DIE ZEIT: Zweieinhalb Jahre lang waren Sie und Ihre Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie an der Produktion des Disney-Films Schimpansen beteiligt. Das ist sehr ungewöhnlich.

Christophe Boesch: Es ist fast unmöglich, wilde Schimpansen zu beobachten. Für Schimpansen ist der Mensch ein Feind, sie rennen weg, wenn sie uns sehen. Nur in einem mühsamen, jahrelangen Prozess der Habituierung lassen sie sich an den Menschen gewöhnen. Die einzige Chance, Schimpansen zu filmen, ist darum, sich mit jemandem zusammenzutun, den sie bereits kennen.

ZEIT: Der Film erzählt eine ungewöhnliche Geschichte: Das Alphamännchen Freddy adoptiert das verwaiste Schimpansenjunge Oskar. Eine solche Situation vor die Kamera zu bekommen klingt nach einem besonderen Glücksfall.

Boesch: Das war ein großes Unglück! Mit zweieinhalb Jahren die Mutter zu verlieren hätte für Oskar den Tod bedeuten können. Eine Adoption findet nur in etwa 50 Prozent der Fälle statt, in den anderen 50 Prozent stirbt das Junge.

ZEIT: Es erscheint ungewöhnlich, dass ein führendes Männchen sich um ein Waisenjunges kümmert.

Boesch: In Taï in Westafrika, wo der Film spielt, haben wir mehrere Fälle gesehen, in denen adulte Männchen Waisenkinder adoptieren. Aber Freddy ist besonders. Er hat unglaublich viel in diesen Kleinen investiert. Er hat mit ihm sogar das Schlafnest geteilt. Dabei war er gar nicht der Vater. Das haben wir genetisch untersucht.

ZEIT: Dem Spiegel gegenüber haben Sie allerdings eingeräumt, dass es die Adoption zwar gegeben habe, die Disney-Regisseure aber fünf Affenbabys in der Rolle des Waisenkindes gefilmt hätten. Die wahre Adoptionsgeschichte hingegen habe kein gutes Ende genommen: Das Kind sei gestorben.

Boesch: Wenn man einen Naturfilm macht, kann man sich nicht immer aussuchen, was passieren wird. Es gab zwar ein Skript, aber darin stand nicht, dass eine Mutter sterben wird und dass dieses Kind dann adoptiert wird. Das lässt sich ja nicht vorhersehen. Als wir dann die Adoption beobachtet haben und entschieden, sie zum Hauptthema des Films zu machen, blieb uns nichts anderes übrig als die entsprechende Vorgeschichte zu rekonstruieren. Die hatten wir ja nicht gefilmt. Dazu haben wir dann zum Beispiel mit verschiedenen Affenkindern in unterschiedlichen Altersstufen gedreht.

ZEIT: In vielen Naturfilmen werden Geschichten montiert, Zusammenhänge am Schneidetisch hergestellt. Was ist das in ihren Augen: Lüge oder didaktischer Kniff?

Boesch: Ich denke, solche Filme brauchen gute wissenschaftliche Berater. Diese Berater müssen auch die Macht haben, zu sagen, nein, so stimmt es nicht! Ich hatte diese Macht, und ich habe sie auch genutzt. Ich kann sagen, das, was im Film gezeigt wird, entspricht dem, was ich von diesen Schimpansen kenne. Das hat für mich absolut nichts mit Betrug oder mit Trickserei zu tun. Entscheidend ist, Situationen so genau wie möglich zu rekonstruieren, dass sie der Wahrheit entsprechen. Und das ist in meinen Augen gelungen.

ZEIT: Wie viele Disney-Naturfilme schreibt auch dieser den Tieren menschliche Regungen zu. Stört Sie das als Forscher nicht?

Boesch: Wir als Wissenschaftler versuchen immer, so neutral zu bleiben wie möglich. Aber Schimpansen sind die nächsten Verwandten des Menschen, sie sind uns sehr nah. Darum identifiziert sich das Kinopublikum mit Oskar, wenn er seine ersten Versuche macht, eine Nuss zu knacken. Es möchte ihm zurufen: "Pass auf, Oskar! Du verletzt dich gleich am Fuß! Benutze doch etwas anderes als Hammer. Und vielleicht nimmst du besser die Nuss da drüben ..."

ZEIT: Wie schaut ein Forscher auf diese Szene?

Boesch: Nüsseknacken ist ein ideales Thema, um den Lernprozess im Umgang mit Werkzeugen zu untersuchen. Werkzeuggebrauch beobachten wir bei Schimpansen fast nur, wenn es darum geht, Nahrung zu ergattern. Wir können hier zum Beispiel die Effizienz messen. Wie viel Schläge brauchen die Tiere, um eine Nuss zu öffnen? Wie viel Nüsse pro Minute essen sie? Wir können Männchen mit Weibchen vergleichen, Jungtiere mit Adulten... Die Überraschung war: Bei den Taï-Schimpansen sind die Weibchen besser im Nüsseknacken als die Männchen. Sie benötigen weniger Schläge und essen mehr Nüsse pro Minute.