Der Schriftsteller Albert Cohen (1895-1981) © Jacques Sassier

Als im Mai 68 in Paris der Roman Die Schöne des Herrn erschien, fand das Staunen kein Ende. Wie aus dem Nichts war da dieser zweiundsiebzigjährige Albert Cohen aufgetaucht. Und mit ihm dieser so eigenartige Tausend-Seiten-Roman. Ein Buch, für das die Superlative fehlten, weil es so anders glänzte als alles, was es damals zu lesen gab.

Am ehesten konnte man noch die ausschweifenden Schilderungen des Lebens der Völkerbunddiplomaten und der protestantischen Genfer Oberschicht in den dreißiger Jahren einordnen. Das langsame, sinnliche, detailreiche Erzählen, in dem Sozialkritik und Komik sich die Hand reichten, erinnerte an Proust. Die langen inneren Monologe der Hausangestellten Mariette übertrafen freilich selbst Prousts famose Françoise. Schon schwieriger war es mit der Liebespassion zwischen Solal, dem überirdisch schönen jüdischen Untergeneralsekretär des Völkerbunds, und Ariane Deume-d’Auble, einer protestantischen Genferin aus bestem altem Geschlecht. Die impressionistischen Wortwolken, in die Cohen die Träume und Erwartungen, die Annäherung und Begegnung des Paares hüllte, kratzten an den realistischen Konventionen. Die Radikalität und der Hohelied-Ton, mit dem Cohen das Paar in die Weltflucht, den Zerfall und gemeinsamen Suizid trieb, entfernten den Roman um ein Weiteres aus dem realistischen Rahmen. Und endgültig besorgten das die wie aus Tausendundeiner Nacht kommenden Szenen mit Ross und Reiter, die Cohen immer wieder einstreute.

Was hatte es mit den fünf kurios kostümierten orientalischen Juden aus Kefalonia, Cousins von Solal, auf sich, die den Völkerbundpalast unsicher machten und sich vor Arianes Villa auf die Lauer legten, um die Geliebte hoch zu Ross zu entführen? Die Burschen schienen aus Cervantes’ Exemplarischen Novellen oder aus einem Drama Becketts zu stammen. Was war von dem Keller in Berlin zu halten, in den Rachel Silberstein, die Tochter des reichsten Antiquitätenhändlers der Stadt, Solal rettet, nachdem Nazis ihn geschlagen und ihm ein Hakenkreuz in die Brust geschnitten haben? Der Keller ist die düster leuchtende Phantasmagorie eines unterirdischen Exils, eine Kleinstadt unter der Erde, in der zum Schluss Solal und Rachel in einer königlichen Karosse, gezogen von den klapprigen Gäulen Isaak und Jakob, spazieren fahren und über Deutsche, Nazis und Juden sprechen. Wie schließlich sollte man den Auftakt des Romans deuten, in dem der "zum Erbrechen schöne" Solal sich zu einem alten, hässlichen Juden vermummt, um Ariane in ihrem Schlafzimmer überfallartig zu verführen? Solal nennt uns den Grund: Er will nicht seiner männlichen Schönheit wegen geliebt werden, sondern als zu Tod, Alter und Hässlichkeit bestimmter Jude. Aber was ist das für eine Art Roman, in dem ein derart bizarres Spiel der Motive stattfindet?

1969, ein Jahr nach der Veröffentlichung der umjubelten Schönen des Herrn, klärten sich in Paris die Dinge. Es erschienen binnen zweier Monate Cohens drei Romane Solal, Eisenbeißer und Die Tapferen. Und es zeigte sich, dass die vermeintlich aus dem Nichts kommende Schöne des Herrn in Wahrheit der dritte Band einer bis in die Jahre 1930 und 1938 zurückreichenden Roman-Tetralogie ist. Sie erzählt die Abenteuer des erfolgreichen Solal und seiner fünf tapferen Sancho-Pansa-artigen Cousins zwischen dem jüdischen Orient Kefaloniens und dem Okzident von Paris und Genf in der Zeit des Nationalsozialismus. Und sie bedient sich zur Schilderung dieses Zusammenpralls der Kulturen einer entsprechenden Mischung der Erzählstile. Jeder der vier Romane verbindet Elemente des Schelmenromans und des orientalischen Erzählens mit den Erzähltechniken des modernen europäischen Romans nach Proust und Joyce; keiner freilich tut es so virtuos wie Die Schöne des Herrn. Und natürlich spiegeln sich in diesen Mischungen auch die im Leben von Albert Cohen. Er kam 1895 in der kleinen jüdischen Gemeinde Korfus (dem Vorbild Kefaloniens) zur Welt, emigrierte mit seinen Eltern 1905 nach Marseille und tauschte nach einem Studium der Rechte an der Uni Genf 1919 seinen ottomanischen Pass gegen einen schweizerischen. Zwischen den zwanziger und den vierziger Jahren war er höherer Funktionär bei internationalen Organisationen, aber auch Mitglied verschiedener jüdischer und zionistischer Organisationen, 1939 sogar persönlicher Repräsentant des nachmaligen israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann in Paris. Sein "schönstes Buch" nannte er den Flüchtlingspass, dessen Rechtekatalog er als Diplomat mit ausgehandelt hatte.

Es ist atemberaubend, wie Cohen alle Seiten seines suchenden und irrenden jüdischen Lebens im 20. Jahrhundert Zug um Zug in die wilde, fantastische Welt seiner Romane umimaginiert hat. Solals verzweifelte Liebe zu Ariane ist durchsetzt mit aberwitzigen Diskursen über jüdische Identität. Die fünf Tapferen exzellieren im tragikomischen Antifaschismus. Sie mokieren sich über Juden, die die allerbesten Franzosen werden wollen. Als Gegengift zum Hitlergruß legen sie die Hand aufs Herz und rufen: "Es lebe Frankreich!"

Nur nach Deutschland hat es der hinreißende Cohen nie recht geschafft. Zwar war schon das Erscheinen Solals 1930 ein solches Ereignis, dass Franz Hessel, der eben mit Walter Benjamin die Teile II und III von Prousts Recherche übersetzt hatte, den Roman sogleich für den Drei Masken Verlag übersetzte. Zwar hat Helmut Kossodo 1987 Die Schöne des Herrn fabelhaft übersetzt, und Klett-Cotta hat auch Solal, Eisenbeißer und das Buch meiner Mutter folgen lassen. Aber noch immer ist Cohen auch Gebildeten kaum dem Namen nach bekannt. Nun hat Michael von Killisch-Horn Kossodos Übersetzung überzeugend poliert und verbessert, und man darf gelassen aussprechen: Hier wartet einer der großen (und vergnüglichsten) Romane des 20. Jahrhunderts.