Jazzmusiker Abdullah IbrahimÜberwinde deine Angst!

Ein Gespräch mit dem südafrikanischen Jazzmusiker Abdullah Ibrahim über Wege zum Glauben und die Idee der Toleranz. von 

Abdullah Ibrahim, Jahrgang 1934, wuchs im District Six auf, einem der schlimmsten Ghettos von Kapstadt.

Abdullah Ibrahim, Jahrgang 1934, wuchs im District Six auf, einem der schlimmsten Ghettos von Kapstadt.  |  © Ines Kaiser

DIE ZEIT: Herr Ibrahim, zu wie vielen Göttern haben Sie in Ihrem Leben schon gebetet?

Abdullah Ibrahim: Ihre Frage erinnert mich an eine Sendung, die ich kürzlich im Fernsehen gesehen habe. Es ging darum, dass Wissenschaftler erforschen, ob es nun Leben außerhalb der Erde gibt. Das fand ich genauso lustig. Natürlich gibt es Leben außerhalb der Erde! Das wussten wir schon als Kinder. Wenn Sie in einer traditionellen Gesellschaft aufwachsen, lernen Sie früh, dass die Welt, die wir kennen, nur ein winziger Teil des Universums ist, den man nicht allzu wichtig nehmen sollte. Und man weiß auch, dass Gott verschiedene Namen haben kann.

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ZEIT: Hat Ihre Großmutter das genauso gesehen? Sie war eine der Gründerinnen des südafrikanischen Zweigs der American Episcopal Church, glaubte also an den dreieinigen Gott der Christen.

Ibrahim: Meine Großmutter war eine großartige und tolerante Frau, die mich immer dabei unterstützt hat, meinen Weg zu gehen. Wir lebten damals im District Six, einem der schlimmsten Innenstadtghettos von Kapstadt. Meine Großmutter zeigte mir, dass es noch eine andere Welt gab: die Musik. Sie quälte mich nie mit Tonleitern, sie sagte nie, hier in der Kirche spielen wir nur Gospels. Sie sagte: Du machst das schon, am Klavier.

ZEIT: Das heißt, Kirche war für Sie als junger Mann eher eine musikalische als eine spirituelle Heimat.

Ibrahim: Sie war wie die meisten schwarzen Kirchen alles Mögliche: Man traf sich dort, um Gottesdienst zu feiern, um zusammen zu essen, um Nachbarschaftsprobleme zu klären – und um Musik zu machen. Als Halbwüchsiger wurde mir die Gemeinde aber zu eng. Wie die meisten jungen Männer aus schwierigen Gegenden wurde ich in eine Gang hineingezogen. Taschendiebe, Einbrecher, kleine Gangster, das waren meine Freunde. Wenn sie etwas erbeutet hatten, gaben sie es mir. Ich war ihre Bank. Sie vertrauten mir, weil ich selber kein Dieb war. Ich hatte damals schon meine eigenen Bands.

ZEIT: Die bekannteste hieß Jazz Epistles und war die erste afrikanische Jazzformation überhaupt. Ihr späterer Freund und Förderer Duke Ellington hat einmal gesagt, mit Ihnen sei der Jazz endlich zu seinen afrikanischen Wurzeln zurückgekehrt. Sehen Sie das auch so?

Ibrahim: Ich hätte mich selbst nie einen Jazzmusiker genannt. Ich war nur ein Ghetto-Kid, das jeden Dollar dafür ausgab, den amerikanischen Seeleuten im Hafen von Kapstadt ihre alten Jazzplatten abzukaufen. Ja, Jazz hat mich beeinflusst. Als die Leute es dann Township-Jazz nannten, dachte ich, okay, dann ist es eben Township-Jazz.

ZEIT: Ihr Deutschland-Konzert, das Sie kürzlich beim Festival Movimentos der Autostadt Wolfsburg gaben, haben Sie A Tribut to Tolerance genannt. Hätten Sie mit dem Wort Toleranz damals als Ghetto-Kind etwas anfangen können?

Ibrahim: Wenn man den Begriff der Toleranz in die Wirklichkeit übersetzen will, ist man ziemlich schnell lost in translation. Ich erinnere mich noch daran, wie unser Englischlehrer einmal fragte, was das Gegenteil von wealth, Reichtum, sei? Wir wussten es nicht. Ich sagte health, Gesundheit, weil es sich reimte. Die anderen sagten gar nichts. Wir waren arm, aber wir hatten kein Konzept von Armut. So ähnlich ist es mit der Toleranz: Man kriegt einen Begriff übergestülpt und hat keine Ahnung, was das soll.

ZEIT: In der Tradition der europäischen Aufklärung bedeutet Toleranz, dass eine Gesellschaft verschiedene Religionen, Weltanschauungen und Traditionen als solche anerkennen kann, ohne sich ihre Inhalte vollkommen zu eigen zu machen. Aber Toleranz ist auch eine Forderung: nach Anerkennung, nach gleichen Rechten und Pflichten.

Ibrahim: Nach Menschenrechten, ich weiß, ich weiß, das ist auch so ein leeres Wort. Wissen Sie, meine Freunde damals waren Muslime, Hindus, Christen. Wir waren nicht tolerant, wir waren gemeinsam wütend über die Bedingungen, unter denen wir während der Apartheid lebten. Man wollte uns zerstören, indem man uns weismachte: Alles, was ihr habt und könnt, ist nichts wert.

Leserkommentare
  1. "Ibrahim: My dear, mir scheint, wir sind wieder ziemlich lost in translation. Was ist der Islam? Sie sprechen darüber wie über einen Kinofilm, den Sie selbst nicht gesehen haben, aber weil alle drüber reden, haben auch Sie eine Meinung. "

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  2. Ich glaube da ist einfach nicht viel zu verstehen was Abdullah Ibrahim auf ihre Fragen antwortet. Jazz Musik ist ein sehr freier Umgang und nicht in Wort zu fassen. Ihr Gesprächspartner möchte sich nicht festlegen oder er kann es nicht. Bei der Frage nach dem christlichen Glauben, gibt es eigentlich nur eine einzige, die es auf den Punkt bringt.

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  3. "Ibrahim: Aber schauen Sie doch mal aus dem Fenster! Wir sitzen in einem schicken Hotel in Wolfsburg, doch draußen scheint dieselbe Sonne wie in Afrika. Es gibt denselben Himmel und sogar dieselben Vögel. Ich war am Chiemsee, als nach diesem furchtbar langen Winter endlich die Schwalben zurückkamen. Ich hörte ihren Gesang und wusste: Euch kenn ich doch von drüben. Das gleiche Erlebnis hatte ich vor Jahrzehnten in Zürich. Damals schrieb ich das Stück The Dream. In der afrikanischen Mythologie bringen Vögel uns Nachrichten aus der Traumzeit. "

    Dieses Frühjahr starben viele viele zurückgekehrte Singvögel. Es gab einfach nichts zu fressen. Sie verhungerten. Die Obstbäume blühen um die wette, und es fliegt keine Biene, keine Hummel. Noch nicht mal Wespen. Was hat das zu bedeuten dann ...?

  4. Es ist erschreckend, wie es im Ihre emotionale Intelligenz bestellt ist, sie sollten besser tagespoltische Themen bearbeiten, den Switch on/off Schalter hat der liebe Gott, bei Ihnen, definitiv vergessen.

    Mit besten Grüßen

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  5. ... dieser mann ist viel klüger als wir.

    vielen dank.

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    • dacapo
    • 22. Mai 2013 23:54 Uhr

    Wer sind "Wir" und was bedeutet "klüger als wir".

  6. kann dieser Mann, auf die Frage ob er die strengen Regeln seiner Religion befolgt, nicht einfach mit ja oder nein antworten? Finde solche Leute immer etwas suspekt, zumal solche interviews ja auch immer sowas wie gratis Werbung sind für die betreffende Person, und der Interviewer zumindest den Respekt verdient hat, nicht wie ein Volltrottel behandelt zu werden mit diffusen Antworten, wie sie im ganzen Interview immer wieder auftauchen.
    p.s. ein 'von allen Ängsten erlöstes' Gesicht ist das auf keinen Fall, sorry. Da muß irgendwie eine ganz massive Selbsttäuschung vonstatten gehen.

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    • ASasse
    • 20. Mai 2013 20:30 Uhr

    Mir ging das ganz anders beim lesen der sehr schön formulierten Antworten. Das hat mir Spaß gemacht.

    Aber es ist offensichtlich so, dass die Interviewerin mit der Geschwindigkeit und Vielschichtigkeit der Antworten überfordert wird.

    Gerade weil es keine Ja/Nein-Antworten sind lohnt es sich die Antworten gründlich zu lesen.

    PS: Eine Frage an die Interviewerin zu "ZEIT: Herr Ibrahim, ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Ich habe nach Ihrem Weg zum Islam gefragt, und jetzt sind wir bei der chinesischen Medizin": wer ist hier mit WIR gemeint?

    • whale
    • 20. Mai 2013 22:56 Uhr

    Und was hätten Sie an dieser Stelle von einer Ja/Nein-Antwort gehabt?

    Ja - der Mann würde entweder als unglaubwürdig oder als extrem eingestuft.
    Nein - der Mann könnte sowohl ein Heuchler als auch ein Opportunist sein.

    Bei einem Verhör könnte der Fragende die Antwort dann jeweils in seinem Sinne interpretieren. Dies hier war aber ein Interview - das gerade durch die Beiträge des Künstlers berührend und tief geriet.

    und da denkt jemand sehr sprunghaft und spannungsreich während da jemand anderes versucht, das Metronom ständig anzuhalten - weil man da selbst diesem Takt nicht folgen kann.
    Sicher ist es keine böse Absicht, dass Abdullah Ibrahim den Fragestellungen der Journalistin hier davoneilt, aber - der gute Mann ist einfach viel zu locker und - viel zu luftig in seinem Wesen für so eine Art der gefangen nehmen und festnageln wollenden Fragestellung.
    Wer nicht schon einmal ein Kneipengespräch beim Wetter begonnen und bei Hamlet, Marie-Antoinette und Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu Schrott zu fahren, 911 und Bruce Lee 5 Stunden später geendet hat der wird den Musiker hier wohl kaum verstehen können. Und - leider scheint dies bei der Interviewerin der Fall zu sein. Ibrahims Antworten indes schadet dieser holpernde Rhythmus nicht. Es sind letztlich sehr klare Aussagen eines sehr frei denkenden Menschen - eines großen Künstlers - was ja potentiell nicht erst seit Beuys ein jeder Mensch sein - oder werden kann. Ob Reinigungsdame, Musikerin oder Journalist - jeder.

  7. Leckerbissen. Es ist Partitur und Musik. Das gefällt mir.
    Jo, soisses, die einen leben, die anderen reden davon ;-)

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    • ASasse
    • 20. Mai 2013 20:30 Uhr

    Mir ging das ganz anders beim lesen der sehr schön formulierten Antworten. Das hat mir Spaß gemacht.

    Aber es ist offensichtlich so, dass die Interviewerin mit der Geschwindigkeit und Vielschichtigkeit der Antworten überfordert wird.

    Gerade weil es keine Ja/Nein-Antworten sind lohnt es sich die Antworten gründlich zu lesen.

    PS: Eine Frage an die Interviewerin zu "ZEIT: Herr Ibrahim, ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Ich habe nach Ihrem Weg zum Islam gefragt, und jetzt sind wir bei der chinesischen Medizin": wer ist hier mit WIR gemeint?

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  • Schlagworte ANC | Apartheid | Islam | Jazz | Südafrika
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