Ulf Poschardt"Ästhetik der Provokation"

Publizist Ulf Poschardt über den großen Erfolg von Depeche Mode ausgerechnet in der DDR – und darüber, was der Osten seit 1989 zur Popkultur beiträgt von 

DIE ZEIT: Herr Poschardt, Depeche Mode hatte unglaublich treue Fans in der DDR – was mögen Sie, der Sie aus dem Westen stammen, an der Band?

Ulf Poschardt: Mich reizt die kühle Ästhetik; das Synthetische dieser Band. Mir ist das sympathischer als das Rockige, Erdige, Rolling-Stones-hafte. Die Lust auf solche Musik begann für mich mit Kraftwerk, die ja so etwas wie Vorläufer von Depeche Mode waren. Die mochte ich sehr früh, da war ich gerade mal neun Jahre alt.

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ZEIT: Sie haben schon als Neunjähriger Kraftwerk gehört?

Poschardt: Oh ja. Ich hatte einen Hippie-Onkel, der mir eine Kassette mit Liedern von denen aufnahm. Ich fand das sofort interessant – als abstrakte Musik. Dann steigerte ich mich da rein. Jungs haben ja einen Hang zum Nerdigen. Wenn die etwas interessiert, geht es sofort richtig los.

ZEIT: Bleibt Depeche Mode ewig?

Poschardt: Mir fehlt die Gabe zur Zukunftsvorhersage. Diedrich Diederichsen hatte 1981 erklärt, dass es diese Band nicht mehr lange geben würde. Das war offensichtlich falsch. Nur konnte sich damals der rockistische Underground-Theoretiker nicht vorstellen, dass diese kleinen elektronischen Balladen weltweit auf gierige Ohren stoßen sollten. Die Musik von Martin Gore und Dave Gahan aber wurde von Platte zu Platte schärfer, schmissiger und feinsinniger zugleich. Mit der LP Violator erreichte die Band ein frühes Hochplateau ihrer Songwriting-Kunst und blieb dem bis auf einige rockistische Ausflüge treu.

ZEIT: Die Band hatte in der DDR unglaublich treue Fans. Wie erklären Sie sich das?

Poschardt: Keine Ahnung. Die Erzählungen über die Liebe zur westlichen Popkultur, die ich kenne, sind motiviert von Neugier auf Dinge, die von Staats wegen verboten oder unterdrückt waren. Das machte Popmusik zu etwas noch Besondererem, als sie dies im freiheitsverwöhnten Westen war. Die kulturellen Umbrüche des Westens wurden in der DDR genau registriert; und damit eben auch die Abkehr vom Diktat der Gitarre. Einige behaupten, dass die futuristisch-kühle Depeche-Mode-Musik nur zu gut zur Industrieruinen-Ästhetik der DDR passte. Zudem gab es das, was Depeche Mode machte, im Osten selbst gar nicht. So was lieferten die Bands wie Silly oder die Puhdys nicht.

ZEIT: Wer in den Achtzigern im Osten Depeche Mode hörte, sehnte sich nach Freiheit?

Poschardt: Die Sehnsucht nach Freiheit war wohl bei jungen, auch unpolitischen Menschen, eine ganz generelle und fundamentale. Die Leute wollten ein selbstbestimmtes Leben führen und weder vom Staat noch von den Eltern erzählt bekommen, was sie zu tun oder zu hören hatten. Depeche Mode zu hören konnte auch ein Bekenntnis sein zum Westen und zu dessen Fortschrittserzählungen.

ZEIT: Man könnte ja folgern: Depeche Mode hat mit dem Mauerfall für die Ostdeutschen an Reiz verloren.

Poschardt: Das ist mir ein bisschen zu ironisch. Wenn ich mit Kollegen hier in der Redaktion spreche und die erzählen, was das Bruce-Springsteen-Konzert 1988 für die Ostberliner bedeutet hat, da fehlt mir jede ironische Neigung, dies zu interpretieren. Die haben Platten von Springsteen wie Depeche Mode aus Polen oder Bulgarien organisiert; haben statt 16 Mark bis zu 200 Mark für eine LP bezahlt – obwohl das für einen Berufsanfänger ein Drittel des Monatsgehalts war. Wenn ich solche Geschichten höre, kann ich nur erahnen, welche Bedeutung westliche Popkultur für sie hatte. Richtig verstehen kann das wohl nur, wer in der Diktatur groß geworden ist.

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