Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Ich bin unsensibel, aber ich weiß es wenigstens und denke darüber nach. Ich bin ja auch bald der letzte Deutsche ohne Buddha. Schon wieder habe ich bei Freunden in der Wohnung eine Buddhafigur gesehen. Das sind ganz gewöhnliche Bundesbürger mit christlichem Religionshintergrund. Vollzeitbuddhisten sind es, glaube ich, nicht. Da müsste man an Wiedergeburt glauben, wer will das schon. Im Außenbereich gilt der Buddha in Deutschland als Nachfolger des Gartenzwerges. Seit ich das mal irgendwo gelesen habe, achte ich darauf. Tatsächlich, in vielen Gärten stehen Buddhafiguren. Damit hat Buddha sicher nicht gerechnet, dass er mal in Essen und Regensburg diese Art von Karriere macht.

Ein Gartenzwerg soll, glaube ich, ausdrücken: Hoppla, hier wohnt ein Spaßvogel. Aus meiner Kindheit meine ich mich allerdings zu erinnern, dass Menschen mit Zwergen im Garten in der Regel eher verbiestert oder charakterlich schwierige Zierrasenfetischisten gewesen sind. De facto zeigt der Gartenzwerg an, dass sein Besitzer gerne ein lustiger Lebenskünstler geworden wäre, doch leider hatten das Schicksal und seine Gene mit ihm andere Pläne. Der Gartenzwerg ist dann ja auch zum offiziellen Symbol des Spießertums geworden, die Spaßgesellschaft hat keine Verwendung für ihn.

Ein Buddha dagegen signalisiert spirituelle Denkungsart. Buddhismus heißt: durch Askese zum Nirwana. Die wichtigsten buddhistischen Werte sind Bescheidenheit, Güte und Einsicht, also das Gegenteil von dem, was man häufig auf Twitter und Facebook findet. Offenbar sucht der Mensch in der Religion immer das, was er im Alltag nirgendwo entdecken kann. Ich habe auch den Verdacht, dass es sich mit dem Spiritismus der Buddhabesitzer ähnlich verhält wie mit dem Humor der Gartenzwergbesitzer. Vermutlich neigen vor allem Menschen mit geringer Neigung zum Spirituellen und ausgewiesene Feinde der Askese zum Kauf eines Buddhas. Man spürt dieses innere Defizit und denkt, au weia, ich bin leider total auf Äußerlichkeiten fixiert. Wenn ich in mich hineinhorche, höre ich immer nur Kaufhausmusik. Vielleicht hilft es, wenn ich mir einen Gartenbuddha kaufe.

Im Esoterikversand kostet der 36 Zentimeter hohe Buddha klein goldfarben 252,95 Euro, bei Art of Asia verlangen sie für den Buddha einfach sitzend 570 Euro, sitzend mit Schlange kostet er schon 1690 Euro. Bei Asienlifestyle fangen die Buddhas überhaupt erst bei 800 Euro an. Dafür haben sie aber auch viel Auswahl, zum Beispiel zwischen Amitabha, Hotei und Amoghasiddi, was alles Buddhasorten sind. Das ist fast so differenziert wie mit den Rosensorten. Billiger kommt es bei eBay. Am Tage des Verfassens dieses Textes wurden auf eBay 3887 Gartenzwerge angeboten, 13571 Spardosen und 37892 Buddhas. Am Verhältnis zwischen Spardosen und Buddhas lässt sich erkennen, dass uns spirituelle Werte längst wichtiger sind als das Geld, zumindest als Zimmerschmuck. Der Buddhismus überholt auch gerade, was die Zahl seiner Anhänger betrifft, das Judentum. Laut Wikipedia leben etwa 250.000 Juden und 250.000 Buddhisten in Deutschland, aber der Buddhismus wächst schneller. Dem Bundespräsidenten rate ich, sich neben den "christlich-jüdischen Wurzeln unserer Kultur" und dem Islam der zu Deutschland gehört, alsbald eine Formel einfallen zu lassen, die unsere buddhistischen Mitbürger ins Boot holt sowie das unübersehbare Heer der Teilzeit- oder Leichtbuddhisten. Unsere Wurzeln sind christlich-jüdisch, was dazugehört, ist der Islam, aber das, was im Garten steht, heißt Buddha.

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