MuseumJetzt Abba!

Knapp 30 Jahre nach dem Aus gibt es in Stockholm endlich ein Museum, das die Geschichte der berühmtesten Popband Schwedens erzählt. Es darf gesungen werden. von Anne Haemig

Und dann packt Mattias Hansson doch tatsächlich seine Luftgitarre aus. "Ich war fünf, als ich diese verrückte Gitarre mit den vielen Zacken im Fernsehen sah", sagt er und haut noch einmal in die unsichtbaren Saiten. "Ich habe meinen Vater gezwungen, mit in die Garage zu kommen und mir aus einem Stück Holz auch so eine zu sägen." Das war beim Grand Prix Eurovision de la Chanson 1974. Abba sangen Waterloo, gewannen, wurden berühmt. Der Typ mit der Sterngitarre war Björn Ulvaeus, eines der zwei B der Band.

Die Grand-Prix-Gitarre hängt jetzt, fast 40 Jahre später, im neuen Abba-Museum in Stockholm. Björn Ulvaeus ist der Hauptfinanzier des Unternehmens – und der fünfjährige Fan von damals der Museumsdirektor. Allerdings hat Mattias Hansson, der in der Schule mit seiner Spielzeuggitarre unermüdlich zur Abba-Karaoke antrat, heute mehr von einem müden Hardrocker, wie er da mit seinen Cowboystiefeln, dem schwarzen Pferdeschwanz und dem fahlen Gesicht vor dem Museum im Viertel Djurgården steht.

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Djurgården im Osten Stockholms war früher das Jagdrevier des Königs, heute ist es wegen seiner vielen Parks und Museen vor allem Touristenziel. Der kastige Neubau mit der hellgelben Eichenholzfassade und den riesigen Fensterfronten sticht heraus. Hansson blinzelt in die schwache Frühlingssonne und deutet auf eine große Fotowand, an der jeder vorbei muss, der ins Museum will. Darauf zu sehen sind die Körper von Agnetha, Benny, Björn und Anni-Frid, die alle nur Frida nennen, in weißen Satin-Anzügen, statt der Köpfe vier große Löcher. "Zum Abba-Spielen", sagt Hansson.

Ein deutscher Fan brachte Björns Grand-Prix-Gitarre vorbei

Packpapier flattert an der Fotowand, zwei Bauarbeiter kleben es fest, der Wind hatte es weggerissen. Heute, eine Woche vor der Eröffnung am 7. Mai, ist das Haus noch eine Baustelle. Vor dem Eingang ein Betonmischer, überall Paletten und Planen. "Das Museum ist total interaktiv", sagt Hansson und stiefelt voraus durch den plexiglasbunten Museumsshop, der gerade eingeräumt wird. Er will zeigen, was schon fertig ist: drei von 35 Räumen. Vom Rest kann er nur erzählen. Noch läuft die Technik nicht, viele Exponate sind nicht an ihrem Platz, die digitalen Spielereien nicht aktiviert.

"Bei uns soll sich jeder fühlen wie das fünfte Mitglied der Band", sagt Hansson. Zum Beispiel auf einer Bühne mit lebensgroßen Abba-Hologrammen. Die Besucher werden gefilmt, während sie sich mit dem Mikro dazustellen und singen. Das ist das Prinzip: Alles wird abgespeichert, die Fotomontagen von sich selbst in den Bandkostümen, die neuen Songs, die man sich aus den alten Hits zusammengefrickelt hat. Mit dem Code auf der Eintrittskarte können die Besucher dann ihre persönliche Abba-Homepage aktivieren. "Und schwupps lässt sich alles bei Facebook posten", sagt Hansson. "Es wird ein Erlebnis sein wie bei einem Konzert." Konzertverdächtig sind auch die Ticketpreise: knapp 23 Euro.

Museum

Djurgårdsvägen 68, Stockholm-Djurgården, www.abbathemuseum.com. Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr. Eintritt: ca. 23 Euro, Kinder bis acht: ca. 6 Euro

Unterkunft

Direkt über dem Museum liegt das Melody Hotel und ist Abba-freie Zone: Die einzige Musik-Anspielung sind visualisierte Tonspuren an den Wänden. Tel. 0046-8/50254140, www.melody.se. DZ ab 230 Euro

Das Boutiquehotel Rival war einst ein Art-déco-Kino und gehört Benny Andersson. Mariatorget 3, Stockholm-Södermalm, Tel. 0046-8/54578900, www.rival.se. DZ ab 180 Euro

Touren

Der neue Abba City Walk dauert 1,5 Stunden und ist buchbar übers Stadtmuseum (direkt an der U-Bahn-Station Slussen) oder Abba-Museum. www.stadsmuseum.stockholm.se

Der Museumschef drückt auf den Aufzugsknopf, es geht nach unten. Die ganze Schau ist im Keller aufgebaut, im Erdgeschoss finden sich Shop und Restaurant, die zwei Stockwerke darüber gehören zum Melody Hotel. Zurzeit übernachten einige der Museumsleute hier, so viel ist im Keller noch zu tun. Etwa alle Glühbirnen der Installation zum Funktionieren zu bringen, die bei der Tour 1979 dabei war. A, B, B, A blinkt es raumhoch, wenn man aus dem Aufzug kommt. Das passt zur Band, die immer überdimensioniert war. Glamourös, funkelnd, mit dem Satin, der Glitterschminke, den Metallic Boots.

Hinter der ersten Tür der Ausstellung dann Stille, nur etwas Vogelzwitschern, Morgenlicht. "In einem Park wie diesem hat alles begonnen", sagt Hansson feierlich. Birkenstämme lehnen vor einem Fototapetenwald, überall sind Bilder der vier aus ihrer Zeit vor Abba zu sehen, als sie noch getrennt Karriere zu machen versuchten. In einer Ecke stehen zwei Autos: die Tourwagen der beiden Jungs, die unterwegs zu einem Konzert in einem der typischen schwedischen Folkparken am 5. Juni 1966 fast ineinandergerast wären. Der Gründungsmythos der Band.

Auf dem Audioguide erzählen die Musiker ihre Geschichte jetzt zum ersten Mal selbst. "Das haben sie noch nie gemacht, es gibt ja auch kein offizielles Buch", sagt der Museumschef. "Auf einmal sahen wir nur noch eine Staubwolke, als die Hep Stars auf uns zurasten", hört man also Björn sagen. Die beiden Männer gingen nach dem Beinahe-Unfall noch zusammen auf eine Party und dann in einen Park, wo sie Beatles-Songs auf ihren Gitarren spielten, während es Morgen wurde. "Und wir redeten viel", sagt Benny auf der Aufnahme, "wir hatten die gleichen Ziele. Und dachten uns: Vielleicht sollten wir einfach was zusammen machen."

Es hat viel Charme, den vieren dabei zuzuhören, wie sie von dem ersten Treffen erzählen, den Liebesgeschichten der zwei Pärchen, ihren Ehen, dem Stress auf Tour bis zum Ende der Ehen und dem der Band. Die Musiker sind aber sogar noch unmittelbarer als mit dem Audioguide ein Teil der Ausstellung: Hansson läuft in eine Ecke, in der das Cover des ersten Albums Ring Ring von 1973 hängt. "Hier wird ein rotes Telefon stehen." Er deutet auf eine Säule. "Nur vier Leute haben die Nummer – und sie werden anrufen. Das war Fridas Idee." Es wird auch ein Klavier geben, das mit Bennys Klavier in seinem Studio verbunden ist, und immer dann spielt, wenn Benny spielt.

Das Museum erzählt die Geschichte der Band über Räume, Szenen, bis ins Kleinste nachgebaut: Man wird das Polar Studio sehen können, in dem sie ihre Alben produzierte; die kleine Hütte auf der Mini-Insel Viggsö, 30 Kilometer nordwestlich von Stockholm, in der die Jungs sich zum Schreiben verkrochen; eine typische Garderobe backstage, in der sie ihre Fönwellen bekamen, aufs Sofa plumpsten, Champagner tranken.

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