Es ist ziemlich schwierig, deutsche Leser davon zu überzeugen, dass wir im Westen ein Problem haben. Das liegt zum Teil daran, dass die Dinge hier in Deutschland vergleichsweise gut laufen. Und noch ein anderer Umstand macht es mühsam, Deutsche von der Existenz eines Problems zu überzeugen: Die Idee vom "Untergang des Abendlandes" genießt in Deutschland einen schlechten Ruf. Niemand liest heute noch Oswald Spengler, deshalb muss ich mit einer Klarstellung beginnen: Ich bin weder Oswald Spengler, noch ähnelt die Argumentation meines Buches Spenglers Darlegungen in seinem Buch Der Untergang des Abendlandes.

Meine Argumentation beschäftigt sich mit handfestem wirtschaftlichem Wandel sowie den intellektuellen und institutionellen Grundlagen dieses Wandels. Sie unterscheidet sich, mit anderen Worten, sehr deutlich von Spenglers These, die menschliche Geschichte verlaufe gleichsam in jahreszeitlicher Abfolge und der Westen erlebe nunmehr seinen Winter. Die Geschichte folgt nicht den Jahreszeiten. Tatsächlich verläuft sie nicht einmal zyklisch.

Lassen Sie mich versuchen, Sie davon zu überzeugen, dass wir im Westen tatsächlich ein Problem haben. Blicken wir genau hundert Jahre zurück. Damals war Deutschland nach den USA die zweitgrößte Industriemacht der westlichen Welt. Es hatte Großbritannien überholt. In Deutschland lebten rund vier Prozent der Menschheit; auf die deutsche Wirtschaft entfielen nahezu neun Prozent der gesamten Weltwirtschaft.

Heute macht die deutsche Bevölkerung kaum mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung aus – und ungeachtet der Erfolge der deutschen Wirtschaft beläuft sich Deutschlands Bruttoinlandsprodukt nur noch auf 3,8 Prozent der Weltwirtschaft. Die Vereinten Nationen sagen voraus, dass im Jahr 2050 nur noch 0,8 Prozent der Weltbevölkerung Deutsche sein werden. Niemand weiß, wie hoch der deutsche Anteil an der Weltwirtschaft dann noch sein wird. Aber ich würde darauf wetten, dass er weniger als 3,8 Prozent betragen wird.

Der relative Niedergang der demografischen und wirtschaftlichen Bedeutung Deutschlands ist Teil eines viel größeren Prozesses. Betrachten wir nur die wirtschaftliche Bedeutung des Westens – der Einfachheit halber definiert als Nordamerika und Europäische Union. Im Jahr 1989, jenem annus mirabilis, sah es so aus, als hätte der Westen triumphiert. Damals entfielen auf diese Volkswirtschaften zusammen 56 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung – bis 2017 wird dieser Anteil dem IWF zufolge auf 37 Prozent geschrumpft sein. Die Versprechen von 1989, wie sie Francis Fukuyama in seinem berühmten Essay Das Ende der Geschichte zum Ausdruck brachte, haben sich nicht erfüllt. Vor 23 Jahren verkündete Fukuyama den Triumph des westlichen Modells von Demokratie, Marktwirtschaft und Kapitalismus. Stattdessen wird nun, sofern keine dramatische Veränderung der gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Trends dazwischenkommt, in vier Jahren die Volksrepublik China die USA als größte Volkswirtschaft der Welt überholen.

Was genau ist da passiert? Wenn wir verstehen wollen, wie es entgegen allen Erwartungen dazu kommen konnte, dass eine ostasiatische Volkswirtschaft die USA überholt, müssen wir die Entwicklung in historischer Perspektive betrachten. Meine Interpretation lautet, dass wir gerade das zweifelhafte Privileg genießen, das Ende eines halben Jahrtausends westlicher Vorherrschaft mitzuerleben. 500 Jahre lang, beginnend um das Jahr 1500, war die Geschichte der Welt im Wesentlichen die Geschichte der westlichen Vorherrschaft. Wenn Sie kurz vor dem Jahr 1500 eine Weltreise unternommen hätten, wären Ihnen keine großen Unterschiede im Lebensstandard zwischen China und Westeuropa aufgefallen. Die größten Städte der Welt lagen nicht im Westen, sondern in Asien. Nanking war zu dieser Zeit mindestens zehnmal so groß wie London. Ein chinesischer Reisender wäre über London entsetzt gewesen. Die abstoßenden sanitären Verhältnisse dort hätten ihn angewidert. Und auch die Londoner Architektur hätte der reisende Chinese als armselig empfunden.