F.C. GundlachMeine Geschichte der Fotografie

F.C. Gundlach ist der bedeutendste Fotosammler Deutschlands. Hier erklärt er seine Lieblingsbilder von  und Milena Carstens

ZEITmagazin: Herr Gundlach, wir wollen von Ihnen etwas lernen über Fotografie. Was ist für Sie ein gutes Foto?

F.C. Gundlach: Die Frage stelle ich mir täglich. Welches Bild ist sinnvoll in meiner Sammlung, in einer Ausstellung, an der Wand? Ein gutes Bild ist für jeden etwas anderes. Lassen Sie 100 Leute ein Ei, den Eiffelturm oder einen Menschen fotografieren, Sie werden 100 verschiedene Bilder erhalten. Das ist das Einzigartige an der Fotografie. Dieser Moment hier, wie wir hier sitzen – jetzt ist er schon wieder zu Ende. Hätten wir gerade ein Bild gemacht: einmalig.

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ZEITmagazin: Haben Sie trotzdem eine Antwort gefunden?

Gundlach: Wenn mich heute ein Bild beeindruckt oder fasziniert, mich visuell oder emotional anspricht außerhalb seines Entstehungskontextes, dann ist es für mich eine gute Fotografie. Eine Fotografie, mit der ich leben möchte.

ZEITmagazin: Sie werden uns große Werke der Fotogeschichte zeigen und erklären, was sie einzigartig macht.

Gundlach: Darf ich ein bisschen ausholen? Die Fotografie gibt es seit 170 Jahren. Es waren zunächst Amateure, die sich mit Kameras auf Reisen begaben. Ein halbes Jahrhundert lang, bis Mitte der 1930er Jahre, schien die Welt schwarz-weiß zu sein. Erst 1936/37 wurde dann der Farbfilm erfunden. Und die Kleinbildkamera, mit der die Fotografen mobiler wurden, setzte sich durch.

ZEITmagazin: Seit wann ist Fotografie Kunst?

Gundlach: Es gab in der Fotogeschichte zwei entscheidende Momente, in denen die Künstler die Fotografie als Medium für sich entdeckten. Einmal waren es Künstler der Avantgarde in den zwanziger und dreißiger Jahren, die russischen Konstruktivisten, die Künstler des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit, Moholy-Nagy, El Lissitzky, Man Ray. Das führte auch zu abstrakten Bildern. Der zweite große Einschnitt war Mitte der achtziger Jahre, da haben die Künstler die Fotografie wiederentdeckt, Polke, Klauke, Kippenberger. Auf diesem Umweg ist die Fotografie wieder ins Museum gekommen. Heute ist sie eines von vielen Medien, mit denen Kunst gemacht wird, genauso wie der Bleistift oder der Pinsel.

ZEITmagazin: Trotzdem gibt es immer noch die Trennung: hier der Künstler, der mit Fotografie arbeitet – da der Fotograf, der einen künstlerischen Anspruch hat.

Gundlach: Man muss unterscheiden zwischen Fotografie, die Kunst sein will, und jener, die für Zeitschriften entsteht. Auch das, was man mal für Gebrauchsfotos hielt, kann Kunst sein – aber nur ein geringer Teil hat das Potenzial, den Transfer ins Museale zu schaffen. Mein eigenes Modefoto aus den Sechzigern, vor dem ich mich selbst porträtiert habe, ist vielleicht ein gutes Beispiel: In der Produktion ging es um Badekappen und Strandkleider. Wir geben es heute im Kunstkontext heraus, als Edition. Dabei ist es in der Brigitte erschienen.

ZEITmagazin: Was ist das Besondere daran?

Gundlach: Wie jedes gute Foto spiegelt es die Zeit wider, in der es aufgenommen wurde. Andererseits ist es sehr grafisch – und hat damit auch etwas Zeitloses.

ZEITmagazin: Wer sind Ihre Vorbilder?

Gundlach: Fangen wir mit Erwin Blumenfeld an. Für mich ein sehr bedeutender Fotograf! Er ist 1897 in Berlin geboren, ging nach Amsterdam, dann nach Paris und New York. Blumenfeld war von Dada und Surrealismus beeinflusst, war stilprägend und wurde von vielen kopiert. Nächstes Jahr bekommt er endlich eine große Ausstellung in Paris. Ich habe sein Werk schon als junger Mann sehr bewundert.

ZEITmagazin: Sie sind 1926 geboren. Wo bekamen Sie diese Bilder in den fünfziger Jahren zu sehen?

Gundlach: In den Bibliotheken der Amerika-Häuser. Zeitschriften wie Vogue oder Harper’s Bazaar konnte ich mir damals nicht leisten. 1956, bei meinem ersten Besuch in New York, hatte ich dann die einmalige Gelegenheit, Blumenfeld persönlich zu treffen. Einige Jahre später suchte ich den Kontakt zu den drei Blumenfeld-Kindern und bekam einen Einblick in sein Archiv. Die Dias seiner vielen berühmten Bilder waren über die Jahre rotstichig geworden. 1984 habe ich dann ein Blumenfeld-Portfolio als Hommage herausgegeben: zehn Bilder, aufwendig rekonstruiert. Das ist alles, was von Blumenfelds farbigem Werk geblieben ist. Es dauerte nicht lange, da rief ein Mr. Penn an.

ZEITmagazin: Irving Penn, der berühmte Modefotograf?

Gundlach: Er hatte das Blumenfeld-Portfolio gesehen und sagte, er habe das gleiche Problem – er hatte ja ebenfalls mit Diamaterial gearbeitet. Ich sagte: "Ich kann Ihnen helfen, Sie müssen nur nach Hamburg kommen." Wir haben zehn Motive für ihn geprintet, die heute zu seinen bekanntesten gehören.

Leserkommentare
    • Panic
    • 18. Mai 2013 11:23 Uhr

    Gundlach ist spitze. Und dieses I-View ist es auch. Ich habe eine Menge gelernt. Danke dafür!

    cheers

    2 Leserempfehlungen
    • cmim
    • 19. Mai 2013 11:43 Uhr

    ein dickes Dankeschön nicht unbedingt sachlich ist, wage ich ein derartig oportunistisches Statement.
    Schönes extraMagazin.

    via ZEIT ONLINE plus App

    • cmim
    • 19. Mai 2013 11:43 Uhr

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

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  • Schlagworte Geschichte | Fotografie | Henri Cartier-Bresson | Juergen Teller
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