"Das ist doch nicht normal!" Mit der größten Überzeugung erklären wir im Alltag Dinge für normal oder unnormal. Doch wer nachfragt, was genau normal bedeutet, bekommt höchstens eine tautologische Antwort: "Na, normal eben!"

Sobald sich aber die Dinge grundlegend ändern, wird "Normalität" zum Streitfall. Zwei Entwicklungen haben dazu geführt: Heute wird eine weit größere Vielfalt von individuellen Entscheidungen und Lebensentwürfen toleriert als noch vor ein paar Jahren – eine Bundespräsidenten-Gattin mit Tattoo, ein schwuler Bürgermeister oder ein Minister mit Patchworkfamilie. Der Literaturwissenschaftler Jürgen Link, der Ende der neunziger Jahre eine Theorie des Normalismus entwarf, formuliert es so: "Offenbar erweitern sich die Normalitätsspektren und ihre Spreizung." Kurz: Es ist heute mehr normal als früher.

Die andere Entwicklung läuft diesem Trend genau entgegen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise und all die kleinen Krisen in ihrem Gefolge lassen vieles als nicht mehr normal erscheinen: Sie hätten "eine Explosion von Äußerungen über Normalität, ihren Verlust und die Versuche, die Krise zu ›normalisieren‹, in Medien, Politik und Wirtschaft hervorgerufen", schreibt Link in seinem Buch Normale Krisen?.

Ein aktueller Streit um die Definition des Normalen tobt gerade unter Psychotherapeuten. In dieser Woche erscheintdie fünfte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM-V (siehe nächste Seite). Hier definieren amerikanische Psychotherapeuten die Grenze zwischen Trauer und Depression, zwischen pubertärer Orientierungssuche und bipolarer Störung, zwischen normalem menschlichem Verhalten und behandlungsbedürftiger Krankheit.

Gibt es einen messbaren Kern des Normalen? Oder ist Normalität nur Ansichtssache? Und wie viel Abweichung von der Norm tolerieren wir? Drei Normalitätsforscher gehen dieser Frage nach.

1 Gerhard Schulze, Sozialforscher

"Wir sind alle hochsensible Normalitätserspürer", sagt Gerhard Schulze. "Ohne unsere Antenne für das Regelmäßige wären wir nicht lebensfähig." Schulze ist Soziologe, Anfang der Neunziger wurde er mit seiner Theorie der Erlebnisgesellschaft bekannt. In seinem aktuellen Buch Krisen. Das Alarmdilemma beschäftigt er sich mit dem Begriff der Normalität: "Wer Krise sagt, muss sagen können, was normal ist." Eine erste Antwort lautet: Normal ist, was wir gewohnt sind. Und das erfassen wir, indem wir dauernd gefühlte Statistiken anfertigen – für den Alltag reicht das meist.

Für politische und gesellschaftliche Diskussionen reicht das nicht. Gerhard Schulze war lange Jahre Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Bamberg. Er hat versucht, unsere Alltagsempirie zu objektivieren. Mit standardisierten Fragebögen (Prinzip: 0 = trifft gar nicht zu, 10 = trifft voll zu) und der statistischen Analyse der Daten bemüht sich die Sozialforschung, die Wirklichkeit in den Griff zu bekommen: Normalverteilungen, Durchschnitte, Standardabweichungen sind die Ergebnisse. Das ist übersichtlich. Aber ist es aussagekräftig?

"Lächerlich" seien viele Einsichten, sagt Schulze. "Empirische Pseudo-Sozialforschung!" Um dem Normalitätsempfinden auf die Spur zu kommen, reiche die Erfassung von Häufigkeiten nicht aus; dazu brauche es andere Methoden: teilnehmende Beobachtungen, Gruppendiskussionen, Interviews. "Der Trend zur Mathematisierung der Soziologie spiegelt das Streben nach einer Exaktheit, wie sie in den Naturwissenschaften selbstverständlich ist", sagt Schulze. "Aber das Normale in der Kultur ist unscharf."

In den Naturwissenschaften dagegen erscheint alles präzise. Eine Körpertemperatur knapp unter 37 Grad gilt in der Medizin als normal; schon wenige Grade mehr lassen den Körper heftig reagieren. Und weil wir es uns gern einfach machen, schließen wir oft von unserem Körper auf die Welt, sagt Schulze: "Der Körper ist das älteste und am weitesten verbreitete Normalitätsmodell." Und das geht so: Einen normalen Körper spürt man nicht. Merkt man etwas, ist man krank. Dann müssen Medikamente oder Operationen her, bis alles wieder normal ist. Fertig.

Und wenn wir mit diesem einfachen Normalitätsmodell des Körpers auf die komplizierte Welt losgingen, müsse das schiefgehen, sagt Gerhard Schulze: "Die Normalität von komplexen Systemen wie Gesellschaft, Wirtschaft oder Weltklima verlangt nach eigenen Theorien. Die Körpermetapher passt viel weniger, als sie suggeriert." Beispiel Klimawandel: Oft wird diagnostiziert, dass die Erde Fieber habe. "Da kann man sich nur an den Kopf fassen!", schimpft Schulze. "Was soll denn da bitte die Normaltemperatur sein?" Keine Frage: Wenn das Klima sich erwärmt, wird das Geld und Leben kosten. Aber mit dem Normalitätsbegriff kommt man hier nicht weiter. Selbst wenn man sich auf die Formel "natürlich = normal, menschengemacht = unnormal" einigte – welches der vom Menschen unbeeinflussten Klimata der Erdgeschichte wäre das normale?

Und das Beispiel Klimawandel bringe noch eine weitere Schwierigkeit ans Tageslicht, die auch in vielen Diskussionen über Wirtschaft und Gesellschaft auftauche, sagt Schulze: "Wir schließen oft vom Gewohnten auf das Gewünschte." Denn die Normalität hat zwei Seiten: zum einen die beobachtete und gemessene, von der bisher die Rede war, zum anderen die normative, also gewünschte oder vorgeschriebene. Aus der einen lässt sich die andere nicht ableiten.