Der nachfolgende Text ist in der Ausgabe 20/2013 der ZEIT am 8.5.2013 erschienen.   

Es gibt einen menschlichen Zustand, eine Emotion, die keinen richtigen Namen hat. Einen Zustand, der irgendwo zwischen endlich wieder tief durchatmen und keine Luft kriegen liegt. Zwischen Sehnsucht und unbändiger Wut. Das Gefühl, ein Ziel in Reichweite zu haben, um kurz vorher von tausend Händen davon ferngehalten zu werden.

Es scheint schwer zu beschreiben, was die Hinterbliebenen der Opfer an diesem ersten Tag des NSU-Prozesses in München gefühlt haben, aber wenn sie versuchen, davon zu berichten, klingt es in etwa so. Ismail Yozgat, der seinen Sohn, oder Gamze Kubasik, die ihren Vater verlor, und all die anderen Familienangehörigen der Ermordeten, die als Nebenkläger auftreten, haben diesen Tag herbeigesehnt. Nachdem sie so viel Leid ertragen haben, verlangen sie Aufklärung, Gerechtigkeit. Erlösung vielleicht.

Und dann erleben sie den deutschen Rechtsstaat. Ganz nah. In seiner ganzen formalen Korrektheit. In seiner Umständlichkeit. In seiner sachlichen Langsamkeit. Bis überhaupt so etwas wie Aufklärung spürbar sein wird in diesem Verfahren gegen Beate Zschäpe und ihre vier Mitangeklagten, wird viel Zeit vergehen. Auch das werden die Hinterbliebenen ertragen müssen. Es geht nicht anders.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen ZEIT, die am Kiosk erhältlich ist.

Das hieß zuerst, dass der Prozess, der eigentlich am 17. April beginnen sollte, wegen des Streits um die Vergabe von Presseplätzen um drei Wochen verschoben wurde. Für viele der Angehörigen ein schwerer Schlag. Manchen schien es, als seien die Belange von Journalisten wichtiger als die Hinterbliebenen der Opfer. Wochenlang wurde nicht mehr über die Taten berichtet, sondern über Fernsehsender, Akkreditierungen und Lostrommeln.

Die Angeklagte schwebt lächelnd in den Saal

Heute hieß es für die Nebenkläger und die anderen Angehörigen: das erste Mal mit den mutmaßlichen Tätern vor Gericht aufeinanderzutreffen. Er muss schwer auszuhalten gewesen sein, dieser Moment, als zuerst der Angeklagte Andre E. den Saal betritt, Vollbart, kariertes Hemd, tätowierte Arme, Sonnenbrille, und sich trotzig auf seinen Stuhl fläzt. Die Körpersprache signalisiert: Ich akzeptiere dieses Gericht nicht. Als Ralf Wohlleben von seiner Verteidigerin, die als "Szeneanwältin" gilt, mit Wangenkuss begrüßt wird. Und ganz besonders, als Beate Zschäpe mit einem unschuldigen Kleine-Mädchen-Lächeln in den Raum mehr hineinschwebt als eintritt. Dass sie nach einem kurzen Blick in die Kameras fortan mit dem Rücken zum Richtertisch gedreht steht und sich krampfhaft am Stuhlrücken festhält, nehmen nur wenige wahr.

Das Böse sieht gar nicht so böse aus. Das ist immer wieder der Eindruck bei Strafprozessen, aber für die Hinterbliebenen ist es schwer erträglich. Es kann Wut ausbremsen. Es gibt nur einen Zwischenruf, als die Angeklagten in den Saal kommen: "Du bist ein feiger Mann", ruft einer von der Zuschauerempore. Dort sitzen keine Opferangehörigen. Es ist spürbar, dass den meisten in diesem Saal klar ist: Jetzt wird verhandelt, jetzt wird es juristisch, Ausfälle sind inakzeptabel.

Aber vor allem heißt Rechtsstaat heute, für die Hinterbliebenen der Opfer, für die Zuschauer, für die Journalisten, geduldig zuzuhören, wie seitenlange Anträge vorgetragen werden, die nicht einmal versteht, wer gut Deutsch spricht. Denn das ist es, was an diesem ersten Tag im Gericht geschieht: Die Verteidiger von Beate Zschäpe und von Ralf Wohlleben stellen Befangenheitsanträge gegen den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl. Allein deren Verlesung dauert jeweils mehr als eine Stunde. Es fühlt sich länger an, der Ton schleppend, sonor, gelegentlich trotzig akzentuiert. Dann wird die Verhandlung mehrmals unterbrochen, weil die Bundesanwaltschaft ihrerseits eine Stellungnahme zu den Anträgen vorbereiten muss. Und weil sich die Verteidiger immer wieder beraten müssen.

Zwei Nebenkläger-Vertreter aus Köln melden sich anschließend zu Wort. Der eine beschwert sich, dass der langsame Vortrag des Verteidigers von Beate Zschäpe die Qual der Opfer in die Länge ziehe. Der andere wirft dem Zschäpe-Anwalt vor, Methoden anzuwenden, die in Wirtschaftsverfahren üblich seien: Zeit zu schinden.