Kunstsammler Helmut Schmidt : Goya fehlt noch

Ein Besuch beim Kunstsammler Helmut Schmidt

Nein, hier wohnt kein ausgemachter Kunstkenner. Und ein Kunstsammler? Der auch nicht, das sagt er gleich und sehr bestimmt, noch bevor die erste Zigarette brennt. Helmut Schmidt hortet keine Bilder, jagt ihnen nicht nach, wälzt keine Auktionskataloge, all das hat er nicht nötig. Denn die Kunst hängt an ihm, und er hängt an der Kunst. Sie hat ihn begleitet von Anfang an. Und füllt nun die Wände, dicht an dicht bis hoch unter die holzgetäfelte Decke: Grafiken und Gemälde von bekannten und weniger bekannten Künstlern. Sein Haus in Hamburg-Langenhorn ist ein Bilderhaus, es erzählt von vielen Prägungen und Vorlieben, von einem bewegten Leben, das ganz anders verlaufen wäre, hätte es die Kunst nicht gegeben.

Doch wie darüber reden? "Ich bin ja kein Kunsthistoriker", sagt er und schweigt erst einmal ausgiebig. Dann räuspert er sich, was sich anhört wie ein gutmütiges Knurren. "Es ist", sagt er, "nicht meine Gewohnheit, Bilder zu beschreiben und alles Mögliche hineinzufantasieren." Lieber belässt er es beim Hinschauen und freut sich gerade deshalb an seiner Kunst, weil sie auf ihre stumme Weise zu ihm spricht. "Die Musik ist mir ja leider seit 20 Jahren verschlossen, ich höre nur noch technische Geräusche. Meine Augen aber sind zum Glück noch in Ordnung." Und so hat er seine Noten, die Platten weggegeben, alles, was ihn begeisterte, als er noch viel Klavier und Orgel spielte. Geblieben sind ihm der schwarze Flügel, abgedeckt von einem dicken Teppich – und seine Bilder. Je mehr die Welt um ihn herum verstummte, desto wichtiger ist ihm die Kunst geworden. "Es stimmt schon", sagt er, "ich höre nicht mehr, jetzt sehe ich."

Mit dem Rücken zum Fenster sitzt er im Esszimmer, es gibt Tee und Kekse und die obligatorische Schatulle mit den Mentholzigaretten. Nicht ohne Stolz blickt er um sich, zeigt auf das große Meerbild von Emil Nolde, deutet auf die Bronzeplastik von Ernst Barlach, den Singenden Mann, der auf der Anrichte sitzt. Erzählt von den Vorgärten in Barmbek, gemalt von Hugo Schmidt. Und von den Booten auf der Binnenalster, "eigentlich eine angemalte Grafik, mit spannungsvollen Diagonalen", der Künstler unbekannt. "Was mir als altem Segler natürlich nicht gefällt, ist, dass die Segelboote alle falsch gemalt sind."

Vor allem die deutschen Expressionisten und die französischen Impressionisten sagten ihm immer schon zu. Gerne hätte er von ihnen das eine oder andere Bild erworben. "Dafür fehlte mir aber das Geld, ich war ja Politiker." Es hätte auch nicht zu ihm gepasst, sich mit kostbaren Bildern von Monet oder van Gogh, von Kandinsky oder Kirchner zu schmücken. Bis heute lebt Schmidt in dem Haus, das seine Frau Loki und er in den sechziger Jahren bezogen. Hinter einer niedrigen Rotdornhecke, geduckt ins Unscheinbare der Vorstadt.

"Lange hing dort eine Batik, die musste dann irgendwann ins Schwimmbad umziehen", erzählt Schmidt und deutet auf die lange Esszimmerwand, die heute mit vielen Hafen- und Wasserszenen behängt ist. Irgendwann war die Doppelhaushälfte mit den weiß geschlämmten Wänden und dem roten Fliesenboden zu klein geworden. Die Schmidts bauten um und an, soweit es das kleine Grundstück hergab. Auch das Haus schräg gegenüber kam zur Hälfte dazu, für die umfangreiche Bibliothek. Die Kunstbände aber stehen bis heute griffbereit im Wohnzimmer, auf fünf langen Regalen, die sich unter dem Gewicht der Bücher biegen. Die Maler der Brücke und des Blauen Reiters sind bestens vertreten, und Nolde natürlich, für Schmidt einer der Wichtigsten.

"Von dem habe ich schon früh etwas kaufen können, schauen Sie, dort, in der Ecke." Eine kleine Grafik, stürmisch fliegen die Linien, ein Schlepper walzt durch die Hafenwellen, dicke Qualmwolken über dem Schornstein. "Das muss 1948 gewesen sein, da habe ich das Blatt in London entdeckt, bei einem Antiquitätenhändler irgendwo hinterm Trafalgar Square. Ein Pfund hat er dafür verlangt, das waren damals ungefähr 20 Reichsmark. Für mich eigentlich unerschwinglich." Er zögerte ein wenig, war vielleicht auch verwundert über die eigene ökonomische Unvernunft, die er sich als frisch diplomierter Volkswirt nicht unbedingt zugetraut hätte. Am Ende aber obsiegte die Liebe zur Kunst, auch wenn Helmut Schmidt das so pathetisch nie formulieren würde.

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Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Kinder und Kunst

das Kinder für Ihre Eltern nicht in Sippenhaft genommen werden, liegt daran, dass sie eigenverantwortliche Entscheidungen treffen können und nicht ausschlieslich das Produkt ihrer Eltern sind.

Das Werk eines Faschisten ist ganz und gar von ihm bestimmt.

Der Vergleich hinkt also, womit ich die Frage, ob Kunst (oder Musik) auch nach ihrem Schöpfer zu beurteilen sind, nicht in die eine oder andere Richtung beantwortet haben will.

Allerdings meine ich, dass Speer und Wagner in der Tat Künstler sind, in deren Werk sich ihre Haltung zu den Menschen widerspiegelt...

vielleicht, ...

wollen Wir das Grundgesetz auch als Kunstwerk sehen?
Was bedeutet das für Uns in der EU, oder die EU in Uns???

""Was mir als altem Segler natürlich nicht gefällt, ist, dass die Segelboote alle falsch gemalt sind.""
... nur damit verstehen Wir erst höchstens die Hälfte?