Lukas PodolskiDer jüngste Alte

Mit Lukas Podolski begann der deutsche Fußball-Aufschwung. Zuletzt stand er nur noch selten in der Startelf – in der Nationalmannschaft und beim FC Arsenal. Frisst die Revolution eines ihrer ersten Kinder? Ein Besuch in London von 

Ein Treffen im Pub, gute Idee. Wenn Lukas Podolski nicht das Image anhaften würde, eher kein Stratege zu sein, würde man denken: Da muss Strategie hinterstecken! Wo könnte ein Fußballspieler, der weltweit als Mentalitätskölner gilt, als "Homo colonius", besser demonstrieren, dass er zehn Monate nach seinem Wechsel vom 1. FC Köln zu Arsenal heimisch geworden ist in der Fremde?

"Der Lukas", hatte sein Spielerberater jedenfalls gesagt, werde an diesem Dienstagmittag um 14 Uhr in den Holly Bush kommen, einen Pub in London-Hampstead, ganz in der Nähe seiner Wohnung, um über den englischen Fußball, die englische Liga, das englische Leben zu reden. Nun ist es Dienstagmittag, 14 Uhr, und der Holly Bush gibt sich very British , wie bestellt. Zerkratztes Holz, rissiges Leder, bierklebrige Tische. Am Tresen hypnotisiert ein alter Mann sein Ale. In einem Einmachglas treiben Mixed Pickles, leichenblass. Kurz fragt man sich, ob diese Spelunke vielleicht zu "authentisch" ist, um wahr zu sein, da klingelt das Telefon.

Anzeige

"Tschuldigung", sagt der Spielerberater, "aber der Lukas wartet nicht im Holly Bush, sondern im Old Bull & Bush. Kleines Missverständnis."

Medien sind ungerecht. Gern greifen sie sich einzelne Sätze und Szenen heraus, um sie in vorgegebene Deutungsmuster zu pressen. Aber dieser Moment: Ist er nicht wirklich symptomatisch? Lukas Podolski sucht derzeit seinen Platz ja nicht nur zwischen fast gleichnamigen Pubs, sondern auch in der ihm ureigenen Welt, dem Fußball.

Bald werden Borussia Dortmund und der FC Bayern ausgerechnet in London die Champions League unter sich ausmachen, aber Podolski wird nur zuschauen, wenn zig Nationalmannschaftskollegen im Wembley-Stadion einlaufen. Nur dabei, statt mittendrin: Er kennt das jetzt. In der Nationalelf hat Podolski, in dessen Biografie sich 108 Länderspiele angesammelt haben (mehr als bei Franz Beckenbauer), seit der Europameisterschaft vor einem Jahr nur noch ein einziges Mal von Beginn an gespielt. Sein letztes Länderspieltor schoss er vor zehn Monaten. Beim FC Arsenal, dem Vierten der englischen Premier League, stand er – nach guter Hinrunde – in diesem Jahr nur noch in fünf von 16 Ligaspielen in der Startelf. Ein einziges Mal spielte er durch.

Was ist mit Lukas Podolski los, dem einstigen Stürmer Sorglos des deutschen Fußballs? Dem Spieler, den sich das ganze Land zur WM 2006 als "Poldi" zu eigen machte?

Podolski stellt sich an diesem Dienstagmittag, es ist mittlerweile 14.40 Uhr, erst mal eine ganz andere Frage, nämlich: "Boah, what is this!? " Sie gilt dem Kellner, der ihm im Old Bull & Bush einen Vanilleshake von der Größe eines Eimers serviert. Der Pub hat sich als Edel-Essboutique herausgestellt, Podolski wirkt hier noch unprätentiöser als ohnehin schon – und genervt von der Bull-and-Bush-Verwirrung. Er sieht die Sache so: Sein Berater im fernen Rheinland hat entweder ihm oder dem Reporter den falschen Ort für das Gespräch genannt. An ihm liegt’s jedenfalls nicht.

Also Vorsicht erst mal und harmlose Fragen.

Podolski hat den Fußball vorangebracht, kann aber nicht so gut "zurückarbeiten"

Wie klingt eigentlich Ihr Name, wenn die Arsenal-Fans ihn rufen?

"Englisch. Britisch. Fußballerisch irgendwie." Eine typische Poldi-Antwort: knapp und kehlig.

Echt wahr, dass die Zuschauer hier fachkundiger sind als in der Bundesliga?

"Die bejubeln auch Kleinigkeiten. Eine Grätsche, die zum Einwurf führt. Wenn man einen Kopfball gewinnt. Oder auf den Torwart sprintet. In England sind die Zuschauer objektiver und fairer. Hier wird nach Niederlagen nicht gepfiffen."

Ist es gut oder schlecht, zwischen all den Stars beim FC Arsenal nicht so im Blickpunkt zu stehen wie beim 1. FC Köln?

"Ist besser. Bei Arsenal ist auch das Training abgeschirmt. Keine Presse, keine Fans. In Köln habe ich mein Auto geparkt und erst mal 500 Autogramme geschrieben. Dann haben 1.000 Leute jeden Schuss kommentiert. Das war nicht für jeden Spieler leistungsfördernd. Wenn bei einem Automechaniker jeden Tag zwanzig Leute in der Werkstatt stehen und sagen ›Ey, die Schraube muss aber da rein‹, ist der auch irgendwann genervt."

Leserkommentare
  1. Mensch, bei dem Interview wäre ich gerne dabei gewesen. Man merkt, dass Poldi dem Interviewer imponiert hat und der auch sehr einfühlsam berichtet. Ich hab die ganze Zeit gemurmelt: ja ja, genau, so ist der, das macht der. Besonders die Stelle wo beschrieben wird, dass er eher auf seinem Platz liegt als sitzt.
    Ich wünsche ihm jedenfalls alles Gute und wenn er auf London keine Lust mehr hat. Hier in Köln könnte man für die nächste Aufstiegssaison bestimmt jemanden wie ihn gebrauchen:-)

    4 Leserempfehlungen
  2. "Immer zur falschen Zeit am falschen Ort" Ich finde, dass sagt viel über seine Karriere aus. Allerdings hab ich mir schon nach der EURO 2008 gedacht, dass er irgendwann aufgrund seiner leider nicht sonderlich ausgeprägten technischen Anlagen und seines Spielstils Probleme bekommen wird. Womit ich nicht einverstanden bin ist die Aussage, er sei taktisch nicht so geschult worden wie SChürrle oder Reus. Das ist richtig, sollte allerdings kein Grund sein, dass heute nicht zu lernen. Der Aussage nach müssten also alle deutschen, wenn nicht sogar alle europäischen Spieler (bis auf die Spanier), die über 27 sind, nicht das taktische Verständnis eines heute 20 oder 21 jährigen besitzen. Wenn ich mir aber die Entwicklung, z.B. von Robben ansehe, dann ist dieser Entwicklungsschritt antrainierbar. Deshalb: Loslegen!
    Sonst klasse Interview und sympathische, ehrliche Aussagen.

    5 Leserempfehlungen
  3. so wenig in den Artikel eingefloßen ist, denn man wird sich sicher nicht nur 2 Minuten unterhalten haben. Aber im Grunde sehr liebevoll geschrieben und ich glaube, genau das zeichnet Podolski aus. Er hatte seine Ausraster (Ohrfeige für Ballack), aber blieb, so scheint es, immer authentisch, immer ehrlich, halt im Poldi.
    Der Schritt zu Arsenal ist toll, denn unter Wenger kann er sich weiterentwickeln und das ein Spieler auf Grund von Verletzungen nicht spielt ist klar. Das würde ich nicht überbewerten.
    In der Nationalmannschaft wird die Luft sicher dünner für ihn, was einerseits schade ist, aber ich würde ihn aus vielen Gründen nicht abschreiben. Noch eins zum Thema Technik:
    http://www.youtube.com/wa... ab 2:40 ;)
    http://www.youtube.com/wa...

    Eine Leserempfehlung
    • sommer
    • 15. Mai 2013 15:48 Uhr

    War das nicht bei der letzten EM gegen Italien noch ein Argument Löws pro Podolski contra Götze oder Reus? War doch so oder? Ich konnte Löws Entscheidung damals auch nicht wirklich nachvollziehen.
    Ansonsten ist Podolski natürlich n klasse Typ, nur leider technisch für einen Angriffsspieler, leider wirklich zu limitiert.
    Jetzt hat erst wieder 2 Tore geschossen. Ich find nen Typen wie Poldi als Fußballer einfach großartig.

    2 Leserempfehlungen
  4. ...in der die überholten Taktiken von gestern vielleicht schon ganz bald die Trends von morgen sind, würde ich einen Lukas Podolski nicht zu früh abschreiben. Es gilt hier wie überall im Leben: Stillstand ist Rückschritt (5 Tacken ins Phrasenschwein), die Spanier machen grade diese Erfahrung.

    Manchmal braucht man auch in Zeiten des perfekten Systemsfußballs, durchgeführt mit perfekten Systemfußballern die sich ggf. gegenseitig neutralisieren, den einen Typen, so wie die Hummel, die nicht weiß, dass sie gar nicht fliegen kann, aber trotzdem fliegt, nicht mitbekommen hat, dass er jetzt eigentlich Laufweg B46-Version 2.2 einhalten müsste, sondern das Ding einfach mal in den Winkel zimmert.

    Denn wenn er selbst schon nicht weiß, was er in den nächsten Sekunde macht, dann weiß es der Gegner noch viel weniger.

    Ansonsten schöner und lesenswerter Artikel über Podolski, der ein gutes Bild dieses Menschen zeichnet, ohne die obligatorischen, mehr oder weniger versteckten Hinweise, man habe es mit einer dummen Person zu tun.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ich habe herzlich gelacht, aber Sie bringen es toll auf den Punkt :) "Denn wenn er selbst schon nicht weiß, was er in den nächsten Sekunde macht, dann weiß es der Gegner noch viel weniger." dafür dann aber bitte gleich nochmal 3€ ins Phrasenschwein ;)

    Gerade in der Nationalelf ist es interessant zu sehen, was passiert, wenn ein Konzept nicht so richtig zündet. Gleiches auch bei Barce gegen Inter und Chelsea.

  5. Für viele Fussballer ist es ein großes Ereignis, mehr als eine Fussball-WM und EM erleben zu dürfen. Verletzungen, andere Spielsysteme durch neue zentrale Figuren oder einfach die eigenen Entwicklung bestimmen solche Vorgänge.

    Aus dem jungen Talent Podolski ist mittlerweile ein alter Hase mit internationaler Klasse geworden. In die aktuelle DFB-Auswahl aber passt er als Stammspieler schon lange nicht mehr. Auch als Auswechselspieler wird er für mich immer fraglicher, das liegt aber an seiner persönlichen Entwicklung und nicht an der Entwicklung der DFB-Auswahl.

    Auswahlspieler zu sein ist eben kein Beruf, sondern eine Berufung auf Zeit. Die Zeit als Nationalspieler ist eben abgelaufen. Sorry. Ein toller Spieler war und bleibt er dennoch. Bei den Alt-Herren-Auswahlen wird er gerne wiedergesehen. Und bei Arsenal ist er beim richitgen Verein gelandet. Vielleicht wird es dadurch auch noch mal was mit der Auswechselbank im nächsten Jahr. Für die nächsten Spiele der DFB-Auswahl sollte Löw auf ihn aber ehrlicherweise verzichten. Mehr als acht Jahre scheinen mir hier doch genug. Der nächste in der Reihe dürfte Schweinsteiger werden.

    Die Spieler des Sommermärchens dürfen sich langsam vom Glanz der DFB-Auswahl verabschieden.

    Leider trifft dies auch für den Bundestrainer Löw zu, sofern seine Fehlerreihe (Spanien 2010, Italien 2012 und Schweden 2013 als Spitzen des Eisbergs) sich bis 2014 fortsetzen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt keine alten oder jungen Fußballer, sondern nur gute und schlechte. Es ist egal, wie lange ein Spieler für die Nationalelf gespielt hat, wenn er vom Leistungsniveau hereinpasst. Ein Fußballer ist kein Roboter, der eine bestimmte Zeit hat und dann eben ersetzt wird (ich finde das auch ein bisschen Respektlos, auch wenn es sich er nicht so gemeint war).
    Dann Schweinsteiger, der aktuell gerade einen Höhepunkt seines Schaffens erreicht und als Mittelfeldmotor Bayern in den letzten Jahren in Europa an die Spitze treibt. Kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich sind die jungen Kicker aufregend, spielfreudig und es ist eine Wonne, den Götzes, Reuses, Schürrles dieser Welt bei ihrem Tagwerk zuzuschauen, aber das bedeutet nicht, dass darum andere Spieler, vor allem ältere (wie zynisch, über Ältere zu sprechen, die jünger sind, als man selbst) nicht auch ihre Qualitäten haben. Ich glaube, dass es auch das ist, was Podolski an der deutschen Fanmentalität etwas anprangert, auch wenn er natürlich davon profitiert hat.
    Ich glaube Podolski war der mediale Gegenentwurf zu Rooney, der jedoch eine andere Entwicklung genommen hat, als von vielen gehofft. Eine positive meiner Meinung nach.

  6. ich habe herzlich gelacht, aber Sie bringen es toll auf den Punkt :) "Denn wenn er selbst schon nicht weiß, was er in den nächsten Sekunde macht, dann weiß es der Gegner noch viel weniger." dafür dann aber bitte gleich nochmal 3€ ins Phrasenschwein ;)

    Gerade in der Nationalelf ist es interessant zu sehen, was passiert, wenn ein Konzept nicht so richtig zündet. Gleiches auch bei Barce gegen Inter und Chelsea.

  7. Es gibt keine alten oder jungen Fußballer, sondern nur gute und schlechte. Es ist egal, wie lange ein Spieler für die Nationalelf gespielt hat, wenn er vom Leistungsniveau hereinpasst. Ein Fußballer ist kein Roboter, der eine bestimmte Zeit hat und dann eben ersetzt wird (ich finde das auch ein bisschen Respektlos, auch wenn es sich er nicht so gemeint war).
    Dann Schweinsteiger, der aktuell gerade einen Höhepunkt seines Schaffens erreicht und als Mittelfeldmotor Bayern in den letzten Jahren in Europa an die Spitze treibt. Kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich sind die jungen Kicker aufregend, spielfreudig und es ist eine Wonne, den Götzes, Reuses, Schürrles dieser Welt bei ihrem Tagwerk zuzuschauen, aber das bedeutet nicht, dass darum andere Spieler, vor allem ältere (wie zynisch, über Ältere zu sprechen, die jünger sind, als man selbst) nicht auch ihre Qualitäten haben. Ich glaube, dass es auch das ist, was Podolski an der deutschen Fanmentalität etwas anprangert, auch wenn er natürlich davon profitiert hat.
    Ich glaube Podolski war der mediale Gegenentwurf zu Rooney, der jedoch eine andere Entwicklung genommen hat, als von vielen gehofft. Eine positive meiner Meinung nach.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Es war einmal..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service