FotografieStrand ist Arbeit

Über die schrecklich schönen Momentaufnahmen des Magnum-Fotografen Martin Parr von Markus Clauer

Ocean Dome, Miyazaki, Japan, 1996

Ocean Dome, Miyazaki, Japan, 1996  |  © Martin Parr, Magnum Photos/courtesy Schirmer/Mosel

Schön ist etwas anderes als der Anblick der schlanken Frau im rosa Bikini auf der drohend roten Liege. Ein Kopftuch hält die fettigen Haare zurück. Das Gesicht ist schon grillhähnchenbraun. Der Rest braucht noch. Die Frau sonnt sich. Nichts sonst. Sie trägt eine Schutzbrille mit aufgemalten Augen. Wo sie sich gerade befindet, scheint für sie uninteressant zu sein, ein Freilicht-Solarium eben, irgendein Stück Strand.

Martin Parr, der weltberühmte Fotograf des hübsch Hässlichen, hat sie in Knokke aufgenommen, in Belgien, 2001. Jemand, der so hart für den Hautkrebs arbeitet wie sie, gibt ein wunderbares Motiv ab für Parrs neuen Bildband, der leicht auch als soziologisches Werk über den Sonnenbrand durchgeht. Life’s a Beach versammelt die besten Aufnahmen des Engländers aus 40 Jahren – von Stränden in Argentinien, Brasilien, Chile, Spanien, Italien, Lettland, Japan, den USA, Mexiko, Thailand und seinem Heimatland, in dem kein Ort weiter als 75 Meilen von der Küste entfernt liegt.

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Parr ist Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum, war jedoch anfangs durchaus umstritten wegen seines Sonderwegs. Anders als viele seiner Kollegen pflegt er einen kritischen Humanismus, der unterhaltsam ist. Er fotografiert lieber Sandburgen als Schützengräben. Statt Armut dokumentiert er lustvoll und knallbunt die Überfülle an Menschen und schlechtem Geschmack – und zwar in grellem Licht. Seine Bilder leuchten sofort ein. Sie sind echt aus Hassliebe, so perfekt sitzt und steht das Personal herum, als sei es inszeniert worden.

Knokke, Belgien, 2001

Knokke, Belgien, 2001  |  © Martin Parr, Magnum Photos/courtesy Schirmer/Mosel

Bei Parr sehen alle sonderbar aus, sogar ganz gewöhnliche Leute. Die Welt ist schrecklich und schön. Und genau diese Mischung findet sich auch auf seinen Bildern. Er geht sehr nah ran dafür. Bis die Poren der Orangenhaut hervortreten und der letzte Rest Lotion in der Halsfalte zu sehen ist. Fotos vom Strand, die im Müll spielende Kinder zeigen und eine Familie, die sich auf einer Baustelle sonnt, haben ihm zum Durchbruch als Kunst- und Werbe-Starfotograf verholfen. Und einige der Werke aus dem 1986 erschienenen Bildband The Last Resort. Photographs of New Brighton haben es jetzt auch in das neue Best-of-Buch geschafft.

Gardasee, Italien, 1999

Gardasee, Italien, 1999  |  © Martin Parr, Magnum Photos/courtesy Schirmer/Mosel

Der Strand ist darin eine Bühne, ein Traum, der nur als Print auf einem Badetuch erhalten bleibt. Auf einem Bild schaut sich ein Mann in einer Zeitschrift das Foto einer Schönheit im Bikini an. Die Frau neben ihm trägt ihren vergebens, Uruguay, 2006. In Chennai, Indien, lässt man sich in etwa zur gleichen Zeit vor Meereskulisse mit Pappfiguren von Schauspielern fotografieren. Parr sagt, der Strand sei der beste Ort, um nationale Eigenschaften zu studieren. Er selbst gehe nie dorthin, um Spaß zu haben. "Strand ist Arbeit", sagt er. Er könne ja nicht einmal schwimmen.

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Leserkommentare
  1. ... durchsichtige Reklame.

    • 3zu2
    • 16. Mai 2013 10:37 Uhr

    ...die alten Bilder Martin Parrs sind tatsächlich sensationell witzig, boshaft und ehrlich. Zusätzlich zu den genannten gefällt mir `Think of England´ als Buch und als Video. Das Video führte dazu, daß es bei Magnum Diskussionen gab ob er sich denn tatsächlich als Mitglied qualifiziert. Seit Jahren wühle ich außerdem Antiquariate und Online-Angebote nach einer Ausgabe von `Bored Couples´ durch. Es ist seit Jahren "out ofprint". In letzter Zeit belichtet er leider nichts dergleichen mehr, nur Langweiler. Sehr schade.

    • Mari o
    • 16. Mai 2013 11:39 Uhr

    faces look ugly when you´re alone
    Am Strand haben wir ein wüstes Reich vor uns, das wir nur mit Schauder betreten.
    Professor Carl Lemcke

    Eine Leserempfehlung
  2. Die Fotos von Martin Parr sind einfach herrlich böse...

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  • Schlagworte Fotografie | Bildband | Bikini | Schönheit | Hautkrebs | Arbeit
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