1943Der Berliner Nachbar

Eine Bronzetafel in der Straße beim ZEIT-Büro, darauf der Name Philipp Schaeffer. Wer war dieser Mann, der vor 70 Jahren in Plötzensee von den Nazis ermordet wurde? von Elisabeth Thadden, von

Er ist ein Nachbar des Berliner ZEIT-Büros. Hundertmal dran vorbeigegangen. In der Dorotheenstraße teilt eine Bronzetafel an der Hauswand mit, wer hier in der ehemaligen Nr. 19 wohnte – und irgendwann bleibt man doch einmal stehen, um sie in Ruhe zu lesen. Es ist eine jener Gedenktafeln, welche die DDR anbringen ließ, 1975, mit dem Stolz, an bürgerliche Helden erinnern zu können: "Hier wohnte der Wissenschaftler und Widerstandskämpfer Dr. phil. Philipp Schaeffer / Geb. am 16. November 1894 / Ermordet am 13. Mai 1943 in Plötzensee." Wissenschaftler und Dr. phil.! Und wahrscheinlich Kommunist, darf man ergänzen. Ermordet vor genau 70 Jahren.

Philipp Schaeffer? Er gehörte zum Umkreis des großen, alle sozialen Milieus, alle religiösen und politischen Konfessionen umfassenden Widerstandsnetzwerkes Rote Kapelle, in den weiten Kreis um den Offizier Harro Schulze-Boysen und den Ökonomen Arvid Harnack, um Hans und Hilde Coppi und Wilhelm Guddorf. Es gibt sogar eine Bibliothek in Berlin-Mitte, in der Brunnenstraße, im alten DDR-Berlin, die seit 1951 nach Schaeffer benannt ist. Hier arbeitete er von 1925 an als Bibliothekar.

Anzeige

Wer mehr wissen möchte, der stößt bald auf ein Alumni-Netzwerk der Sinologie in Heidelberg. Wir erfahren: Dort am Neckar wohnte der Orientalist Schaeffer. Er war vermutlich der erste Doktorand des Sinologischen Instituts, Autor einer Arbeit über das Werk Yuktisastika des indischen Mönchs Nagarjuna (2. bis 3. Jahrhundert), über die siebzig Sätze des Negativismus, das der Buddhismus-Experte Schaeffer selbst ins Deutsche übersetzte. Denn dieser Gelehrte konnte Chinesisch und Tibetisch.

Wir erfahren weiter: Der Protestant und gebürtige Königsberger war der Sohn eines preußischen Offiziers und einer Kaufmannstochter. 1913 begann er mit dem Studium der Sinologie in St. Petersburg. Bei Ausbruch des Krieges wurden er und sein Vater als feindliche Ausländer nach Archangelsk verbannt, nach dem Krieg war er Freikorpskämpfer im Baltikum. Schaeffer heiratete eine russische Lehrerin, zog Anfang der zwanziger Jahre mit Frau und Kindern nach Heidelberg. Dort setzte er sein Studium fort.

Er lernt Netty Reiling kennen, die Tochter einer jüdischen Kunsthändlerfamilie aus Mainz – Netty Reiling wird Schriftstellerin und unter dem Namen Anna Seghers weltberühmt. Seine Promotion ist 1923 fertig, die ihre 1924. Schaeffer arbeitet an einem chinesischen Wörterbuch, er zieht nach Berlin, Scheidung, er wird Bibliothekar, tritt 1928 der KPD bei, heiratet wieder, wird 1935 wegen der Herstellung illegaler Schriften verhaftet und für fünf Jahre ins Zuchthaus Luckau geworfen. Nach der Entlassung nimmt er Verbindung zur Gruppe um Harro Schulze-Boysen auf. 1942 erneute Verhaftung, 1943 Ermordung in Plötzensee.

Die Vita, die Lebensdaten. Das lebendige Bild eines Menschen entsteht so noch nicht. War er musisch? Warum hat er sich von seiner russischen Frau scheiden lassen? Was wurde aus den Töchtern? Wie erklären sich die Brüche in seinem Leben? Warum wurde er, der Buddhismus-Experte, Kommunist?

In der Geschichte des Widerstands stößt man auf Geschichten, die mehr erzählen. Eine Schlüsselgeschichte zu Philipp Schaeffer geht so: Anfang der vierziger Jahre lernt er in Berlin Elisabeth Schumacher kennen, Tochter einer jüdischen Bankiersfamilie aus Frankfurt und Ehefrau des Bildhauers Kurt Schumacher. Am Ostertag 1942 bittet sie Schaeffer sehr dringend um Hilfe. Es geht um das Leben ihres Onkels und ihrer Tante. Das jüdische Ehepaar hat in der Wohnung das Gas aufgedreht, um zu sterben. Schaeffer kommt sofort. Doch der Hausmeister verweigert ihm und der Nichte den Zugang zur Wohnung. Kurz entschlossen seilt sich der 48-jährige Schaeffer an der Wand des Hauses ab, um von außen zum Fenster im dritten Stock zu gelangen. Doch er stürzt ab, verletzt sich schwer. Das Ehepaar ist nicht mehr zu retten.

Monate verbringt Schaeffer im Krankenhaus, bis die Gestapo ihn am 2. Oktober 1942 verhaftet. Seine Verbindungen zur Roten Kapelle sind entdeckt worden. Mühsam an Krücken stehend, so berichtet es der Schriftsteller Günther Weisenborn, habe er vor Gericht gesagt: "Meine Herren, ich bin kein Handlanger der Polizei." Im Februar 1943 wird Schaeffer zum Tode verurteilt, "Hochverrat".

Und da gibt es die Erinnerungen von Netty Reiling an ihren Studienfreund, aufgeschrieben 1975, zu einer Zeit, als sie längst nur noch Anna Seghers war. Plötzlich hat man das lebendige Bild eines ewig hungrigen jungen Intellektuellen in Heidelberg vor Augen, der sich im Steinbruch die Hände wund arbeitet, um sich das Studium zu verdienen, und froh ist, wenn er sich bei Familie Reiling in Mainz satt essen kann. Seine eigene Familie schickte ihm kein Geld, sie hatte keins mehr.

"Er war immer gleichmütig, gutgestimmt", schreibt Seghers. Sie vertiefen sich ins Denken Laotses. Einmal hört sie Geräusche in ihrem Zimmer, da kommt er mit einem Revolver, aber es sind nur die Mäuse. "Also, dann kein Revolver", sagt er, "sondern Kamille und Sägespäne in jedes Mauseloch. Das hassen die Mäuse."

Etliche Jahre später erreichte Seghers im Exil in Mexiko ein Brief des Zuchthauspfarrers in Luckau, der Häftling Schaeffer bitte sie um ein chinesisches Wörterbuch. Das war das Letzte, was sie von Philipp Schaeffer hörte.

Leserkommentare
  1. Ein wunderbarer Artikel!
    Vielen Dank!

    13 Leserempfehlungen
  2. 2 Leserempfehlungen
  3. Was eine einfache Bronzetafel, an der man hundertmal achtlos vorbeigeht, doch alles verraten kann. Einmal stehen bleiben, und es eröffnen sich tiefe Einblicke. Den Mut und die Gelassenheit eines Philipp Schaeffer kann man nur bewundern. Selbst einen Schwerverletzten, der sich nur noch mithilfe von Krücken fortbewegen konnte, brachten diese Schergen des NS-Regimes um. Der Artikel ruft dazu auf, weniger zu hasten und auch - zum Beispiel - über die Stolpersteine nicht mehr so gedankenlkos drüberzueilen.

    5 Leserempfehlungen
  4. Eine anrührende Geschichte. Einer von vielen, die von einem allmächtigen und sich über jede Moral und das natürliche Sittengesetz erhebenden Staat AUSGETILGT wurden, bei dem man sich fragen muss, welchen höheren Sinn dieses sinnlose Opfer gehabt haben mag.

    Hierbei gilt: das Böse ist stets sinnlos - es will recht haben und ausmerzen, was dem bösen Trieb zuwiderläuft.

    Der Buddhismus stellt die Theodizeefrage nicht, und so würde mich interessieren, wie der gläubige Buddhist dieses Schicksal deuten würde.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FPopp
    • 20. Mai 2013 12:42 Uhr

    "Der Buddhismus stellt die Theodizeefrage nicht, und so würde mich interessieren, wie der gläubige Buddhist dieses Schicksal deuten würde."

    Ein Buddhist "glaubt" nicht, er wird vielmehr "bewusst" (wenn er Glück hat und es richtig anstellt). Immerhin ist Buddhismus auch keine "Religion" im landläufigen Sinne: kein Gott. Warum also sollte ein Buddhist "glauben" (d.h., überspitzt formuliert, einer durch nichts (als den Glauben) belegten "Wahnidee" anhängen)?

  5. Dass es die Bronzetafel gibt,
    dass es jemanden gibt, der davor stehenbleibt,
    dass dieses Leben vor dem Vergessen bewahrt wird,
    ist schon für sich ein kleines Wunder.

    Danke!

    2 Leserempfehlungen
  6. Ein mutiger und aufrechter Mann.
    Diese Menschen und ihr Schicksal dürfen nicht vergessen werden.

    Eine Leserempfehlung
    • FPopp
    • 20. Mai 2013 12:42 Uhr

    "Der Buddhismus stellt die Theodizeefrage nicht, und so würde mich interessieren, wie der gläubige Buddhist dieses Schicksal deuten würde."

    Ein Buddhist "glaubt" nicht, er wird vielmehr "bewusst" (wenn er Glück hat und es richtig anstellt). Immerhin ist Buddhismus auch keine "Religion" im landläufigen Sinne: kein Gott. Warum also sollte ein Buddhist "glauben" (d.h., überspitzt formuliert, einer durch nichts (als den Glauben) belegten "Wahnidee" anhängen)?

    2 Leserempfehlungen
  7. "Ein Buddhist "glaubt" nicht, er wird vielmehr "bewusst" (wenn er Glück hat und es richtig anstellt). Immerhin ist Buddhismus auch keine "Religion" im landläufigen Sinne: kein Gott. Warum also sollte ein Buddhist "glauben" (d.h., überspitzt formuliert, einer durch nichts (als den Glauben) belegten "Wahnidee" anhängen)?"

    Das würde bedeuten, dass man als Buddhist auch immer dort eingreift, wo Hilfe gebraucht wird, da man keinen Dogmen hinterherläuft. Find ich gut.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte DDR | Gestapo | Berlin | Heidelberg
Service