Gefühle im Job"Das Innerste geht keinen etwas an"

Wie man im Arbeitsalltag mit Emotionen umgeht – ein Gespräch mit dem Psychologen Gerhard Blickle über Erfolg, Neid und gute Laune. von 

DIE ZEIT: Herr Blickle, ist der Arbeitsplatz ein Ort, an dem man auch mal weinen, schreien oder schmollen darf?

Gerhard Blickle: Solche Gefühlsausbrüche sind Selbstentblößungen. Sie machen einen angreifbar und verletzlich. Wer starke Emotionen zeigt, wirkt schnell überfordert – als würde er durch die Situation beherrscht, anstatt sie zu beherrschen. Souveränität ist im Berufsleben aber ein wichtiger Wert. Man erwartet von Menschen, dass sie sich selbst steuern können. Besonders von Fach- und Führungskräften wünscht man sich Berechenbarkeit, Verlässlichkeit und Klugheit. Sinnvoll ist eine freundlich distanzierte Haltung. Das Innerste, das, was einen tief drinnen bewegt, geht keinen etwas an. Denn am Arbeitsplatz ist man immer auf Anschlusskommunikation angewiesen.

Anzeige

ZEIT: Das bedeutet?

Blickle: Dass man mit den Kollegen auch morgen und übermorgen zurechtkommen muss. Organisationen haben ihre Daseinsberechtigung daher, dass in ihnen Dinge erledigt werden, die ein Einzelner nicht machen kann. Das Produkt wird durch Zusammenarbeit hergestellt. Diese muss funktionieren und darf nicht durch starke Antipathien gestört werden. Von Mitarbeitern wird verlangt, dass sie angemessen Gefühle ausdrücken können, je nachdem, in welcher Rolle sie sich gerade befinden, ob sie etwa mit Kunden, Kollegen oder dem Konzernchef zu tun haben. Das ist eine Frage der emotionalen Intelligenz.

Gerhard Blickle

Der Universitätsprofessor Gerhard Blickle ist Leiter der Abteilung für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Uni Bonn.

ZEIT: Sie forschen über emotionale Fertigkeiten als Erfolgsfaktoren im Beruf. Kommt jemand, der seine Gefühle beherrscht, im Job weiter?

Blickle: Ganz bestimmt. Aber um Missverständnissen vorzubeugen: Das heißt nicht, dass man keine Gefühle zeigen darf. Ein gutes Beispiel sind Politiker: Von denen wird erwartet, dass sie sich auf Knopfdruck begeistert oder betroffen zeigen können. Ob sie das Dargestellte auch so fühlen, ist eine andere Sache. Wichtig ist, dass ein Mensch in der Lage ist, je nach Situation unterschiedliche Emotionen zu äußern. Und zwar glaubwürdig! Dann ist er im sozialen Handeln erfolgreich. Wir sind im Alltag, im Büro, am Arbeitsplatz gewissermaßen alle Politiker.

ZEIT: Ist es nicht ungesund, die echten Gefühle zu unterdrücken und stattdessen andere darzustellen?

Blickle: Man nennt das Emotionsarbeit. Manche Leute müssen das professionell tun. Denken Sie an Stewardessen, die auf Kommando strahlen können. Oder an Ärzte und Pflegekräfte im Krankenhaus, wie sie anteilnehmende Worte für Patienten finden. Das Darstellen von Emotionen, die man nicht hat, ist ein wissenschaftlich gut untersuchtes Feld. Menschen kommen demnach gut damit zurecht, wenn sie meinen, dass die Person, der sie etwa Zuversicht spenden, es verdient hat. Eltern kennen das auch, wenn sie sich begeistert über die Basteleien ihrer Kinder zeigen, um sie zu ermutigen, obwohl es natürlich keine Kunstwerke sind. Wir sagen dazu faking in good faith.

ZEIT: Gibt es auch faking in bad faith?

Blickle: Ja, dabei müssen Leute Gefühle vortäuschen in einer Weise, die ihnen eigentlich zuwider ist. Mitarbeiter in Callcentern erleben das häufig. Sie müssen sich die schlimmsten Unverschämtheiten anhören, haben wenig Spielraum, darauf zu reagieren, und sollen dabei noch mit der Stimme lächeln. Beim faking in bad faith ist erwiesen, dass es die Menschen ziemlich nervt und anstrengt. Das ist nicht gut für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz und führt dazu, dass man früher Burn-out bekommt. Die Diskrepanz zwischen empfundenem und dargestellten Gefühl ist zu groß. In den meisten Berufen ist diese Diskrepanz jedoch nicht bedrohlich, und man kommt mit einer freundlich-neutralen Art sehr weit.

Leserkommentare
  1. Der Mensch als Funktionseinheit in der Firma soll sich am besten als gelernter Soziopath, also gut soziotrainiert aber ohne echte Menschlichkeit, gebären.

    kein weiterer kommentar...

    14 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich kann nur zustimmen. Ich hatte erhofft, etwas Sinnvolles mitzunehmen oder in meiner Art bestärkt zu werden. Alles was ich nun weiß, ist: Irgendein Professor erzählt mir, dass ich komplett künstlich sein soll, um im Beruf zu glänzen.

    Da kann ich nur hoffen, dass ich in Zukunft einen Arbeitgeber finde, der auf ein freundliches und offenes Klima Wert legt und seine Mitarbeiter durch Nähe, Freundschaft und flache Hierarchien motiviert und nicht mit einer Angst- und Drohkulisse, in der jeder seine Gefühle abmeldet, um seinen Job zu behalten.

    Einfach nur abartig.

    • RGFG
    • 02. Juni 2013 17:40 Uhr

    Also ich habe aus dem Interview mitgenommen, was ich bisher auch schon gewusst hatte:

    - Wie man in den Wald hineinruft...
    - Was du nicht willst, das man dir tu'...
    - ...

    Und trotzdem halte ich das Interview für eine ziemlich vernünftige und sachliche Geschichte. Ich lese da eigentlich nichts Negatives raus, sondern lediglich, dass man seinen Kollegen am Arbeitsplatz möglichst nicht auf den Senkel gehen sollte und dass es dafür ein paar - zutiefst menschliche - Strategien gibt, die man beherzigen kann.

    So kann sich die Wahrnehmung unterscheiden...

    wenn verhaltenstherapeuten komplexe Zusammenhänge darstellen wollen. Als ob falsche Emotionen auch nur ein Stückchen weiterführen...

  2. Ich kann nur zustimmen. Ich hatte erhofft, etwas Sinnvolles mitzunehmen oder in meiner Art bestärkt zu werden. Alles was ich nun weiß, ist: Irgendein Professor erzählt mir, dass ich komplett künstlich sein soll, um im Beruf zu glänzen.

    Da kann ich nur hoffen, dass ich in Zukunft einen Arbeitgeber finde, der auf ein freundliches und offenes Klima Wert legt und seine Mitarbeiter durch Nähe, Freundschaft und flache Hierarchien motiviert und nicht mit einer Angst- und Drohkulisse, in der jeder seine Gefühle abmeldet, um seinen Job zu behalten.

    Einfach nur abartig.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kurzzusammenfassung"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren in verschiedenen Firmen in Deutschland und muss leider sagen, dass 8 von 10 Managern keine Ahnung von Führung haben. Der Mitarbeiter wird als die kleinste zu funktionierende Einheit angesehen. Die Auseinandersetzung über berufliche Probleme wird zum Schachbrett der Psychotricks und des weitverbreiteten Autoritätsgehabes. Da geht es bei weitem nicht um das "Innerste". Funktion statt konstruktiver Zusammenarbeit über Hierarchieebenen hinweg. Ich spreche von Ingenieuren und Betriebswirten, von denen viele frustriert aufgegeben haben sich wirklich einzubringen. Wenn Prof. Blickle das meint mit emotionaler Distanz, spricht das leider für die Situation vieler Menschen am Arbeitsplatz. Meine Empfehlung: Die psychologische und philosofische Theorie weglassen und mit den Menschen reden und dann Vorschläge machen!

    Leider hat man selten vor dem Beginn eines Jobs die Möglichkeit, die wahre Unternehmenskultur kennen zu lernen. Darüber machen sich aber immer mehr Firmen Gedanken. Bei einigen gibt es zum Beispiel Mitarbeiterreferenzen auf der Homepage oder auf Anfrage auch im Bewerbungsprozess einen Blick hinter die Kulissen um mit zukünftigen Kollegen ins Gespräch zu kommen.

    • RGFG
    • 02. Juni 2013 17:40 Uhr

    Also ich habe aus dem Interview mitgenommen, was ich bisher auch schon gewusst hatte:

    - Wie man in den Wald hineinruft...
    - Was du nicht willst, das man dir tu'...
    - ...

    Und trotzdem halte ich das Interview für eine ziemlich vernünftige und sachliche Geschichte. Ich lese da eigentlich nichts Negatives raus, sondern lediglich, dass man seinen Kollegen am Arbeitsplatz möglichst nicht auf den Senkel gehen sollte und dass es dafür ein paar - zutiefst menschliche - Strategien gibt, die man beherzigen kann.

    So kann sich die Wahrnehmung unterscheiden...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Kurzzusammenfassung"
  3. Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren in verschiedenen Firmen in Deutschland und muss leider sagen, dass 8 von 10 Managern keine Ahnung von Führung haben. Der Mitarbeiter wird als die kleinste zu funktionierende Einheit angesehen. Die Auseinandersetzung über berufliche Probleme wird zum Schachbrett der Psychotricks und des weitverbreiteten Autoritätsgehabes. Da geht es bei weitem nicht um das "Innerste". Funktion statt konstruktiver Zusammenarbeit über Hierarchieebenen hinweg. Ich spreche von Ingenieuren und Betriebswirten, von denen viele frustriert aufgegeben haben sich wirklich einzubringen. Wenn Prof. Blickle das meint mit emotionaler Distanz, spricht das leider für die Situation vieler Menschen am Arbeitsplatz. Meine Empfehlung: Die psychologische und philosofische Theorie weglassen und mit den Menschen reden und dann Vorschläge machen!

    Leider hat man selten vor dem Beginn eines Jobs die Möglichkeit, die wahre Unternehmenskultur kennen zu lernen. Darüber machen sich aber immer mehr Firmen Gedanken. Bei einigen gibt es zum Beispiel Mitarbeiterreferenzen auf der Homepage oder auf Anfrage auch im Bewerbungsprozess einen Blick hinter die Kulissen um mit zukünftigen Kollegen ins Gespräch zu kommen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zustimming"
  4. Die künstlich erzeugte Welt der Arbeit ist fade, öde, ohne Sinn und ohne Verstand.

    Nicht umsonst wehrten sich die Menschen in den Vereinigten Staaten (sic!) im neunzehnten Jhd gegen die Lohnarbeit. Sie empfanden es als Sklaverei und Ausbeutung. "Warum," fragten sie "soll ich für dich arbeiten? Ich arbeite lieber für mich und meine Familie!" Da musste was getan werden, so ging das nicht!

    Also, Urbanisierung mit Mieten. Zentralbank mit Steuern. Lebensmittel gegen Geld. Geld! Geld! Geld!

    So sieht es aus, liebe Kinder. Schlaft recht schön!

    JLC

    5 Leserempfehlungen
  5. Schwachsinn gelesen. Der Lapsus "Am besten entschuldigt man sich sofort, ..." mag vielleicht noch auf die unbedarfte Ungenauigkeit eines Redakteurs zurück gehen, der meint Entschuldung sei rein Ich.bezogen. Aber das ganze Interview zeugt von Mangel emotionaler Intelligenz. 'Kollege' verkommt in Schublade, der Mensch dahinter soll verdrängt oder mit Floskeln abgespeist werden. Warum nicht einfach ehrlich sein, anstatt Theater zu spielen? Ich jedenfalls bin damit bisher immer noch bestens gefahren, ohne unterschied ob beruflich oder privat. Wir sind alle Menschen.

    3 Leserempfehlungen
  6. Oder an Ärzte und Pflegekräfte im KK, wie sie anteilnehmende Worte für Patienten finden.
    --
    Solche Ärzte habe ich bislang nicht finden können.
    Meist wird man nach ein paar Minuten aus dem Bespr.zimmer entsorgt.
    Und irgendwelche Anteilnahme habe ich auch nicht bislang verspürt.
    Gerade die Fliesband-Medizin behandelt heute die Patienten, wie ein Stück Fleisch.
    Das sind meine Erfahrungen und die Erfahrungen vieler Freunde, wenn wir das Thema anschneiden.

    Sicherlich sollte man in Bewerbungsgespr. am besten keine Emotionen zeigen.
    Und genau aus diesem Grund hasse ich die Bewerbungen, weil man immer verstellen muss und eine Person schauspielern, die man nicht ist.
    Bei einem Verkaufsgespräch sind positive Emotionen ein elementarer Bestandteil jeder guten Verkaufsshow.
    Laufen Sie mal die Strasse morgens entlang oder fahren Sie ein paar Stationen mit der UBahn. Und was sehen Sie? Genau. Kaum einer lacht, überall versteinerte Gesichter, ohne Emotionen.
    In so einer gekünstelten, sterilen, steifen Welt will ich lieber nicht leben.
    Das kommt daher, weil den Leuten eingeredet wird, sie sollen ihre Emotionen verbergen.
    Nicht umsonst gelten Deutsche als verschlossen, steif und humorlos.
    Amis sind da viel lockerer und entspannter als die Deutschen.
    Spielen wir jetzt alle Poker oder warum soll man so höllisch aufpassen, dass keinerlei Emotionen das Gesicht verlassen.
    Am besten noch den Kindern im frühen Alter alle Emotionen austreiben und brave Soldaten, die Befehlen gehorchen, erziehen.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich und verzichten auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/se

  7. --------
    Indem man die private und die berufliche Sphäre trennt. Sie brauchen positive Erfahrungen aus anderen sozialen Bereichen, die nicht davon abhängen, wie es gerade im Job läuft. Diese Erlebnisse können im Familien- und Freundeskreis stattfinden, im Sportverein, im Chor oder in der Gemeinde. Wichtig ist nur, dass jemand diese Bereiche nicht mit den Kollegen teilt. Gerade die Nichtredundanz ist eine Stärke des sozialen Netzwerks.
    --------
    Fragen Sie bitte mal die Menschen, die in der Krise ihren Job verloren haben, ob sie diesen Ausgleich durch Erlebnisse im Sportverein kompensieren können.
    Ich frage mich ernsthaft ob Sie ernsthaft schon mal in der realen Arbeitswelt gearbeitet haben.
    Bislang hatte ich mit meinen Chefs eher gute Erfahrungen gehabt.
    Aber wenn Sie einen Choleriker als Chef haben, der seine niedrige emotionale Reife an der Belegschaft auslässt, wie kann man dann diese „positiven Erfahrungen“ in der Nichtredundanz überwinden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Emotion | Arbeitsklima | Betriebsklima
Service