Nutztierhaltung : "Wovon reden Sie eigentlich?"

Quälerei oder bäuerliche Tradition? Ein Streitgespräch über Nutztierhaltung zwischen der Schriftstellerin Karen Duve und Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner

Die Sphären von Politik und Kultur, heißt es oft, berührten einander kaum noch. Wir wollen das Gegenteil beweisen und haben Schriftsteller gebeten, die Fragen zu stellen, die sie Spitzenpolitikern schon immer stellen wollten. Den Auftakt macht die engagierte Tierschützerin Karen Duve mit Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Beim Streitgespräch in Aigners Büro ging es so zur Sache, dass es den Sprecher der Ministerin nur mit Mühe auf dem Stuhl hielt und die Moderatorinnen kaum zu Wort kamen. Mussten sie auch nicht.

DIE ZEIT: Frau Duve, Sie sind Vegetarierin und haben ein Buch geschrieben über anständiges Essen. Ist die Fleischesserin Ilse Aigner eine unanständige Frau?

Karen Duve: Wenn man es nur an der Ernährung festmachen will, würde ich sagen: Hängt davon ab, wo sie die Grenze zieht. Frau Aigner, was müsste passieren, damit Sie kein Fleisch mehr essen?

Ilse Aigner: Die Frage stelle ich mir nicht. Ich kaufe gutes Fleisch ein und achte auch im Restaurant darauf.

Duve: Was ist denn gutes Fleisch?

Aigner: Qualitativ gutes Fleisch. Das merken Sie schon beim Kochen, wenn es nicht so zusammenschnurrt.

Duve: Ist Discounterfleisch auch gutes Fleisch für Sie?

Aigner: Ich kaufe gern beim Metzger ein.

ZEIT: Misstrauen Sie dem Discounter?

Aigner: Nein, ich unterstütze grundsätzlich die Läden bei mir am Ort. Aber grundsätzlich gilt: Was in Deutschland auf den Markt kommt, muss immer sicher sein und korrekt gekennzeichnet. Darauf muss sich jeder verlassen können, auch der Discounterkunde und der mit dem schmalen Geldbeutel.

Duve: Nun hat es in diesem Jahr bereits einige Skandale gegeben: verschimmeltes Futter, Bio-Eier, die keine Bio-Eier sind, und Pferd in der Lasagne.

Aigner: Das war Betrug.

Duve: Anscheinend zieht die Fleischindustrie den Betrug geradezu an. Vielleicht sollten wir zum Skandal hinter diesen Skandalen kommen, der industriellen Massentierhaltung.

Aigner: Die Pferde, die in Rumänien geschlachtet wurden, kamen, soweit bekannt, nicht aus Massentierhaltung.

Duve: Noch in den fünfziger Jahren galt es als undenkbar, dass Fleisch jemals ein Massennahrungsmittel werden könnte. Wenn Sie einen Menschen der fünfziger Jahre in unsere Zeit beamen würden, würde er sagen: "Unglaublich: Jeder kann so viel Fleisch essen, wie er will – wie habt ihr das bloß gemacht?" Und wir würden antworten: Das ist so, wir quälen diese Tiere bis aufs Blut. Wir halten sie so eng, wie es eigentlich gar nicht geht. Wir verstümmeln sie, kürzen ihre Schnäbel und schneiden ihnen die Schwänze ab. Und weil sie es trotzdem nicht aushalten, kriegen sie Medikamente. Damit nehmen wir in Kauf, dass sich multiresistente Keime bilden. Und wenn Leute in Südamerika von ihrem Land vertrieben werden, damit dort Futter für unsere Tiere angebaut werden kann, wollen wir das gar nicht so genau wissen. Wir nehmen auch in Kauf, dass sich das Klima verändert und dieser schöne Planet vor die Hunde geht. "Jetzt verstehe ich", würde der Fünfziger-Jahre-Mensch sagen – "ich hätte mir bloß nie vorstellen können, dass das Optionen sind." Sehen Sie, mir geht es genauso: Ich finde auch, dass das keine Optionen sind. Es ist dumm und unzivilisiert, und ich bin bestürzt, dass so etwas in diesem Staat möglich ist.

Aigner: Jetzt haben Sie alles aufgezählt, was Sie irgendwo gelesen haben...

Duve: ...gesehen habe!

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Kommentare

216 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Im Wesentlichen

streitet die Ministerin nur alles ab. Das ist echt armselig. Wo doch praktisch sämtliche Aussagen von Frau Duve längst belegt sind, sogar teilweise in Dokumentationen im öffR-Fernsehen.

Weiß ich nicht, glaub ich nicht, kann nicht sein. Ich bin stolz auf das, was ich schon erreicht habe - Etwas unternehmen? Um Gottes Willen. Bin ja nur die Bundeslandwirtschaftsministerin. Im Übrigen wird es der Freie Markt schon regeln. Achja und ich spende sogar was.

glauben ist aber nicht wissen. es gibt genug dokumentierte fälle die eindeutig darauf hinweisen, dass das ganze system so ist. nur will sich das keiner eingestehen weil er oder sie sonst aufhören müsste, tierprodukte zu konsumieren. also wird sich rausgewunden mit "ich kauf eh nur ganz wenig fleisch und dann vom bauern gegenüber der nur 2 kühe hält" und ähnlichem blödsinn, der natürlich nicht stimmt. diese verweigerungshaltung gegenüber der realität nennt man karnismus, ich empfehle ihnen mal sich darüber zu informieren (und über die massiven auswirkungen der landwirschaftlichen tierhaltung auf uns alle).

Lesen

"Die Gleichsetzung der Menschenrechte mit Tierrechten ist Menschenverachtend."

"Genauso wie der Kerl der das erste deutsche Tierschutzgesetz auf den Weg gebracht hat."
Mal ins Geschichtsbüchlein schauen. Nach Möglichkeit eines das nicht von Frau Duve geschrieben wurde.

In der jetzigen Ausprägung ist das Tierschutzgesetz nicht Menschenverachtend. Das liegt aber am geringen Umfang. Nicht an der Intention, falls diese die Interntion des ersten Satzes dieses Posts ist.

Katzen spielen auch mit Mäusen

Machen Sie den Katzen vorwürfe?

Ich weiß zwar nicht warum ein Mensch ein Tier "quälen" sollte, je nachdem was sie drunter verstehen. Aber es ist für mich an sich kein Vergehen. Denn ein Mensch kommt nicht zu schaden. Man könnte es unter dem Gesichtspunkt verbieten das es psychische Schäden hinterlässt und Menschen zu schaden kommen könnten (vgl. Ballerspieldiskussion)

Ich hab jetzt mal unter "quälen" "sinnloses Schmerzufügen" angenommen.

Selbstreferenziell

"Die Spielregeln der Natur, die Sie anführen, gelten für den Überlebenskampf."
Wer sagt das?

Tiere jedenfalls, auch mischkostler werden nicht vegetarisch wenn sie es könnten sondern verhalten sich opportunistisch.

Am Ende wollen Sie einfach den Menschen vorschriften Machen. Es gibt kein darüberliegendes Prinzip. Das geht auch nicht, weil die Tiere würden sich für dieses nicht interessieren.

"Wir kämpfen nicht mehr ums Überleben, deswegen können wir Werten wie Gerechtigkeit, Fairness, Mitgefühl, Barmherzigkeit Geltung verschaffen."
Ja, gegenüber Menschen. Es gibt kein Grund das gegenüber Tieren zu entwickeln. Grund: Wenn Menschen nicht mehr ums überleben Kämpfen, ich aber, dann kann man das auch erwarten. Von Tieren nicht.

Besser als mit ihrer Überschrift hätten sie es nicht treffen können:
"Es ist nur der Mensch verpflichtet, weil er der Mensch ist."

Der Mensch ist ein Tier

und die Kategorie "vernunftbegabt" - in der zufällig nur der Mensch ist, weil die zufällig eine menschliche sprache sprechen und daher mit der Antispeziesmusethik belästigt werden können, die ist kreiert um nicht plump einfach Mensch zu sagen.

=> *Trick 17*

Ich bin trotzdem weiterhin für Käfigeier. Sind billiger, gesünder und verbrauchen weniger Futter pro Ei. Und gerade letzteres ist relevant. Denn die größte Ressourcenverschwendung ist das ganze Tierrechtsfleisch. Eine Kuh die 50 Liter gibt, braucht pro Liter nunmal weniger Futter als so eine 20 Liter Kuh.

@antidote

Dass der Mensch ein soziales Wesen ist ist keine Gott gegebene Eigenschaft, sondern Ergebnis von Evolution. Eine Spezies profitiert davon wenn sich deren Exemplare gegenseitig unterstützen.

Für andere Spezies gilt dies nicht. Wir haben keinen evolutionären Vorteil dadurch, Mitleid mit unseren Beutetieren zu empfinden. Ganz im Gegenteil. Dass wir dennoch angefangen haben Empathie für diese zu hegen ist eine Zivilisationskrankheit und würde unter weniger komfortablen Bedingungen von der Evolution gnadenlos ausgesiebt werden.

Man muss sich nur vor Augen führen wie Empathie eigentlich funktioniert: der Mensch projiziert die eigenen Empfindungen und Bedürfnisse auf etwas Externes und recyclet damit lediglich sein eigenes Selbstmitleid. Was zu dem unsinnigen Effekt führt dass Menschen tatsächlich Mitleid mit Insekten oder gar Gegenständen empfinden können, da sie diesen die gleiche Gefühlswelt wie sich selbst unterstellen.

Das heißt nicht dass ich nicht glaube dass Nutztiere leiden. Man sollte nur nicht versuchen die eigene fehlgeleitete Moral als Grundlage für eine Diskussion zu verwenden. Gibt da viel vernünftigere Argumente: z.B. dass der Mensch vom Verzicht auf den Fleischkonsum in vielerlei Hinsicht profitiert. Das Argument lässt sich führen ohne sich auf die Moral von jemand anderem einlassen zu müssen.

Konsequenz?

Nichtspeziismus in konsequenter Form bedeutet, daß ein Mensch den gleichen Stellenwert wie eine Bodenbakterie, ein Fisch, eine Eidechse hat. Es ist der fehlgeleitete Versuch, jegliche Definition von sich zu weisen - zum Beispiel: ein Mensch sein. Es gibt aber objektive Kriterien, warum ein Mensch etwas anderes ist als ein Fisch. Manche Ameisenarten halten sich Blattläuse, manche Parasiten übernehmen die neuronale Kontrolle über Schnecken. Das ist kein Aufruf, achtlos mit Tieren umzugehen, sondern einen gewissen Rahmen zu halten, der natürlich arbiträr ist (und am Ende des Denkens sind sogar Naturgesetze arbiträr).