Depeche-Mode-Fans"Good evening, East Börlin"

Als die DDR-Jugend Megafone stahl: Depeche Mode, die britische Band von Weltrang, hatte die treuesten Fans ausgerechnet hinter der Mauer. von Sascha Lange und Dennis Burmeister

Collage aus Fan-Devotionalien junger DDR-Bürger

Collage aus Fan-Devotionalien junger DDR-Bürger  |  © Blumenbar-Verlag

Es gab nicht eine, sondern zwei Mauern für die Fans von Depeche Mode in der DDR. Denn die Band war doppelt unerreichbar. Sie waren Popstars, abgeschirmt von Bodyguards und getönten Autoscheiben, aber was viel schlimmer war: Sie lebten jenseits des Eisernen Vorhangs, und es gab keine Hoffnung, sie jemals auf einem Konzert zu sehen.

In der Regel kannten Jugendliche damals, Anfang der achtziger Jahre, höchstens zwei, drei Songs einer Band und das Outfit, den Style, bevor sie sich für ihre Lieblingsband entschieden. Besonders Frisuren und Kleidung kamen im Jahrzehnt des Pop entscheidende Bedeutung zu, und Depeche Mode mit ihren vier markanten Frisuren und schwarzen Lederklamotten waren allen einen Schritt voraus. Allerdings hätte der Stil nie überzeugt, wenn er nicht in einer so kongenialen Kombination mit der Musik gestanden hätte. Der poppige, großflächige Industrie-Sample-Sound erschuf eine völlig neue Klangwelt und war zu der Zeit absolutes Alleinstellungsmerkmal.

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Auf vielen Fotos posierte die Band zu dieser Zeit vor Industrieanlagen, stellenweise mit schweren Vorschlaghämmern. Die graue Industrieästhetik war im Leben vieler Lehrlinge im Osten die tägliche Wirklichkeit. Denn sie schufteten in einem der vielen schmutzigen und heruntergekommenen metallverarbeitenden Betriebe. So entstand ein von der Band sicherlich nie beabsichtigter besonderer Bezug zwischen ihrer Ästhetik und den Lebensumständen der Jugendlichen in der DDR. Das half, sich die graue Realität im Osten bunter zu denken. "Im Industriegebiet von Leipzig-Plagwitz hatten wir unsere London Docks wie im Video von Shake The Disease", erinnert sich Depeche-Mode-Fan Stefan Kopielski aus Leipzig.

Depeche Mode

100 Millionen Singles und Alben wurden weltweit von der erfolgreichsten Elektro-Band der Musikgeschichte verkauft. Sie gründete sich 1980 in Basildon nahe London. Ein Jahr später erschien das erste der bislang 13 Alben. Von Beginn an benutzten Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher nur Synthesizer. Sie gelten als einflussreichste Wegbereiter der elektronischen Musik. Am vergangenen Dienstag startete in Tel Aviv ihre Welttournee zum neuen Album Delta Machine

"Monument"

Dies ist ein gekürzter Auszug aus dem von Sascha Lange und Dennis Burmeister herausgegebenen Buch "Depeche Mode: Monument" (Blumenbar Verlag, 424 Seiten, 49,90 €). Es erscheint am 20. Mai

Auf den Plattencovern von A Broken Frame und Construction Time Again arbeitete die Band mit Zeichen und Symbolen, die an die Kunstform des Sozialistischen Realismus der fünfziger und sechziger Jahre angelehnt waren: der arbeitende Mensch als Mittelpunkt und ästhetische Projektionsfläche. Den Fans in der DDR war klar, dass Depeche Mode damit keine Sympathien für stalinistischen Kulturschick zeigen wollten, sondern dies ein Verfahren der Pop-Art war: Im neuen Kontext verloren die Symbole den ideologischen Ballast und waren nun zuallererst Symbole von Depeche Mode. Aber das Beste war: Genau solche Bilder fanden sich im Osten zuhauf. Als 1987 auf Music For The Masses diese typischen Propaganda-Megafone abgebildet wurden und dann auch im Video zu Strangelove zu sehen waren, empfanden die Fans in der DDR dies erneut als Verweis auf die DDR-Realität. Als Folge wurden überall, in Betrieben und sogar auf Bahnhöfen, von Depeche-Mode-Fans Megafone geklaut, und diese, knallig rotorange angemalt, schmückten daraufhin diverse Jugendzimmer. In einem Fall in Leipzig ermittelte 1988 die Staatssicherheit gegen den Diebstahl, weil sie in ihrer grenzenlosen Paranoia den Missbrauch dieser Geräte für staatsfeindliche Propaganda befürchtete. Glücklicherweise wurden die "Täter" nie ermittelt.

Depeche Mode haben sich in der Öffentlichkeit stets als unpolitisch dargestellt. Doch ihre Alben von 1983 und 1984 setzten sich auch mit den zu dieser Zeit drängenden politischen Fragen der Umweltverschmutzung, Kapitalismuskritik und der Gefahr eines atomaren Krieges zwischen Ost und West auseinander. Die DDR-Jugendlichen, die eine der wenigen Ausstrahlungen des People Are People- Videos in der West-Musiksendung Formel Eins sahen, entdeckten dort Aufnahmen vom Roten Platz und eine künstlerische Beschäftigung mit dem Kalten Krieg.

Hier sang nicht die Propagandaabteilung des Klassenfeindes, sondern Depeche Mode als brothers in mind, und sie machten damit klar, dass sie, obwohl sie so weit entfernt waren, dieselben Ängste teilten. Besonders das Video zu Stripped hatte – von der Band und vom Regisseur Peter Care nicht gewollt – mit etwas Fantasie mehrere Anspielungen auf die DDR: den Blick auf die Berliner Mauer, die Zerstörung eines russischen Lada-Kombis mit Vorschlaghämmern und vernebelte Industriebrachen, die im Osten in jedem Ort zu finden waren. Ohne es zu beabsichtigen, lieferten Depeche Mode auf diese Weise den DDR-Fans sowohl einen lebensnahen Soundtrack als auch die Projektionsfläche für Sehnsüchte einer ganzen Generation.

Leserkommentare
    • snoek
    • 08. Mai 2013 14:47 Uhr
    1. .....

    Eine der 15.000 Platten steht bei meinem Stiefvater im Regal. Die war natürlich nur durch eine persönliche Freundschaft zu dem Plattenverkäufer zu bekommen.

    Zu dem Kopieren von Tapes fällt mir noch ein, dass wir keine Doppelkassettenrekorder hatten, sondern Überspielkabel von einem Gerät zu einem anderen. War auch das nicht zur Hand oder es gab nicht die passenden Anschlüsse, dann wurde ein Mikrophon ganz dicht an die Box gehalten und wir waren alle ganz, ganz leise während des ‚Kopier’vorgangs.

    Danke für diesen Artikel.

    • Salera
    • 10. Mai 2013 10:56 Uhr
    2. Schön

    Wenn ich dies lese, so wird mir an einem praktischen Beispiel bewusst, welcher Gewinn, besser welche Freiheit es heute ist, sich heute einfach die Platte bestellen und das Konzertticket ohne Probleme kaufen zu können.
    Für mich unvorstellbar, habe ich die DDR nicht mehr wirklich erlebt.
    Danke ebenfalls für den Artikel.

  1. Hallo. Ich war dabei. Offizieller Gast der Band durch Sebastian Koch. Fanclubkarte nymoud ist von Mario u mir. Waren Backstage danach mit Martin, Allan u Andy. Habe auch noch Fotos davon. Habe auch noch die Gästekarte von diesem Konzert.Hammer das hier zu sehen u zu lesen. Artikel hinter Fanclubkarte ist auch von uns. Danke für Artikel
    ( wer Kontakt dazu möchte, facebook , René Westphal, Santa Margarida, Catalunien, Spanien )

  2. Hallo. Ich war dabei. Offizieller Gast der Band durch Sebastian Koch. Fanclubkarte nymoud ist von Mario u mir. Waren Backstage danach mit Martin, Allan u Andy. Habe auch noch Fotos davon. Habe auch noch die Gästekarte von diesem Konzert.Hammer das hier zu sehen u zu lesen. Artikel hinter Fanclubkarte ist auch von uns. Danke für Artikel
    ( wer Kontakt dazu möchte, facebook , René Westphal, Santa Margarida, Catalunien, Spanien )

  3. ich war 15 zur Wende, dass DeMo je ein Konzert in der DDR gab, ist mir nicht mal bekannt gewesen.
    Aber die alten Erinnerungen an Kassetten überspielen und die Qualitätsabnahme sind mir sehrwohl noch bekannt.
    Ich dachte tatsächlich, dass die Ärzte absichtlich unverständlich klingen, bis ich mal an Originalaufnahmen kam ;-)

    andere Zeiten, doch nun werde ich endlich am Sonntag auf einem DeMo-Konzert dabei sein.

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