DIE ZEIT: Herr Ibrahim, zu wie vielen Göttern haben Sie in Ihrem Leben schon gebetet?

Abdullah Ibrahim: Ihre Frage erinnert mich an eine Sendung, die ich kürzlich im Fernsehen gesehen habe. Es ging darum, dass Wissenschaftler erforschen, ob es nun Leben außerhalb der Erde gibt. Das fand ich genauso lustig. Natürlich gibt es Leben außerhalb der Erde! Das wussten wir schon als Kinder. Wenn Sie in einer traditionellen Gesellschaft aufwachsen, lernen Sie früh, dass die Welt, die wir kennen, nur ein winziger Teil des Universums ist, den man nicht allzu wichtig nehmen sollte. Und man weiß auch, dass Gott verschiedene Namen haben kann.

ZEIT: Hat Ihre Großmutter das genauso gesehen? Sie war eine der Gründerinnen des südafrikanischen Zweigs der American Episcopal Church, glaubte also an den dreieinigen Gott der Christen.

Ibrahim: Meine Großmutter war eine großartige und tolerante Frau, die mich immer dabei unterstützt hat, meinen Weg zu gehen. Wir lebten damals im District Six, einem der schlimmsten Innenstadtghettos von Kapstadt. Meine Großmutter zeigte mir, dass es noch eine andere Welt gab: die Musik. Sie quälte mich nie mit Tonleitern, sie sagte nie, hier in der Kirche spielen wir nur Gospels. Sie sagte: Du machst das schon, am Klavier.

ZEIT: Das heißt, Kirche war für Sie als junger Mann eher eine musikalische als eine spirituelle Heimat.

Ibrahim: Sie war wie die meisten schwarzen Kirchen alles Mögliche: Man traf sich dort, um Gottesdienst zu feiern, um zusammen zu essen, um Nachbarschaftsprobleme zu klären – und um Musik zu machen. Als Halbwüchsiger wurde mir die Gemeinde aber zu eng. Wie die meisten jungen Männer aus schwierigen Gegenden wurde ich in eine Gang hineingezogen. Taschendiebe, Einbrecher, kleine Gangster, das waren meine Freunde. Wenn sie etwas erbeutet hatten, gaben sie es mir. Ich war ihre Bank. Sie vertrauten mir, weil ich selber kein Dieb war. Ich hatte damals schon meine eigenen Bands.

ZEIT: Die bekannteste hieß Jazz Epistles und war die erste afrikanische Jazzformation überhaupt. Ihr späterer Freund und Förderer Duke Ellington hat einmal gesagt, mit Ihnen sei der Jazz endlich zu seinen afrikanischen Wurzeln zurückgekehrt. Sehen Sie das auch so?

Ibrahim: Ich hätte mich selbst nie einen Jazzmusiker genannt. Ich war nur ein Ghetto-Kid, das jeden Dollar dafür ausgab, den amerikanischen Seeleuten im Hafen von Kapstadt ihre alten Jazzplatten abzukaufen. Ja, Jazz hat mich beeinflusst. Als die Leute es dann Township-Jazz nannten, dachte ich, okay, dann ist es eben Township-Jazz.

ZEIT: Ihr Deutschland-Konzert, das Sie kürzlich beim Festival Movimentos der Autostadt Wolfsburg gaben, haben Sie A Tribut to Tolerance genannt. Hätten Sie mit dem Wort Toleranz damals als Ghetto-Kind etwas anfangen können?

Ibrahim: Wenn man den Begriff der Toleranz in die Wirklichkeit übersetzen will, ist man ziemlich schnell lost in translation. Ich erinnere mich noch daran, wie unser Englischlehrer einmal fragte, was das Gegenteil von wealth, Reichtum, sei? Wir wussten es nicht. Ich sagte health, Gesundheit, weil es sich reimte. Die anderen sagten gar nichts. Wir waren arm, aber wir hatten kein Konzept von Armut. So ähnlich ist es mit der Toleranz: Man kriegt einen Begriff übergestülpt und hat keine Ahnung, was das soll.

ZEIT: In der Tradition der europäischen Aufklärung bedeutet Toleranz, dass eine Gesellschaft verschiedene Religionen, Weltanschauungen und Traditionen als solche anerkennen kann, ohne sich ihre Inhalte vollkommen zu eigen zu machen. Aber Toleranz ist auch eine Forderung: nach Anerkennung, nach gleichen Rechten und Pflichten.

Ibrahim: Nach Menschenrechten, ich weiß, ich weiß, das ist auch so ein leeres Wort. Wissen Sie, meine Freunde damals waren Muslime, Hindus, Christen. Wir waren nicht tolerant, wir waren gemeinsam wütend über die Bedingungen, unter denen wir während der Apartheid lebten. Man wollte uns zerstören, indem man uns weismachte: Alles, was ihr habt und könnt, ist nichts wert.