DIE ZEIT: Herr Nida-Rümelin, es mangelt im deutschen Bildungswesen nicht an Reformen: Studiengänge und Hochschulabschlüsse wurden internationalen Standards angepasst, die Gymnasialzeit wurde verkürzt. Trotzdem meinen Sie, der Bildungspolitik fehle die kulturelle Leitidee. Wie kommen Sie darauf?

Julian Nida-Rümelin: Welche kulturellen Leitideen können Sie denn erkennen, "employability"? Die Berufsfähigkeit ist zweifellos wichtig, ersetzt aber nicht die inhaltliche Klärung, um was es uns im Bildungswesen eigentlich geht. Es gab einmal einen machtvollen Bildungsexport aus Deutschland, der mit dem Namen Wilhelm von Humboldt verbunden ist und an dem sich noch heute amerikanische Spitzenuniversitäten orientieren, nur bei uns will davon kaum noch jemand etwas wissen. Der permanente Import von Reformideen ist ein Zeichen von mangelndem Selbstbewusstsein.

ZEIT: Wo soll das Selbstbewusstsein auch herkommen? Den deutschen Universitäten wurde lange vorgeworfen, die Studienzeiten seien zu lang, die Abbrecherquoten zu hoch. Reformen waren überfällig.

Nida-Rümelin: Ich vermisse aber eine Reflektion darüber, was uns wichtig ist, was wir für bewahrenswert halten. Bislang gab es in Europa eine große Vielfalt der Bildungstraditionen. Jetzt sprechen alle nur noch vom globalen Markt, von vergleichbaren Abschlüssen, genormten Bewertungssystemen. Ein Diplom in Physik oder in den Ingenieurwissenschaften – das klang im Ausland vielleicht merkwürdig. Aber es gab nie ein Akzeptanzproblem. Weil es sich herumgesprochen hatte, dass die deutschen Abschlüsse sehr hochwertig waren. Deshalb bin ich auch skeptisch, ob wir diese Normierung weitertreiben sollten, die sich sehr stark an den USA orientiert.

ZEIT: Stattdessen, sagen Sie, sollten wir uns auf Humboldt besinnen. Aber taugen die Bildungskonzepte des frühen 19. Jahrhunderts wirklich als Lösung für das 21. Jahrhundert?

Nida-Rümelin: Ich beziehe mich unter anderem auf Humboldt, aber vor allem auf die zeitgenössische praktische Philosophie. Wenn man fragt, was die besonderen Leistungen Deutschlands sind, dann fallen den meisten Menschen heute Stichworte ein wie: Exportweltmeister, Fußball, Pünktlichkeit, Kraftfahrzeuge. Das Stichwort Bildung fällt nicht. Das ist merkwürdig, denn nichts hat so viel zum gesellschaftlichen, technischen und ökonomischen Fortschritt beigetragen wie die Bildungsoffensive des deutschen Humanismus. An amerikanischen Spitzenuniversitäten wird übrigens genau diese Tradition hochgehalten. Das ist doch ein Treppenwitz der Geschichte.

ZEIT: Mangelt es dem deutschen Bildungswesen wirklich an Idealen – oder setzt man auf die falschen Wege, um etwas Richtiges zu erreichen?

Nida-Rümelin: Wir waren in den vergangenen Jahren in der Tat auf einem falschen Weg, weil wir das Bildungswesen in Richtung Beschleunigung und Verdichtung umgebaut haben. Besonders bizarr ist das dort, wo von G9 auf G8 umgestellt wird. Ich kenne Griechischlehrer, die beklagen, dass sie keine Zeit mehr für die Lektüre philosophischer Texte haben. Sie müssen sich auf die Grammatik beschränken. Da kann ich nur sagen: Dann kann man es auch gleich bleiben lassen! Warum sollten Jugendliche griechische Grammatik lernen, wenn sie dann nicht einmal Zeit haben, sich mit der Philosophie Platons auseinanderzusetzen?

ZEIT: Altgriechisch für alle – das allein kann aber doch nicht das Erfolgsrezept der Humboldtschen Bildungsoffensive gewesen sein?

Nida-Rümelin: 1810 gab es drei akademische Berufe, Mediziner, Juristen, Theologen, ansonsten Bauern und Handwerker. In der Zeit kamen die Humanisten, lösten die Bildung aus der unmittelbaren "Verzwecklichung" und legten damit den Grundstein für eine unglaubliche Wissens- und Kulturdynamik. Jetzt, 200 Jahre später, haben wir theoretisch die idealen Bedingungen für dieses humanistische Bildungsideal. Spezifische Studieninhalte und spätere Berufe sind weitgehend entkoppelt.