Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter sind Daft Punk. © Sony Music

Gründe, warum Musiker Masken tragen, gibt es viele – zum Schutz der Kreativität, als Mittel des Schocks, manchmal auch bloß, um wenig spektakuläre Basisstoffe in den Rang der Sensation zu erheben, man denke an den Muppet Show-Heavy-Metal der finnischen Band Lordi. Wenige allerdings haben das Abstreifen ihrer bürgerlichen Identitäten so erfolgreich betrieben wie Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo, besser bekannt als Daft Punk.

Seit die beiden Anfang der Neunziger von Paris her die Szene betraten, stehen zwei futuristische Helme auf ihren Köpfen für einen Sound, der wenig über seine Macher verrät, aber viel über ihre musikalische Vision: eine typisch französische Variante von elektronischer Musik, elegant im Design, leicht in der Note, aber auch deftig im Nachdruck und, was die Wahl der Mittel angeht, um keinen Effekt verlegen. Das Ergebnis ist Stoff für sämtliche Tanzböden von New York bis in die letzten Winkel der Welt. Wo immer eine Discokugel sich dreht, sind auch Daft Punk mit dabei, zwei Phantome, die es verstanden haben, mitten im Licht der Öffentlichkeit unsichtbar zu bleiben.

Auch wer sich Random Access Memories, ihrem jüngsten Wurf in Sachen French House, nähert, bleibt erneut an ihren kosmisch blinkenden Astronautenanzügen hängen, Stückpreis geschätzte 14.000 Dollar – Blickfänger, die schon in der Optik die Künstlichkeit des Projekts Daft Punk hervorkehren. Musikalisch jedoch zeigen Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter diesmal deutlich mehr Gesicht als sonst.


Es ist ein seltsam gediegenes Werk, handgemacht in der Anmutung, fast schon traditionell in den Mitteln: Disco für Leute, die mit Disco bislang nichts anzufangen wussten. Verschwunden ist das Zusammengesampelte, Klangteppichartige ihrer bisherigen Alben: Dass Daft Punk einmal als DJs begonnen haben, ist kaum noch herauszuhören, so viele Gäste sind diesmal an der Produktion beteiligt, von Strokes-Sänger Julian Casablancas bis hin zum Swing-Entertainer Chilly Gonzales. Es muss eine inspirierende Zeit im Studio gewesen sein, so frisch klingt das Ergebnis – als wäre endlich freigelegt worden, was von Beginn an tief im Innern der Elektronik steckte, aber stets verschämt blieb: verschwitzter, in die Beine fahrender Funk.

Die Wendung zurück beginnt mit Give Life Back to Music, einem programmatischen Titel, in dem Nile Rodgers seine Gitarre scratcht wie damals, als er mit seiner Band Chic den Funk in Richtung Disco trieb, schwillt zu bombastischen Soundwänden an, wie man sie von Earth, Wind & Fire kennt, macht vor Phillysound-Zitaten nicht halt. Mit jedem Gast wird ein anderer Dancefloor beackert, mit jedem Track geht es ein Stück weiter ins Vergangene: The Game Of Love startet bei Barry White, endet in einem Inferno aus Beats, lässt in der Mitte aber viel Raum für schwelgende Geigen-, Piano- und Percussion-Parts. Für die Dauer eines Stücks tritt sogar die Produzentenlegende Pharrell Williams aus der Kulisse und schiebt die Rhythmusspur ganz weit nach vorne. Mit dem virilen, als Single ausgekoppelten Get Lucky landen Daft Punk dann endgültig in der Old School. Nicht dass sie deswegen Renegaten wären und die elektronische Musik infrage stellten. Sosehr echte Instrumente diesmal im Vordergrund stehen, wenn es in die Details geht, fühlt man sich immer noch wie in einem Raumschiff, auf dem Weg in unendliche Weiten, begleitet von spacigen Effekten und retrofuturistischen Computerstimmen. "I knew this could be the future of music" ist so eine Sentenz, die im Titel Giorgio by Moroder kein Geringerer als Giorgio Moroder selbst auf die Umlaufbahn setzt. Während Daft Punk früher einen Sound machten, der in seiner vollkommenen Künstlichkeit handgefertigt wirkte, liefern sie nun mit echten Musikern an echten Instrumenten echtes Handwerk, das seine Wucht erst aus der Elektronik im Hintergrund bezieht.

In der Wirkung ergibt das ein Brett von einem Album, das das Beste aus Digital und Analog auf hinreißende, humorvolle und extrem tanzbare Weise vereint. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Partys des meteorologisch so verhalten begonnenen neuen Jahres demnächst maßgeblich mit Klängen aus der Daft-Punk-DJ-Kiste in Wallung kommen werden.

"Random Access Memories" erscheint am 17. Mai bei Sony Music.