsaversion, mit ihnen werden Nicht-Kriege mit Nicht-Soldaten geführt.

Wie aber kann eine Nation, die keinen Krieg mehr führen will, mit Krieg drohen? Da kommen die roten Linien ins Spiel. Eine hat Obama gegenüber dem syrischen Regime gezogen. Wenn es Giftgas einsetze, werde man das nicht dulden. Nun hat es wohl Giftgas eingesetzt (siehe Kasten), und man duldet es doch irgendwie. Diese Unterlassung kann man für richtig halten oder für nachrangig. Allerdings wird das Verhalten von Obama im Fall Syrien sehr genau beobachtet, und zwar vom Iran. Dort haben die Amerikaner nämlich auch eine rote Linie gezogen: Niemals werde man dulden, dass das Regime in Teheran sich nuklear bewaffnet. Und wenn doch? Diese Frage stellen sich nun viele, vor allem aber Israel. Thomas de Maizière hat bei seinem Besuch dann gleich gesagt, er spreche nicht von roten Linien, schon gar nicht öffentlich.

Chemiewaffen in Syrien?

Als Barack Obama am Dienstag erklärte, Beweise für den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien zu haben, warf er mehr Fragen auf, als er beantwortete. Denn wie diese Waffen eingesetzt wurden oder wo oder gar von wem – das wisse er nicht. Die US-Regierung berichtete in einem diplomatischen Papier, von dem sie mittlerweile Abstand genommen hat, von fünf Toten bei einem Giftgasangriff am 23. Dezember letzten Jahres. Der jüngste Vorfall ereignete sich am 25. April. Die der Opposition nahestehende Syrian Support Group teilte mit, dass 130 Menschen über Krämpfe, Kopfschmerzen und Übelkeit geklagt hätten, nachdem Raketen in der Nähe von Damaskus niedergegangen seien. Die Symptome ähnelten denen eines Angriffs mit 26 Toten vom 19. März, bei dem ein dem Kampfstoff Sarin ähnliches Mittel eingesetzt worden sei.

Sehen nun so die neuen, unmilitärischen USA aus? Was heißt neu? Im Grunde war Amerika nie ein militaristisches Land, schon gar nicht kriegslüstern. Die Überblähung des Militärischen unter dem Irakkrieger George W. Bush, die Hybris und der fatale Glaube, man könne die arabische Welt mit dem Schwert demokratisieren, stellen eher eine historische Ausnahme dar. Als sich die Vereinigten Staaten vor rund 200 Jahren gründeten, wurde erbittert gestritten, ob es überhaupt ein stehendes Heer geben sollte. Die Furcht ging um, die Armee könnte zu mächtig werden und würde überdies unsagbar viel Steuergeld verschlingen. Als Konsequenz wurde das Militär so klein wie möglich gehalten. Zog man in einen größeren Krieg, wurden Reservisten einberufen, Söldner engagiert, die Nationalgarde einbestellt und junge wehrfähige Männer mithilfe eines Losverfahrens eingezogen. Noch im Zweiten Weltkrieg dienten rund 12 Millionen Menschen in der US-Armee, 1950, nach der großen Demobilisierung, waren es nur noch anderthalb Millionen.

Die Kriege in Vietnam und im Irak haben Amerika mit der moralischen Ambivalenz militärischer Gewalt konfrontiert. Der Weltkriege und des Koreafeldzugs gedenkt man auf der Washingtoner Museumsmeile stolz mit monumentalen Säulen und in Stein gehauenen martialischen Soldatenfiguren. An das Vietnamtrauma dagegen erinnert ziemlich versteckt eine schlichte schwarze Marmorwand mit den Namen der knapp 60.000 gefallenen US-Soldaten. Es ist kein heroischer Ort. In Vietnam verloren die Amerikaner ihren geradezu naiven Glauben, dass sie stets und überall nur für das Gute kämpfen und unbesiegbar sind. Drei Jahrzehnte später lehrte sie der Marsch auf Bagdad, Falludscha und Kirkuk erneut, dass ein Besatzungskrieg selbst mit modernster Technik und absoluter Überlegenheit weder kurz noch billig zu führen ist und dass er hohe eigene Verluste fordert.

Leserkommentare
  1. Das bei jeder Gelegenheit, auch ohne Rücksicht auf die Fakten, Stimmung für einen Militäreinsatz in Syrien gemacht wird, hat der Aufmerksame Leser bereits bemerkt.
    Nachdem das aber selbst bei den Amerikanern nicht mehr zieht, kann man hoffen, dass das auch bei uns nicht funktioniert.

    6 Leserempfehlungen
    • illyst
    • 02. Mai 2013 18:49 Uhr

    "der Verteidigungsminister eines Landes, das noch kriegsmüder ist (von viel weniger Krieg)"

    Von viel mehr Krieg!
    Jahrhunderte lang haben wir uns mit unseren Nachbarn die Köpfe eingeschlagen, nahezu pausenlos. In Kriegen wo es Mann um Mann ging, mit Verstümmelung, Folter und Vergewaltigung, haben wir Deutschen und unsere Nachbarn viel leidvollere Erfahrungen als die USA machen müssen, [...]

    In Anbetracht, dass in den deutschen Medien unsere Geschichte lediglich aus zwei Jahrzehnten besteht verwundert es mich auch sehr das die Autoren völlig vergessen haben warum die Bundeswehr eigentlich eine reine Verteidigungsarmee ist und deshalb in Syrien nie etwas zu suchen haben sollte, weder zu Fuß, noch per Drohne.

    Gekürzt. Bitte formulieren Sie auch Kritik respektvoll. Danke, die Redaktion/sam

    7 Leserempfehlungen
    • illyst
    • 02. Mai 2013 19:10 Uhr

    Schön, dann formuliere ich es respektvoller, dass es falsch ist angesicht unserer Vergangenheit zu behaupten wir wären von viel weniger Krieg noch kriegsmüder als die USA.
    Unsere Großväter waren zuletzt die Geißel Europas, sollen wir jetzt schon wieder auf der Matte stehen? Völlig gleich auf wessen Seite wir dort unten stehen würde, es wäre die falsche.

    3 Leserempfehlungen
    • dmann
    • 02. Mai 2013 19:39 Uhr

    Wir Amerikaner sind keineswegs kriegsmüde geworden. Nein. Wenn feindlichen Soldaten unsere Strände stürmen würden, dann würden wir unsere "semi automatic assault rifles" auspacken und die Kerlen zurück ins Meer jagen.
    Aber dieser Lügen über die Verteidigung unserer amerikanischen Freiheit und Demokratie durch das Töten von armen Bauern in Asien und Afrika lehnen wir entschieden ab.

    Kurz gesagt; "you cannot fool all of the people all of the time"

    4 Leserempfehlungen
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    • tobmat
    • 03. Mai 2013 11:17 Uhr

    "Wir Amerikaner sind keineswegs kriegsmüde geworden. Nein. Wenn feindlichen Soldaten unsere Strände stürmen würden"

    Das geht im Artickel leider unter, oder der Autor hat es nicht verstanden. Nurweil man keine oder weniger sinnlose, langwierige und verlustreiche Kriege mehr führen will, heist das ja nicht, das man in die Isolation zurückkehrt. Die militärische Präsenz wird aufrecht erhalten und im Ernstfall wird man sie auch einsetzen, wenn vielleicht auch anders als noch unter Busch.
    Daher kann ich auch nicht nachvollziehen, warum der Autor davon spricht ds die USA sich zurückziehen. Sie ändern die Strategie aber von einem Rückzug oder gar einer Machtabgabe an Europa kann keine Rede sein.

  2. Ich hoffe doch, dass dort die angebliche Kriegsmüdigkeit, nicht das Gedächtnis beeinträchtigt hat.

    Völkermord in Amerika
    Zahlen und Fakten über die Ausrottung der Indianer
    http://www.zeit.de/1971/2...

    GUATEMALA-USA
    Mitschuld der USA am Völkermord darf niemals vergessen werden
    http://www.npla.de/de/poo...

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  3. Dann sollte man einmal Mexico, Canada, Cuba und Mittelamerika befragen!!
    Was hatte Amerika im Ersten und Zweiten Weltkrieg zu suchen?
    Was suchte Amerika in Korea und Vietnam?
    Warum hat Amerika über 800 Militärbasen in aller Welt?
    Und dann Afghanistan und Irak !!
    Illusionen zu haben ist eine Sache aber alle für dumm verkaufen zu wollen eine andere.

    2 Leserempfehlungen
  4. der Artikel weckt den Eindruck das der Koreakrieg nicht in einer Linie mit dem Vietnam oder Irakkrieg stehen würde.
    Ich bin mir nicht ganz sicher wie man zu der Schlussfolgerung kommen kann. Auf mich macht der Kampfverlauf den Eindruck eines kolossalen Scheiterns an dessem Ende sogar die Atombombe gefordert wurde um der Lage Herr zu werden.
    Zur Auffrischung würde ich vielleicht die ZDF Dokumentation "Korea - Der Vergessene Krieg" empfehlen, die mittlerweile auch auf Youtube zu finden ist.

    Es fällt schwer überhaupt einen längeren Konflikt zu finden bei dem die USA nach dem zweiten Weltkrieg tatsächlich erfolgreich operiert hätten.

    3 Leserempfehlungen
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    • tobmat
    • 03. Mai 2013 11:25 Uhr

    "Auf mich macht der Kampfverlauf den Eindruck eines kolossalen Scheiterns"

    Nicht wirklich. Zwar ist das Ziel den Norden zu zerschlagen gescheitert, aber der Süden konnte "gerettet" werden und das war eines der wichtigsten Kriegsziele. Schließlich wollte der Norden den Süden unterjochen. Weiterhin hat man es geschafft die Lage bis heute zu stabilisieren. Auch die wichtige strategische Position konnte man bewahren.

    Das alles hat man in Vietnam nicht erreichen können. Der Süden wurde überrannt und existiert nicht mehr (die Nation Süd-Vietnam) und die USA mussten fluchtartig das Land verlassen.

    Im Irakkrieg wiederrum wurden alle kurzfristigen Ziele erreicht. Dafür aber keines der langfristigen. Weiterhin musste man Kriegsgründe erfinden und man war der Agressor. Im Koreakrieg war es anders rum

    • tobmat
    • 03. Mai 2013 11:17 Uhr

    "Wir Amerikaner sind keineswegs kriegsmüde geworden. Nein. Wenn feindlichen Soldaten unsere Strände stürmen würden"

    Das geht im Artickel leider unter, oder der Autor hat es nicht verstanden. Nurweil man keine oder weniger sinnlose, langwierige und verlustreiche Kriege mehr führen will, heist das ja nicht, das man in die Isolation zurückkehrt. Die militärische Präsenz wird aufrecht erhalten und im Ernstfall wird man sie auch einsetzen, wenn vielleicht auch anders als noch unter Busch.
    Daher kann ich auch nicht nachvollziehen, warum der Autor davon spricht ds die USA sich zurückziehen. Sie ändern die Strategie aber von einem Rückzug oder gar einer Machtabgabe an Europa kann keine Rede sein.

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