1 Hat die Krise in Europa nun auch den deutschen Arbeitsmarkt erreicht?

Ja. Lange Zeit sank die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland. Das ist vorbei, zuletzt ist sie gestiegen, sofern man den Effekt der Jahreszeit herausrechnet. Nur so lässt sich erkennen, wie es um die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt wirklich steht. Denn im Frühjahr kommen zwar regelmäßig mehr Menschen in Beschäftigung, zum Beispiel, weil dann wieder draußen auf dem Bau gearbeitet wird. So zählte die Bundesagentur für Arbeit im April weniger Arbeitslose als im März (3,0 statt 3,1 Millionen). Aber über die Lage in den Unternehmen sagt das wenig aus. In diesem Jahr ist die Frühjahrserholung schwächer als normal. So etwas kann in einem einzelnen Monat schon mal vorkommen, im April war es ungewöhnlich kalt, doch inzwischen bewegt sich die saisonbereinigte Zahl der Arbeitslosen seit fast einem Jahr sachte nach oben. Das zeigt: Der Trend hat sich gedreht.

Allerdings ist auf der anderen Seite des Arbeitsmarktes, bei den Beschäftigten, bisher keine Wende in Sicht. Seit 2006 gehen immer mehr Menschen in Deutschland einer Arbeit nach, die Zahl der Erwerbstätigen klettert von Rekord zu Rekord – und daran scheint sich nichts zu ändern. Bald dürfte sie bei 42 Millionen liegen.

Offenbar gibt es derzeit zwei gegenläufige Entwicklungen am Arbeitsmarkt.

2 Warum gibt es gleichzeitig mehr Arbeitslose und mehr Beschäftigte?

Beide Gruppen können gleichzeitig wachsen, wenn über den bestehenden Pool der Arbeitslosen hinaus weitere Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. Genau das geschieht in Deutschland. Zum einen kommen Einwanderer: etwa Polen, Rumänen und Bulgaren, für die es heute weniger rechtliche Hürden gibt. Oder Griechen, Spanier und Portugiesen, die vor der Wirtschaftskrise in ihren Heimatländern fliehen.

Im Jahr 2011 wanderten 280.000 mehr Menschen nach Deutschland ein als von hier fortzogen, 2012 dürften es nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes sogar 340.000 gewesen sein. Das heißt: Innerhalb von nur zwei Jahren hat die Bundesrepublik so viele Einwanderer angezogen, dass es für sechs Großstädte reicht.

Zum anderen drängen auch mehr Einheimische in Jobs. Sie kommen aus der sogenannten stillen Reserve. So nennen Experten Menschen, die zwar grundsätzlich an Arbeit interessiert sind, sich aber gerade nicht aktiv um eine Stelle bemühen. Das kann daran liegen, dass sie schon die Hoffnung auf einen Job aufgegeben haben oder dass sie nur mit einem unattraktiv niedrigen Lohn rechnen. Offenbar sehen das jetzt viele Menschen anders, die stille Reserve ist geschrumpft. Zudem stecken heute weniger Arbeitsuchende als früher in den Förderprogrammen der Bundesagentur für Arbeit (wo sie nicht als arbeitslos gezählt wurden).

Unterm Strich heißt das: Soweit sich die Krise in Europa hierzulande bisher ausgewirkt hat, kostete sie nicht so sehr Jobs, sondern brachte vor allem zusätzliche Arbeitsuchende ins Land.

3 Was bleibt nun noch vom deutschen "Jobwunder"?

Das viel zitierte Jobwunder bestand darin, dass der hiesige Arbeitsmarkt den brutalen Absturz der Konjunktur in den Jahren 2008 und 2009 fast schadlos überstanden hat. Die Wirtschaftsleistung brach so rasant ein wie nie zuvor in der Bundesrepublik, doch in der Arbeitslosenkurve sorgte das nur für eine kleine Delle. Danach setzte sich der schon seit 2005 beobachtete Trend fort: Die Zahl der Arbeitslosen fiel. Dieser Trend ist vorerst gestoppt, und das Jobwunder insofern Geschichte. Aber es deutet sich schon ein neues Phänomen an, das ähnlich erstaunlich ist: Die deutsche Wirtschaft wächst seit fast eineinhalb Jahren kaum, aber sie schafft immer noch unglaublich viele Jobs.

Im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um mickrige 0,7 Prozent, doch es entstanden eine halbe Million neue Jobs. Für dieses Jahr erwarten Konjunkturexperten wieder nur ein Null-Komma-Wachstum, rechnen aber mit weiteren 200.000 bis 300.000 neuen Stellen. Das passt eigentlich kaum zusammen. In der Vergangenheit lag das Wachstum meist viel höher, wenn sich am Arbeitsmarkt etwas regte. Eine Erklärung könnte sein, dass viele der neuen Arbeitsplätze nicht in der Exportindustrie, sondern in den Dienstleistungssektoren entstehen. Dort liegt die Produktivität niedriger als in der Industrie, zusätzliche Arbeit geht dort also mit einem geringeren Zuwachs des BIP einher.

Noch ist aber nicht sicher, wie lange dieses Phänomen – wenig Wachstum, viele Jobs – wirklich anhält und ob es für ein neues Jobwunder reicht.

4 Entstehen heute überhaupt noch normale Stellen – oder bloß Minijobs?

Skeptiker vermuten hinter den Rekordzahlen bei der Erwerbstätigkeit eine Flut von schäbigen Klein- und Kleinstarbeitsverhältnissen. Etwa so genannte Minijobs, die mit maximal 450 Euro im Monat entlohnt werden und kaum eine soziale Absicherung bieten. Doch tatsächlich stagniert die Zahl der Minijobber, und andere eher unsichere Formen des Broterwerbs – Leiharbeit, Ein-Euro-Jobs, (Solo-)Selbstständigkeit – verlieren sogar deutlich an Bedeutung. Stattdessen entstehen seit einigen Jahren vor allem höherwertige, sozialversicherte Arbeitsplätze. Ihre Zahl lag zuletzt um 400.000 über der des Vorjahres.

Wie viele davon Vollzeitarbeitsplätze sind, dazu gibt es keine aktuellen Angaben. Aber in den vergangenen Jahren wurden gerade diese Normal-Arbeitsplätze in besonders großer Zahl geschaffen. Auch die Entlohnung wird tendenziell besser. Die durchschnittlichen Löhne steigen seit ein paar Jahren wieder deutlich stärker als die Inflation.

Das neue Jobwunder, so es eines ist, beruht also nicht auf schlechten, sondern eher auf guten Arbeitsplätzen.