Niall Ferguson : Wir löschen unseren Erfolg

500 Jahre lang hat der Westen mit seinen Institutionen und Ideen die Welt beherrscht. Bis jetzt. Jetzt kopieren die anderen, was unseren Aufstieg begründet hat. Wir aber geben auf – dabei ist noch nicht alles verloren

Es ist ziemlich schwierig, deutsche Leser davon zu überzeugen, dass wir im Westen ein Problem haben. Das liegt zum Teil daran, dass die Dinge hier in Deutschland vergleichsweise gut laufen. Und noch ein anderer Umstand macht es mühsam, Deutsche von der Existenz eines Problems zu überzeugen: Die Idee vom "Untergang des Abendlandes" genießt in Deutschland einen schlechten Ruf. Niemand liest heute noch Oswald Spengler, deshalb muss ich mit einer Klarstellung beginnen: Ich bin weder Oswald Spengler, noch ähnelt die Argumentation meines Buches Spenglers Darlegungen in seinem Buch Der Untergang des Abendlandes.

Meine Argumentation beschäftigt sich mit handfestem wirtschaftlichem Wandel sowie den intellektuellen und institutionellen Grundlagen dieses Wandels. Sie unterscheidet sich, mit anderen Worten, sehr deutlich von Spenglers These, die menschliche Geschichte verlaufe gleichsam in jahreszeitlicher Abfolge und der Westen erlebe nunmehr seinen Winter. Die Geschichte folgt nicht den Jahreszeiten. Tatsächlich verläuft sie nicht einmal zyklisch.

Lassen Sie mich versuchen, Sie davon zu überzeugen, dass wir im Westen tatsächlich ein Problem haben. Blicken wir genau hundert Jahre zurück. Damals war Deutschland nach den USA die zweitgrößte Industriemacht der westlichen Welt. Es hatte Großbritannien überholt. In Deutschland lebten rund vier Prozent der Menschheit; auf die deutsche Wirtschaft entfielen nahezu neun Prozent der gesamten Weltwirtschaft.

Heute macht die deutsche Bevölkerung kaum mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung aus – und ungeachtet der Erfolge der deutschen Wirtschaft beläuft sich Deutschlands Bruttoinlandsprodukt nur noch auf 3,8 Prozent der Weltwirtschaft. Die Vereinten Nationen sagen voraus, dass im Jahr 2050 nur noch 0,8 Prozent der Weltbevölkerung Deutsche sein werden. Niemand weiß, wie hoch der deutsche Anteil an der Weltwirtschaft dann noch sein wird. Aber ich würde darauf wetten, dass er weniger als 3,8 Prozent betragen wird.

Der relative Niedergang der demografischen und wirtschaftlichen Bedeutung Deutschlands ist Teil eines viel größeren Prozesses. Betrachten wir nur die wirtschaftliche Bedeutung des Westens – der Einfachheit halber definiert als Nordamerika und Europäische Union. Im Jahr 1989, jenem annus mirabilis, sah es so aus, als hätte der Westen triumphiert. Damals entfielen auf diese Volkswirtschaften zusammen 56 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung – bis 2017 wird dieser Anteil dem IWF zufolge auf 37 Prozent geschrumpft sein. Die Versprechen von 1989, wie sie Francis Fukuyama in seinem berühmten Essay Das Ende der Geschichte zum Ausdruck brachte, haben sich nicht erfüllt. Vor 23 Jahren verkündete Fukuyama den Triumph des westlichen Modells von Demokratie, Marktwirtschaft und Kapitalismus. Stattdessen wird nun, sofern keine dramatische Veränderung der gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Trends dazwischenkommt, in vier Jahren die Volksrepublik China die USA als größte Volkswirtschaft der Welt überholen.

Was genau ist da passiert? Wenn wir verstehen wollen, wie es entgegen allen Erwartungen dazu kommen konnte, dass eine ostasiatische Volkswirtschaft die USA überholt, müssen wir die Entwicklung in historischer Perspektive betrachten. Meine Interpretation lautet, dass wir gerade das zweifelhafte Privileg genießen, das Ende eines halben Jahrtausends westlicher Vorherrschaft mitzuerleben. 500 Jahre lang, beginnend um das Jahr 1500, war die Geschichte der Welt im Wesentlichen die Geschichte der westlichen Vorherrschaft. Wenn Sie kurz vor dem Jahr 1500 eine Weltreise unternommen hätten, wären Ihnen keine großen Unterschiede im Lebensstandard zwischen China und Westeuropa aufgefallen. Die größten Städte der Welt lagen nicht im Westen, sondern in Asien. Nanking war zu dieser Zeit mindestens zehnmal so groß wie London. Ein chinesischer Reisender wäre über London entsetzt gewesen. Die abstoßenden sanitären Verhältnisse dort hätten ihn angewidert. Und auch die Londoner Architektur hätte der reisende Chinese als armselig empfunden.

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Kommentare

136 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren

Richtig

Es ist doch klar, dass Länder, die einen enormen Nachholbedarf haben, sich mehr anstrengen als Länder, wo es ein gewisses Sättigungsniveau gibt. Wer sagt denn, dass uns deswegen jetzt der Abstieg droht? Andere Länder werden uns überholen, der Markt für uns wird größer. Haben wir in der Vergangenheit nur in wenige Länder exportieren können, exportieren wir künftig in mehrere Länder. Und wenn diese uns überholen, juckt mich das nicht mal am Rande.

Irgendwann habe ich einen Status erreicht, wo ich das Erreichte genießen möchte, statt nach immer mehr zu hecheln. Hieß es früher einmal, "meine Kinder sollen es einmal besser haben", muss es heute zwangsläufig heißen, "Meine Kinder sollen es einmal nicht schlechter haben."

Wohlstand erhalten heißt die neue Devise. Und das ist aus meiner Sicht möglich und in Anbetracht der größer werdenden Märkte durchaus erreichbar.

Zu: Gute Analyse, falsche Bewertung

Sie sprechen richtigerweise die fehlenden Aspekte des Artikels an. In der Retrospektive ist es leicht, diejenigen zu identifizieren, die die erfolgreichen Wege einschlugen. China zog sich ab den 15 Jahrhundert aus dem Welthandel zurück. Das Leben dort wurde deswegen aber keineswegs trist und öde. Auch Japan entwickelte sehr hohen Lebensstandard ohne in großartigen Handelsbeziehungen mit der Welt zu stehen.

In Europa liefen die Entwicklungen höchst unterschiedlich. Meist war es so, das große Länder, wo sich die Lokalfürsten nicht gegenseitig bekriegten, tatsächlich mächtige Kolonialstaaten wurden. In England entwickelte Watts eine sehr effiziente Dampfmaschine, die dort die industrielle Revolution auslöste. Deutschland schlummerte da noch vor sich hin und tat die ersten Schritte als Technikdieb, wie das der Autor den Japanern vorwirft.

Mit Blick auf Spanien oder Griechenland kann festgestellt werden, dass Wirtschaft auch durch mächtige Interessensgruppen zu Boden gerungen werden kann. Entwicklung braucht zu allererste Luft und Entwicklungsmöglichkeit nach oben. Wenn die Mächtigen, die Elite ein Land fest im Griff halten, es auspressen und in erdachte Schablonen zwingen will, passiert genau das, was der Autor beim "deutschen sozialistischen Experiment" im Osten beobachtet hat. Ein Land kommt nicht vom Fleck, stagniert wirtschaftlich und wirtschaften langsam ab.

Watts patentierte seine Erfindungen zwar, war aber ein Angestellter einer Lehranstalt. Wirtschaft beutet aus.

Eigener Wohlstand

Eigentlich darf man sich nicht wünschen, dass die anderen aufholen. Denn deren Armut ist unser Wohlstand. Durch Hilfszahlungen können wir Einfluss auf deren Politik nehmen, durch billige Arbeiter können wir konsumieren, durch deren Rohstoffe machen wir Geld.

In einer Diplomarbeit wurde einmal berechnet, dass wenn alle gleich viel hätten, wären alle arm. Leider finde ich die Quelle nicht mehr und nachrechnen kann ich das auch nicht. Sollte es aber so sein, dann könnte keiner konsumieren und mit der Bildung wäre es auch nicht weit her.

Natürlich möchte ich nicht, dass Menschen unterdrückt werden aber alle bisherigen Modelle, die für Reichtum sorgten, beruhten auf Ausbeutung (Sklaverei, Kolonien, Kinderarbeit, etc.). Wäre schön, wenn da mal einer einen Geistesblitz hätte...

Zum ewigen Wachstum

Im Kommentar von Spinndoktor (#2) wird richtig festgestellt, dass irgendwann eine Sättigung der wirtschaftlichen Entwicklung eintritt und dass nicht"westliche" Länder eben aufholen.

Die Forderung, nicht "am ewigen Wachstum" festzuhalten sollte aber nicht bedeuten, dass Stillstand eintritt. Ich würde "Wachstum" durch einen anderen Begriff ersetzen, z.B. "Verbesserung". Wir brauchen eine ewige Verbesserung, z.B., dass ein vergleichbarer Wohlstand mit immer geringerem Ressourcen-Einsatz aufrechterhalten wird. Dies wird aus meiner Sicht ein wesentliches Ziel des zukünftigen Wettbewerbs sein.

Ihre Dozentin kann sich evtl. keine Chinesischen und Japanischen

Namen merken, aber das hat mit der überlegenheit des europäischen Erfindergeistes nichts zu tun. Nennen sie doch mal anders herum wichtige Europäische Erfindungen, die vor ~1600 erstmalig in Europa gemacht wurden...

Und zum Thema Entdecker: So ziemlich jeder Flecken Land, der von den Europäern "entdeckt" wurde egal ob Australien, Amerika oder die Südseeinseln war zum Zeitpunkt der "Entdeckung" bereits bewohnt, was doch sehr gegen die Auffassung spricht die Europäer wären die ersten dort gewesen.

"Woher stammen Schwarzpulver, Dezimalsystem etc...?!?"

Richtiger Einwand. Allerdings halte ich die Frage der Professorin ("Nennen Sie mir spontan einen wichtigen Entdecker oder Erfinder, der nicht aus Europa stammt") dennoch für erhellend, da hier deutlich wird, dass gerade TROTZ wissenschaftlicher und kultureller Errungenschaften in logischerweise ALLEN Teilen der Welt unser und der "gloabal gültige" Blick auf die Weltgeschichte äußerst westlich / eurozentrisch orientiert ist.
Den wenigsten, selbst unter Gebildeten, wird hierzu nämlich spontan etwas einfallen,. europäische Entdeckungen und Entdecker wird wohl jeder eine ganze Reihe auf dem Kasten haben.

Die "Vormacht" oder "Überlegenheit" der westlichen Welt wird im globalen Bewusstsein seit vielen Jahrhunderten propagiert und als "natürlich" festgeschrieben, eben weil es diese Vormacht stützt und als gerechtfertigt darstellt.
Siehe bspw. die Bezeichnung "Entdeckung" von Amerika, Australien usw., sobald dort Europäer auftauchten. Als hätte es dort vorher keine Menschen gegeben oder als handle es sich bei der Urbevölkerung um unbedeutende Lebewesen.

Die Grundlagen stammen auch aus Europa...

Die Europäer haben mit den Grundlagen der modernen Navigation, die Ausgangsbasis für ihren Erfolg selbst geschaffen. Und das schon vor Anno 1600.
Grundsätzlich gilt aber: Man kann den europäischen Kulturkreis nicht getrennt von den asiatischen (und auch afrikanischen) Kulturkreisen diskutieren. Seit der Jungsteinzeit gab und gibt es dort einen regelmäßigen Austausch.

Gerade beim Vergleich von Europäern, Chinesen und Japanern schlägt Fergusons Argumentation:
Die Japaner hatten ihre Inseln "am Rande" der damals bekannten Welt und als einzigen (übermächtigen) Gegner die Chinesen. Die Chinesen hatten sich schnell ein Großreich geschaffen, dessen Erweiterung nicht mehr sinnvoll/möglich war. Die Griechen und Römer in Europa sind mit ihren Großreichen gescheitert. Während in Europa ein permanenter Wettbewerb und Existenzkampf herrschte, saturierten sich die Japaner und Chinesen.
Wären bei der größten Ritterschlacht der Geschichte (Schlacht bei Worringen) ein deutsches Heer und ein entsprechendes Heer von Japanern (Samurai und Fußvolk) gestoßen, hätten die Japaner keinen Stich gemacht, genauso wenig, wie die Chinesen. Zur Zeit des Imperialismus waren dann die (zahlenmäßig eher kleinen) Europäer sämtlichen anderen Völkern weit überlegen. Selbst den sehr starken Chinesen konnten die Bedingungen diktiert werden.

Eurozentrismus

Die nautischen Grundlagen haben sich die Europäer, v. a. Portugal und Spanien doch bei der Rückeroberung von Andalusien angeeignet.
Was die grösste Schlacht anbelangt:
http://de.wikipedia.org/w...
gegen
http://de.wikipedia.org/w...
dazu ein kleines Rüstungstechnisches Detail
http://www.zdf.de/ZDFmedi...
Bei einem Aufeinandertreffen wäre ein kleiner Regenschauer ganz hilfreich.
Ähnliches bei der Entwicklung der Gaswaffen im Ersten Weltkrieg. Die Deutschen haben es erfunden, aber da zu 90% Westwindwetterlage in Europa vorherrt, hatten die Engländer und Franzosen einen kleinen Vorteil auf Ihrer Seite beim Einsatz dieser Waffe. Eitelkeit ist echt ne üble Sache.

Nein, diese Analyse ist schwachsinnig!

Die Analyse von Niall Ferguson ist völlig blödsinnig! Fünf Jahrzehnte Entwicklungspolitik tragen Früchte: die bisher unterentwickelten Weltregionen holen auf - damit nimmt nach den Gesetzen der Mathematik der Anteil des "Westens" ab. Der Basis-Effekt wird wiedereinmal völig vernachlässigt: so sind z.B. 8% von 1.500 120, 10% von 1.000 aber nur 100. Wem geht es also besser: dem der 8% von der größeren Basis hat oder dem, der 10% von der geringeren Basis in Anspruch nehmen kann? Zudem geht die Bevölkerung des Westens zurück - die nach wie vor wachsende ABSOLUTE Wirtschaftsleistung verteilt sich auf weniger Köpfe; d.h. die Wirtschaftsleistung pro Kopf steigt noch stärker.
Zudem unterscheidet der Autor nicht zwischen Reichtum und Wohlstand. Viele Untersuchungen belegen, dass Reichtum einen abnehmenden Grenznutzen hat: der Zuwachs an materiellen Gütern trägt immer weniger zum Wohlbefinden bei, je mehr man schon hat. Damit ist es eine logische Konsequenz, nach Erreichen eines guten materiellen Niveaus andere Faktoren in den Blick zu nehmen: mehr Freizeit zum Beispiel. Die geringere Arbeitszeit gerade in Deutschland ist daher eine schlüssige Reaktion auf wachsende materielle Möglichkeiten.
Niall Ferguson und die, die ihm Recht geben, verbreiten eine neo-liberale Ideologie, die nur im immer mehr an Geld und Gütern einen Sinn erkennen kann. Das ist wirklich ARM!