Und dann gibt es noch den Einflussmarkt, "Naggingmarkt" genannt, dessen Volumen der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler und Kindermarketing-Experte Tobias Effertz auf 70 Milliarden Euro schätzt. So viel Geld geben Eltern in Deutschland jedes Jahr aus, weil sie von ihren Kindern vollgequengelt werden.

An diesem Punkt kommt eine zweite Erkenntnis der Wirtschaft ins Spiel: Von den Eltern ist keine große Gegenwehr zu erwarten.

Das, was Marktforscher die "Gatekeeperfunktion" der Eltern nennen, ist in den vergangenen Jahren mehr und mehr verloren gegangen. Die Eltern von heute, wesentlich liberaler als die der Vorgängergenerationen, stellen keine Schranken mehr auf, sondern sie verhandeln mit ihren Kindern darüber, was im Einkaufswagen landet. Immer häufiger sind die Kinder die durchsetzungsstärkeren Verhandlungspartner.

Früher wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Heute gibt es Bücher zum Thema "Kochen mit Kindern". Die Eltern wollen ihre Kinder ernst nehmen und nicht länger bevormunden. Diese Offenheit und Stärke moderner Familien nutzt die Industrie aus und verkehrt sie in eine Schwäche.

In dem Film, in dem Anna durch den Supermarkt läuft, taucht die Mutter kaum auf, obwohl sie immer dabei ist. Man sieht nur hin und wieder ihren Arm, wenn sie wieder einmal ein Produkt in den Einkaufswagen packt, das Anna ihr rüberreicht. Der Arm von Annas Mutter ist der verlängerte Arm der Industrie.

Für die Hersteller sind Kinder auch deshalb so attraktiv, weil man heute weiß, dass sich die Produkt- und Geschmacksvorlieben aus der Kindheit über Jahrzehnte halten. Die Industrie muss die kurze Zeit nutzen: Wen sie als Kind nicht gewinnt, wird sie auch später nicht erreichen. Wer als Kind kein Nutella gegessen hat, fängt nicht als Zwanzigjähriger damit an.

Deshalb lautet die entscheidende Frage für die Unternehmen: Wie bekommen wir Anna dazu, genau unser Produkt auszusuchen?

Der Marketingkongress, bei dem Dirk Ziems auftritt, wird von der Kinder- und Jugendwerbeagentur Cobra Youth veranstaltet. Diese Agentur ist stolz darauf, dass sie im Kindermarketing neue Wege gegangen ist, wo andere noch konventionelle Kampagnen entwickelten. Cobra Youth, angeblich besonders nah an der Zielgruppe dran, lässt Anzeigen, Spots und Onlinespiele von "Kinderbeiräten" testen.

"Wir nehmen Kinder als Verbraucher ernst", sagt Christopher Schering, der Chef und Gründer der Agentur.

Cobra Youth hat seine Räume in einer alten Schreibfederfabrik am Berliner Ostkreuz. Ein Loft mit bunten Raumteilern, an den Schreibtischen sitzen junge Menschen mit Kopfhörern und basteln an Internetseiten, Onlinespielen und Facebook-Auftritten. Christopher Schering, im schwarzen Anzug mit offenem Hemdkragen, führt auf die Terrasse, von der aus man auf eine planierte Fläche gucken kann, auf der demnächst neu gebaut wird. Schering macht ein trauriges Gesicht. Er sagt: "Alles, was nicht unter Denkmalschutz steht, wird hier weggeballert."

Auch die Kindheit steht nicht unter Denkmalschutz.

Einer der größten Erfolge von Cobra Youth ist die Entwicklung einer neuen Marketingstrategie für die Kinderchips-Marke Pom-Bär. Früher näherte sich Pom-Bär den Kindern fast ausschließlich über das Fernsehen. Vor drei Jahren aber wechselte Pom-Bär ins Internet. Dort, sagt Schering, erreiche man "eine viel höhere Bindungswirkung".

In der Marketing-Fachsprache heißt das "Bonding". Es ist dasselbe Wort, mit dem Psychologen die Bindung zwischen Mutter und Kind beschreiben, die direkt nach der Geburt entsteht.

Vor allem Hautkontakt ist für Bonding wichtig. Das wissen auch die Werbeleute: Sie rücken den Kindern auf die Pelle.

Rund um die Figur Pom-Bär hat Cobra Youth im Internet eine eigene kleine Welt geschaffen.

Der Pom-Bär ist ein dicklicher Kerl mit goldgelbem Fell, er trägt ein Krönchen auf dem Kopf und klimpert mit den Augen. Das Herz der Pom-Bär-Werbung ist die Website pombaer.de. Dort können Kinder Mitglieder eines Sozialen Netzwerks werden. Die Kinder stellen sich als Avatare dar. Sie schaffen sich eine Art Zweitexistenz in der Pom-Bär-Welt. Gegen Zahlung von Pom-Bär-Talern können sie sich Accessoires für ihren Avatar kaufen: einen Rock, einen Liegestuhl oder gelb-rote Springschuhe, mit denen der Avatar hüpfen kann. Und sie können mit dem Pom-Bär chatten.

Bis zu diesem Punkt ist das alles bloß ein Spiel. Die Taler aber verdienen sich die Kinder unter anderem, indem sie Chips kaufen. Auf jeder Pom-Bär-Packung ist ein Code aufgedruckt, den sie auf pombaer.de eingeben können. Dann bekommen sie Pom-Bär-Taler gutgeschrieben.

Agenturchef Schering sagt: "Die Kids rennen natürlich zu ihren Eltern und sagen: Mama, wir brauchen ein paar Pom-Bär-Packungen, ich will mir die neueste Sonnenbrille für meinen Avatar kaufen." Schering nennt das einen "hohen Abverkaufsdruck". Die Hamburger Verbraucherzentrale nennt es: "sehr hohes Kinderfängerpotenzial".

Christopher Schering ist selbst zweifacher Vater. Er kennt die Mechanismen des Kindermarketings von beiden Seiten. "Ich bin, obwohl ich Profi bin, gleichzeitig auch Opfer", sagt er. Seine eigenen Kinder dürften Chips essen, aber sie bewegten sich eben auch viel. "Wenn man Kinder so schwach erzieht, dass es jeden Tag Chips gibt, und das Kind bewegt sich nicht und wird fett – dann hat man ein Erziehungsproblem."

Schering schiebt die Verantwortung den Eltern zu, obwohl der Erfolg des Kindermarketings gerade darauf beruht, dass es gezielt die Eltern als Erziehungsinstanz zermürbt.

Die Pom-Bär-Werbung soll "Pester Power" entwickeln: Das ist eine weitere magische Vokabel des Marketings. Pester Power bedeutet "Quengelkraft".

Vom Erfolg der Kampagne war der Agenturchef Schering selbst überrascht. Nach seinen Angaben bleiben die registrierten Pom-Bär-Freunde im Durchschnitt 17 Minuten lang auf der Website. Grundschulkinder, die hier ihre ersten Erfahrungen mit Sozialen Netzwerken sammeln.

Das moderne Kindermarketing, sagt Schering, visiere biografische Umbrüche an. Immer wenn im Leben eines Kindes eine neue Tür aufgeht, steht dahinter schon eine Figur, die ein Marketingmensch geschickt hat. Beim Eintritt in den Kindergarten, bei der Einschulung, beim Wechsel auf die weiterführende Schule, beim Beginn der Pubertät. Bevor das Kind neue Freunde hat, hat es schon eine neue Marke.