SachbuchEinstürzende Neubauten

Warum der Ausstieg sein muss: Joachim Radkau und Lothar Hahn lassen kein gutes Haar an der deutschen Atomwirtschaft. von Tanja Busse

Es gab erhebliche Zweifel. Als Anfang 1961 das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk das erste bundesdeutsche Kernkraftwerk in Kahl am Main baute, stellte die Reaktorsicherheitskommission eine Reihe von Auflagen zusammen, die zeigten: Die Kontrolleure waren skeptisch angesichts der geplanten Sicherheitsvorkehrungen. "Das RWE, weit davon entfernt, den Bedenken zu entsprechen, ging sogleich zum Gegenangriff über und beschwerte sich beim Ministerium über die Reaktorsicherheitskommission!" Der Energiekonzern hatte ohne Genehmigung einfach drauflosgebaut und die Behörden vor vollendete Tatsachen gestellt.

Das ist nur eine von vielen Merkwürdigkeiten in der Geschichte der deutschen Atomwirtschaft, die der Historiker Joachim Radkau und der Kernenergie-Experte Lothar Hahn, von 1999 bis 2002 Vorsitzender der Reaktorsicherheitskommission, zusammengetragen haben. Ihr Buch – eine Fortschreibung von Radkaus Habilitation aus dem Jahr 1983 – lässt keinen anderen Schluss zu als Erleichterung darüber, dass es bald vorbei ist mit der Atomindustrie in Deutschland.

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Ein vertrauensseliger Umgang mit sämtlichen Gefahren, eine gutsherrenhafte Informationspolitik und milliardenschwere Förderung für einstürzende Neubauten: Die deutsche Atomindustrie habe ihren Niedergang selbst verschuldet, urteilen Radkau und Hahn, lange bevor die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima ihr den Rest gegeben hätten.

In den fünfziger und sechziger Jahren herrschte eine Atom-Euphorie, bei der Sicherheitsfragen schlicht vergessen wurden. Damals kursierte das Versprechen, dass der Strom so billig werde, dass es sich bald nicht mehr lohnen werde, Stromzähler einzubauen, und die Bundesregierung wollte Kernkraftwerke um jeden Preis. Bloß wollte sie zunächst keiner bauen. Die Stromproduzenten, bestens versorgt mit billiger Ruhrgebietskohle, hatten es nicht eilig mit dem Einstieg in die unbekannte Risikotechnologie.

Als sie schließlich investierten, bestimmten sie die Regeln – und nicht der Staat. So bauten AEG und Siemens die günstigeren, aber riskanteren Leichtwasserreaktoren statt der Schwerwasserreaktoren, die ohne angereichertes Uran betrieben werden konnten und an denen das Forschungszentrum Karlsruhe mit üppiger staatlicher Finanzierung arbeitete. Es folgten Pannen und Beinahekatastrophen, die so lange wie möglich verschwiegen wurden.

Nach der Energiewende ist es mit der nuklearen Gefahr noch lange nicht vorbei: Radkau und Hahn weisen darauf hin, dass es seit Jahren schon in Deutschland an Atomreaktor-Ingenieuren mangelt, die für die Restlaufzeit und den Rückbau benötigt werden.

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Leserkommentare
    • Oakman
    • 18. Mai 2013 18:26 Uhr

    >>So bauten AEG und Siemens die günstigeren, aber riskanteren Leichtwasserreaktoren statt der Schwerwasserreaktoren, die ohne angereichertes Uran betrieben werden konnten<<

    Ich hoffe einfach mal, dass dieser Unfug Werk des Redakteurs und nicht der Autoren ist. Richtig ist, dass man für Leichtwasserreaktoren kein Natururan verwenden kann und dieses stattdessen leicht anreichern muss. (Von ca. 0,7 U-235 Gehalt auf ca. 5%, von Waffenfähigkeit spricht man bei Anreichungsgeraden von deutlich über 90%). Der Punkt ist jedoch der, dass das Reaktivitätsverhalten des Reaktorkerns mit zunehmender Anreicherung besser (= sicherer) wird d.h. die Kettenreaktion kann leichter geregelt und kontrolliert werden und die Gefahr eines plötzlichen, dramatischen Anstiegs der Leistung (s. Tschernobyl) ist deutlich geringer. So wurde nach Tschernobyl die Anreicherung in der verbleibenden RMBKs erhöht, um die Chance für eine zweite Katastrophe zu reduzieren.

    5 Leserempfehlungen
  1. Auf folgender Internetseite wird z. B. der besondere Vorteil des Schwerwasserreaktors auf der Sicherheitsebene hervorgehoben und begründet:

    http://www.kernkraftwerke...

    3 Leserempfehlungen
  2. Es sei denn, wir wollen uns wieder von Ast zu Ast schwingen wie man es in Witzenhausen schon uebt.
    Unsere derzeitigen LWR wurden innerhalb von 30 Jahren nach der ersten kontrollierten Kernspaltung entwickelt. Seitdem sind wieder 45 Jahre vergangen und wenn es keine Gruenen gaebe, waeren wir technologisch entsprechend weiter. Die Einschaetzung, dass unsere derzeitigen Anlagen nicht sicher sind, kann ich nicht teilen. Der angebliche Experte bekam seinen Posten zur Zeit der rot-gruenen Koalition, da wurde ohnehin nach politischer Agenda solch ein Posten besetzt! Man schaue mal nach bei Dual-Fluid-Reaktor punkt de, wie man Strom zu 0,6 Cent/kWh erzeugt. Beschrieben von wirklichen Wissenschaftlern und entwickelt mitten in Berlin.
    Die Schwerwasserreaktoren werden hier in Kanada betrieben und nahmen ihren Anfang mit Schwerem Wasser welches aus "Nazi-Europa" nach Kanada gebracht wurde. Allerdings beginnt Kanada mit dem Bau weiterer Kernkraftwerke, und zwar nicht mit Schwerem Wasser.

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    • Tuvia
    • 18. Mai 2013 21:39 Uhr

    Allerdings muss dieser Beweis noch erbracht werden. Das wird zum Glück in baldiger Zukunft der Falls sein, da der Austieg aus der Atomenergie beschlossene Sache ist und bleibt. Ich frage mich wie man dem allgegenwärtigen Glauben der Wissenschaft an eine sichere und zukunftsweisende Atomenergie noch verfallen kann. Die Preise für Uran steigen stetig an, das Problem der Entlagersuche wird uns noch über mehrere Jahrzehnte, gar Jahrhunderte verfolgen. Fakt ist, dass wir es hier mit einer sinnlich nicht wahrnehmbaren Gefahr für Mensch und Umwelt zu tun haben, deren Langzeitfolgen nicht absehbar sind. Des weiteren sei auf einen Artikel verwiesen, der auch erst vor nicht allzu langer Zeit bei ZEITonline erschien. Es geht um Frankreich und den jetzt schon absehbaren unwirtschaftlichen Nutzen im Bau befindlicher Atomkraftwerke.
    http://www.zeit.de/wirtsc...

    • E.Wald
    • 18. Mai 2013 22:01 Uhr

    "Unsere derzeitigen LWR wurden innerhalb von 30 Jahren nach der ersten kontrollierten Kernspaltung entwickelt. Seitdem sind wieder 45 Jahre vergangen und wenn es keine Gruenen gaebe, waeren wir technologisch entsprechend weiter."

    Es ist meines Wissens immer noch nicht verboten, in Deutschland ein neues AKW zu bauen; es gibt nur eine Vorschrift, die sich offenbar kein Energiekonzern zutraut, eingeführt unter der Regierung von Helmut Kohl (CDU): Der Betreiber muss sicherstellen, dass sich Schäden eines Unfalls auf das Betriebsgelände beschränken. Was genau können jetzt die Grünen dafür, dass die Vorschrift nicht eingehalten werden kann?

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/jk

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    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/jk

  4. 6. [...]

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    Antwort auf "[...]"
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  5. Man kann wohl schwerlich die Atomwirtschaft nach Vorgaengen von 1961 beurteilen, wer das macht, macht sich laecherlich.
    Im Grunde hatte Deutschland zwei Kernkraftwerke mit zukunftsweisender Technologie einschaltbereit. Dieses wurde dann in NRW und spaeter durch Einfluss Gruener Politik verhindert. In einem Video-Clip macht sich Bill Gates nicht umsonst darueber lustig, dass man hier keine Forschung mehr betreibt. Und auch erwaehnt er darin, dass, wenn man von Kernfusion traeumt, erst einmal lernen muesse, mit den vielen Neutronen von ueber 14 MeV umzugehen. Jedes Fusionskraftwerk ist praktische eine Neutronenbombe.
    Aber wer moderne Kernkraft verhindert, so wie die Gruenen, der macht sich mitschuldig am Hunger in dieser Welt. Etwa eine Milliarde Menschen hungern, etwa eine Milliarde Menschen haben keinen Strom, wenn das kein Zufall ist. Selbst die Tuerkei mit viel mehr Sonne beginnt mit dem Bau von vier Kernkraftwerken. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate bauen Kernkraftwerke und haben bald eine voellig CO2-freie Stromversorgung. Bei uns werden die ersten Windmuehlen nach dem erfolgreichen Vernichten aller Milane schon bald wegen ihrer Lebensdauer verschrottet werden muessen.

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    Die SPD hätte damals durchaus sehr gerne diese "zukunftsträchtigen" Reaktoren betrieben, zumal man dann auch die Kohleverstromung hätte quersubventionieren können. Beide Reaktoren wurden auch unter der SPD projektiert und gebaut.

    Leider waren beide Reaktoren aber Fehlkonstruktionen. Der THTR lief gerade einmal 2 Jahre. Beim schnellen Brüter war man, nach den schlechten Erfahrungen mit einem baugleichen Modell in Frankreich, weise genug, das Teil niemals in Betrieb zu nehmen.

    Bei beiden "Zukunftstechnologien" wartet man nach 20 Jahren immer noch auf den großen internationalen Durchbruch....

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  • Schlagworte Buch | Atomindustrie | Kernkraftwerk | Strom
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