Der Kunstmarkt besteht letztlich aus vielen einzelnen Nischenmärkten. Das Wort Nische ist dabei nicht verniedlichend gemeint, es sagt nichts über die Umsatzträchtigkeit aus. Die Preise für einzelne Stücke auf den diversen Submärkten des Kunstmarkts steigen schließlich oft sehr hoch – weil das Angebot gerade in den Nischen meist rar ist. Jede Nische kennt dabei ihre eigenen Sammler und Händler, jede Nische folgt ihren eigenen Ritualen und Codes. Die Münzsammler verständigen sich ebenso in einer spezialisierten Fachsprache wie die nach Handzeichnungen süchtigen Sammler. Und so findet sich auch eine Gruppe, die, wenn sie vom Erhaltungsgrad eines "Gefäßes" schwärmt, nicht an Keramiken aus dem Bauhaus oder Amphoren aus dem alten Ostia denkt, sondern an Degen aus dem 16. Jahrhundert. Diese Menschen wissen, dass ein Degen aus einer Klinge und einem Gefäß besteht und dass sich das Gefäß wiederum in Gehilze, Knauf, Parierstange und Parierspangen aufteilt.

Wer sich in Deutschland auf die Suche nach alten Klingen mit schönen Gefäßen oder nach Helmen aus Mittelalter oder Renaissance macht, der landet schnell beim Münchner Auktionshaus Hermann Historica. In den vergangenen Tagen wurde dort die sich über Tausende Lose hinziehende 66. Auktion abgehalten, und als am vergangenen Freitag endlich auch die Schutzrüstungen aufgerufen wurden, stand der Experte Robert Weis am Auktionspult. Das Los mit der Nummer 3.215 rief Weis mit dem Schätzpreis von 7.500 Euro auf. Wochen zuvor hatte er den Katalogtext zu diesem Helm – deutsch, um 1600 – in einer ganz eigenen Prosa verfasst: "Durchgehend mit Streifen und Dreipassmotiven geätzter, geschlossener Helm. Die einteilig geschlagene Glocke mit geschnürltem Kamm, rückseitig vernietetem Messingfederbuschhalter und nietenbesetztem, zweifach geschobenem Nackenschutz. Aufschlächtiges, zweiteiliges Visier mit Sehschlitzen und einseitigen Atemlöchern. Hakengesichertes Kinnreff mit gebördeltem Kragen. Innseitig stellenweise vernietete und eingezinnte Verstärkungen, am Visier vereinzelt Reste von Vergoldung. Höhe 30 cm."

Wo lernt man diese Sprache, die an ein historisch fernes Handwerk erinnert? Wie kommt man dazu, ein Experte für Ritterhelme zu werden? Robert Weis hat Jura und Kunstgeschichte studiert, danach ein Praktikum in einem Münchner Auktionshaus absolviert. Zu den Helmen aber kam er aus persönlichem Interesse. Wie die meisten Expertenkollegen und Sammler hat Weis sich die Leidenschaft des kindlichen Ritterspiels in die Erwachsenenwelt hinübergerettet. Als Student kaufte er nachgemachte Schwerter und Rüstungen und nahm an Treffen der Reenactment-Szene teil, die das Mittelalter nachspielt. Er hat die Rüstungen also auch getragen und mit den Waffen gekämpft. Sein erstes Sammlerstück war dann vor gut zwanzig Jahren ein Rapier für etwa 1.000 D-Mark – für das Geld bekam er immerhin eine originale Klinge, das Gefäß aber stammte aus dem 19. Jahrhundert. Bald merkte Robert Weis, heute 44 Jahre alt, dass er sich die historisch und handwerklich interessanten Stücke nicht leisten konnte. Und so wechselte er auf die andere Seite des Geschäfts.

Seit zwölf Jahren arbeitet Weis nun bei Hermann Historica, wo er damals auch das Rapier kaufte; inzwischen ist er Abteilungsleiter für Antiken, alte Waffen, Jagdliches und Kunsthandwerk. Sein Spezialistentum höre da auf, sagt er, wo die Militärgeschichte mit ihren Uniformen und Orden anfange. Seine Kunden sind fast ausschließlich Männer – Ritterrüstungen und Blankwaffen werden kaum von Frauen gesammelt, hier kämpft das Gendering bisher an verlorener Front. Dafür ist auch Kindern in Auktionshäusern wie Hermann Historica oder dem ebenfalls auf alte Waffen spezialisierten Hause Fischer im schweizerischen Luzern erlaubt, was in Museen strengstens verboten ist: Sie dürfen die alten Waffen (mit Handschuhen) anfassen. "Man muss die Waffen erleben, um sie zu verstehen", sagt Weis. Anfassen sei auch ein ganz wichtiges Kriterium bei der Entscheidung über echt oder falsch. Wenn ein aufwändig gearbeiteter Degen schlecht in der Hand liegt, kann er kaum ein Original sein – lag doch vor ein paar Jahrhunderten die Bedeutung dieser Stücke vor allem in ihrer Funktionstüchtigkeit. Die Frage, ob an einem Schwert oder Degen einst Blut klebte, ob mit ihnen Leben geraubt wurden, birgt dabei für einige Sammler zusätzlichen Reiz.

Rund siebzig Prozent der bei Hermann Historica versteigerten Ware gehe ins Ausland, sagt Weis. Es kaufen auch Museen, wenn einmal eine Besonderheit auftaucht, das Münchner Auktionshaus ist für bestimmte Sammelnischen eine weltweit wichtige Adresse und konkurriert hier mit dem Schweizer Haus Fischer, aber auch mit Christie’s, Sotheby’s oder einzelnen erfolgreichen Händlern wie dem Londoner Peter Finer.

"Geschobene Oberdiechlinge mit kräftigem, geschnürtem Brechrand"

Damit das Sammeln der Rüstungen und Schwerter nicht allzu sehr ans Spiel der Kinder erinnert, damit es eine gewisse Seriosität bewahrt, ist die wissenschaftliche, zuweilen parawissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Gegenstand ungemein wichtig. Selbstverständlich heben auch die hohen Preise den Ernst. Im vergangenen Herbst wurde bei Hermann Historica ein kompletter Feldharnisch aus der norddeutschen Region ("die spitz zulaufenden, gegrateten Stulpen mit gebördelten und geschnürten Rändern. Zugehöriges Beinzeug, die geschobenen Oberdiechlinge mit kräftigem, geschnürtem Brechrand. Die geschobenen Kniebuckel mit kräftigem Mittelgrat und seitlichen flachen Muscheln. Die Unterdiechlinge im 19. Jhdt. ergänzt, originale geschobene Füße in Kuhmaul-Form") für 150.000 Euro versteigert. Ein Jahr zuvor wechselte ein norditalienischer Feldharnisch sogar für 230.000 Euro den Besitzer. Den geätzten Helm mit dem geschnürltem Kamm konnte Robert Weis vergangenen Freitag immerhin vom Startpreis von 7.500 Euro auf 13.000 Euro hochsteigern.