Die chinesische Fregatte "Yuncheng" im Hafen von Hong Kong (Archiv) © Aaron Tam/AFP/Getty Images

In Asien dreht sich die Rüstungsspirale immer schneller. Während selbst sicherheitspolitisch stark engagierte Nationen des Westens wie die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich ihre Verteidigungsbudgets verkleinern, rückt Singapur mit seinen Militärausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt weltweit auf Rang zwei vor – nach Israel. Und mit rund 130 Milliarden Dollar liegt China hinter den USA auf Platz zwei der Rüstungsausgaben – mit seit Jahren ansteigender Tendenz.

Vor allem die Seestreitkräfte werden in Asien massiv ausgebaut. Peking treibt nach eigenen Angaben den Bau von drei Kampfgruppen voran, was der Volksrepublik die Fähigkeit zur Machtausübung über weite Entfernungen verschaffen wird. Der erste Flugzeugträger ist der Flotte bereits medienwirksam übergeben worden. Auch ein Tarnkappenjet für den Einsatz auf Flugzeugträgern wurde präsentiert. Indien antwortet mit einer Erhöhung des Marinebudgets um beinahe 75 Prozent für moderne U-Boote, Zerstörer und eigene Flugzeugträger. Allein der Umfang der indischen Neubeschaffungspläne sei größer als Großbritanniens gesamte Flotte, bemerkte ein ehemaliger britischer Admiral unlängst. Auch Vietnam rüstet sich mit U-Booten, Fregatten sowie Kampfflugzeugen. Südkorea, Malaysia, Indonesien und Australien investieren gleichfalls in ihre Marinen. Russland hat für die nächsten zehn Jahre den Bau von vierhundert Interkontinentalraketen, acht strategischen Atom-U-Booten, fünfzig Kriegsschiffen, sechshundert Flugzeugen und eintausend Helikoptern angekündigt. Sogar im bislang zutiefst pazifistischen Japan wurde vergangenes Jahr zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges Wahlkampf mit der Forderung gemacht, aufzurüsten und die Armee zu verstärken.

Hintergrund dieses Wettrüstens ist ein wachsender Nationalismus in Asien. Er erinnert Historiker an ähnliche Entwicklungen in Europa im 19. und 20. Jahrhundert, die in blutige Konflikte mündeten und letztendlich in zwei Weltkriegen eskalierten.

Territorialstreitigkeiten führen in Asien schon heute immer wieder zu Zwischenfällen. Im Südchinesischen Meer geht es um Inseln, Riffe und Fischereigebiete, aber auch um die großen Rohstoffvorkommen, die dort vermutet werden, und um wichtige Routen des maritimen Welthandels, die dort verlaufen. Im Ostchinesischen Meer wiederum streiten China, Taiwan und Japan um Inseln. Hinzu kommt der Disput zwischen Moskau und Tokio über die Südlichen Kurilen, eine Inselgruppe nördlich von Japan. Ungelöst sind auch die Konflikte zwischen dem Norden und dem Süden Koreas sowie zwischen China und Taiwan, das von Peking bis heute als abtrünnige Provinz betrachtet wird.

Die Vereinigten Staaten beobachten mit Sorge vor allem die Ausdehnung der chinesischen Einflusssphäre und verstärken darum ihr eigenes Engagement in der Pazifikregion. Soldaten werden nach Australien entsandt, Stützpunkte auf den Philippinen eröffnet. Kriegsschiffe erhalten Singapur als Basis. Sechzig Prozent der US-Seestreitkräfte werden in Zukunft im Pazifik stationiert sein und die Ankündigung aus dem Jahr 2011 bekräftigen, dass die Region im "pazifischen Jahrhundert", wie die damalige US-Außenministerin Clinton einmal formulierte, im Zentrum der amerikanischen Sicherheitspolitik stehe.

Besserer Moderator ohne Flotte vor den Küsten

Wie sollte Europa mit dieser Situation umgehen? Militärisch hat es in der Region kaum Bedeutung, von Waffenexporten abgesehen. Aber ebendiese vordergründige Schwäche könnte sich als Stärke erweisen. Gerade weil keine großen europäischen Flotten vor den Küsten Asiens kreuzen, ist Europa geradezu prädestiniert für die Rolle des Vermittlers.

Als ehrlicher Makler könnte Europa nicht nur generell den Part des Friedensbewahrers übernehmen, sondern auch pragmatisch mit ersten Schritten zur Konfliktentschärfung beitragen. Neben diplomatischen Bemühungen um die Beilegung von Territorialstreitigkeiten sollte die EU Abrüstungsverhandlungen moderieren und nach Abschluss von Abkommen deren Umsetzung unterstützen, etwa indem sie an der Rüstungskontrolle mitarbeiten würde.

Es liegt nahe, einen solchen europäischen Vorstoß für naiv zu halten. Würde Europa sich nicht – wieder einmal – selbst überschätzen in seiner weltpolitischen Bedeutung? Ist das asiatische Parkett nicht ein wenig zu groß für die Europäer, die bereits vor ihrer eigenen Haustür, ob auf dem Balkan, im Nahen Osten, im Mittelmeerraum oder in Afrika, außen- und sicherheitspolitisch alle Hände voll zu tun haben?