Nein, an der Tagesordnung ist es in der Schweiz nicht, dass neugeborene Kinder von ihren Eltern ausgesetzt oder getötet werden. Trotzdem werden dieser Tage im ganzen Land eifrig Babyfenster geplant. Am 1. Juni eröffnet das Kantonsspital Olten nach Einsiedeln und Davos das dritte Babyfenster der Schweiz. Vergangene Woche entschied die Walliser Kantonsregierung, dass auch sie ein Babyfenster will. Am Spital San Giovanni in Bellinzona soll bis Ende des Jahres ein Fenster in Betrieb sein. Und im Kanton Thurgau fordern konservative Politiker per Motion ein solches Angebot; im Kanton Baselland hat das Parlament das Anliegen aus den Reihen der SVP bereits gutgeheißen.

In einem Babyfenster können überforderte Eltern, unbehelligt vom Spitalpersonal und den Überwachungskameras, ihr Neugeborenes abgeben. Durch eine Klappe wird der Säugling in ein Wärmebett gelegt. Mit kurzer Verzögerung wird ein Alarm ausgelöst und das Kind von Pflegern umsorgt.

Zwar wird das Angebot kaum genutzt, in den vergangenen zwölf Jahren wurden in der Schweiz gerade mal acht Säuglinge in ein Babyfenster gelegt; alle in Einsiedeln am Pionierstandort. Doch seit eine Meinungsumfrage zeigte, dass die Bevölkerung die Babyfenster für eine gute Sache hält, sind auch die letzten Kritiker verstummt.

Ja, was gibt es überhaupt zu kritisieren? Wer ist schon dagegen, wenn Eltern, die nicht mehr weiterwissen, geholfen wird – und man damit auch noch ein Kinderleben retten kann?

So ist damit zu rechnen, dass in der Schweiz bald ein "flächendeckendes Netz" von Babyfenstern entsteht, wie es der Berner SVP-Großrat Thomas Fuchs, der das Thema schon vor Jahren auf seine politische Agenda gesetzt hat, neulich in der NZZ am Sonntag gefordert hat.

Was daran schlimm wäre? Auf den ersten Blick nichts. Doch auf den zweiten Blick so einiges. Nur vordergründig geht es nämlich in dieser Debatte um Babyfenster. Tatsächlich manifestiert sich hier ein großer gesellschaftspolitischer Konflikt: die Abtreibungsfrage.

Der Vater der Babyfenster hat eine politische Mission. Er heißt Dominik Müggler und wünscht sich, dass dereinst "keine Mutter weiter als 100 Kilometer reisen muss, um zu einem Babyfenster zu gelangen". Müggler, der mit den Medien nur per E-Mail kommuniziert, lobbyiert seit Jahren für die Babyfenster. Als Präsident der Stiftung Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) finanziert und betreibt er diese Angebote. Auch in Olten, wo in drei Wochen das nächste Babyfenster in Betrieb genommen wird, stellt das Spital nur das Loch in der Hausfassade zur Verfügung: "Die Investitionen, der Unterhalt sowie sämtliche Aufwendungen im Zusammenhang mit der Abgabe und Pflege eines Kindes werden von der SHMK übernommen", schreibt der Solothurner Regierungsrat.

Aber was ist die SHMK für eine Organisation, und wie tickt ihr Präsident Müggler?

Auf ihrer Website gibt sich die "Hilfe für Mutter und Kind" neutral und unabhängig, ein Zewo-Zertifikat bürgt für buchhalterische Tadellosigkeit. Ganz so unabhängig ist die Stiftung allerdings nicht. Hinter ihr stehen radikale Abtreibungsgegner.

1998 gegründet, stand die SHMK hinter der Volksinitiative "Für Mutter und Kind", die 2002 zur Abstimmung kam – gleichzeitig mit der Fristenlösung. Die Initiative wollte die Abtreibung in beinahe allen Fällen verbieten, sogar nach einer Vergewaltigung. Der Abstimmungskampf wurde äußerst emotional geführt. Die Abtreibungsgegner sorgten mit ihren Plakaten für Aufregung. Darauf zu sehen waren Müllsäcke, sie sollten die Entsorgung der toten Föten versinnbildlichen.

Heute findet die politische Arbeit der Abtreibungsgegner im Verein Mamma statt. Die SHMK ist formal gesehen eine Stiftung des Vereins. Präsident ist hier wie dort Dominik Müggler.

Wie radikal der politische Arm der SHMK ist, zeigt auch in diesem Fall ein Blick auf die Website: "Jede Abtreibung wird als menschenunwürdige Handlung an Frau und Kind abgelehnt", liest man. Und der angebotene Film Der stumme Schrei zeigt den Todeskampf eines Embryos während der Abtreibung.

Dominik Müggler tritt zudem als Initiant zweier Volksinitiativen in Erscheinung. Das Begehren "Ja zum Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule" fordert ein Verbot von Sexualkunde für Kinder unter neun Jahren. Und mit der Initiative "Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache" wollen Müggler und seine ultrakonservativen Mitstreiter die Abtreibung aus der Grundversicherung der Krankenkassen streichen. Dadurch würden die Krankenkassen von "fragwürdigen Leistungen" entlastet, sagen sie. Und niemand müsse mehr Leistungen finanzieren, die er moralisch nicht vertreten könne.

Wie kommt es also, dass öffentliche Spitäler mit einer Organisation kooperieren, deren Präsident ein radikaler Abtreibungsgegner ist?

"Wir sehen keinen Widerspruch zu unserem Leitbild oder zu unserer Rolle als öffentliches Spital", heißt es dazu bei der Solothurner Spitäler AG, die auch das Kantonsspital Olten betreibt. Und weiter: "Wir beschränken uns in der Zusammenarbeit auf das vorhandene Know-how der SHMK und Herrn Mügglers, die in diesen konkreten Fragen anerkanntermaßen eine hohe Kompetenz haben." Einen Imageschaden fürchtet man nicht.

Wieso aber delegieren die Spitäler den Betrieb eines Babyfensters überhaupt an eine private Stiftung? Ein solches Fenster einzurichten kostet laut Müggler rund 35.000 Franken. Die Pflegekosten betragen pro Kind etwa 16.000 Franken. Der Betrieb verursacht ansonsten "keine nennenswerten Kosten", wie Müggler sagt. Ein Spital spart also kaum Geld, wenn es das Babyfenster von der SHMK betreiben lässt.

Doch überlässt die öffentliche Hand damit einer zweifelhaften Organisation ein Propagandainstrument. Mit der vorgeblichen guten Sache lässt sich prima für andere Anliegen werben.

Eine der wenigen Kritikerinnen der Stiftung "Mutter und Kind" ist Elisabeth Bammatter. Sie leitet die kantonalen Beratungsstellen für Schwangerschaft und Beziehungsfragen im Kanton Baselland und berät jedes Jahr mehrere Hundert Frauen und Paare. Darunter auch solche, die ungewollt schwanger sind. Sie begleitet Paare auf dem Weg zu einer "guten Entscheidung für oder gegen das Kind" und unterstützt sie, "egal wie der Entscheid ausfällt".

Zu einer guten Beratung gehört für Bammatter, angehenden Eltern eine realistische Vorstellung davon zu geben, was sie als Eltern erwarten wird. Das Mütterbild, das die SHMK propagiert, ist ihr darum ein Dorn im Auge. "Realitätsfern und verklärend" sei das, was die Stiftung in ihren "33 Gründen für ein Baby" propagiert. Diese sind in der Tat erstaunlich. Frauen sollten Kinder kriegen, "weil kein anderes Wort so zärtlich klingt wie Mamma. Weil ein Baby hilft, viele Probleme zu lösen. Weil ein Baby mein Selbstwertgefühl steigert. Weil Kinder glücklich machen. Weil schwangere Frauen von Tag zu Tag schöner werden. Weil Babys so gut riechen." Vor allem aber, "weil Gott in der Bibel gesagt hat: Seid fruchtbar und mehret euch!"