Bildungsideale : "Studenten wollen nicht abgerichtet werden"

Ein Gespräch mit dem Philosophen Julian Nida-Rümelin über die Folgen der Bologna-Reform und sein humanistisches Bildungsideal

DIE ZEIT: Herr Nida-Rümelin, es mangelt im deutschen Bildungswesen nicht an Reformen: Studiengänge und Hochschulabschlüsse wurden internationalen Standards angepasst, die Gymnasialzeit wurde verkürzt. Trotzdem meinen Sie, der Bildungspolitik fehle die kulturelle Leitidee. Wie kommen Sie darauf?

Julian Nida-Rümelin: Welche kulturellen Leitideen können Sie denn erkennen, "employability"? Die Berufsfähigkeit ist zweifellos wichtig, ersetzt aber nicht die inhaltliche Klärung, um was es uns im Bildungswesen eigentlich geht. Es gab einmal einen machtvollen Bildungsexport aus Deutschland, der mit dem Namen Wilhelm von Humboldt verbunden ist und an dem sich noch heute amerikanische Spitzenuniversitäten orientieren, nur bei uns will davon kaum noch jemand etwas wissen. Der permanente Import von Reformideen ist ein Zeichen von mangelndem Selbstbewusstsein.

ZEIT: Wo soll das Selbstbewusstsein auch herkommen? Den deutschen Universitäten wurde lange vorgeworfen, die Studienzeiten seien zu lang, die Abbrecherquoten zu hoch. Reformen waren überfällig.

Julian Nida-Rümelin

58, lehrt Philosophie an der Universität München. Von ihm ist das Buch "Philosophie einer humanen Bildung" erschienen (Körber).

Nida-Rümelin: Ich vermisse aber eine Reflektion darüber, was uns wichtig ist, was wir für bewahrenswert halten. Bislang gab es in Europa eine große Vielfalt der Bildungstraditionen. Jetzt sprechen alle nur noch vom globalen Markt, von vergleichbaren Abschlüssen, genormten Bewertungssystemen. Ein Diplom in Physik oder in den Ingenieurwissenschaften – das klang im Ausland vielleicht merkwürdig. Aber es gab nie ein Akzeptanzproblem. Weil es sich herumgesprochen hatte, dass die deutschen Abschlüsse sehr hochwertig waren. Deshalb bin ich auch skeptisch, ob wir diese Normierung weitertreiben sollten, die sich sehr stark an den USA orientiert.

ZEIT: Stattdessen, sagen Sie, sollten wir uns auf Humboldt besinnen. Aber taugen die Bildungskonzepte des frühen 19. Jahrhunderts wirklich als Lösung für das 21. Jahrhundert?

Nida-Rümelin: Ich beziehe mich unter anderem auf Humboldt, aber vor allem auf die zeitgenössische praktische Philosophie. Wenn man fragt, was die besonderen Leistungen Deutschlands sind, dann fallen den meisten Menschen heute Stichworte ein wie: Exportweltmeister, Fußball, Pünktlichkeit, Kraftfahrzeuge. Das Stichwort Bildung fällt nicht. Das ist merkwürdig, denn nichts hat so viel zum gesellschaftlichen, technischen und ökonomischen Fortschritt beigetragen wie die Bildungsoffensive des deutschen Humanismus. An amerikanischen Spitzenuniversitäten wird übrigens genau diese Tradition hochgehalten. Das ist doch ein Treppenwitz der Geschichte.

ZEIT: Mangelt es dem deutschen Bildungswesen wirklich an Idealen – oder setzt man auf die falschen Wege, um etwas Richtiges zu erreichen?

Nida-Rümelin: Wir waren in den vergangenen Jahren in der Tat auf einem falschen Weg, weil wir das Bildungswesen in Richtung Beschleunigung und Verdichtung umgebaut haben. Besonders bizarr ist das dort, wo von G9 auf G8 umgestellt wird. Ich kenne Griechischlehrer, die beklagen, dass sie keine Zeit mehr für die Lektüre philosophischer Texte haben. Sie müssen sich auf die Grammatik beschränken. Da kann ich nur sagen: Dann kann man es auch gleich bleiben lassen! Warum sollten Jugendliche griechische Grammatik lernen, wenn sie dann nicht einmal Zeit haben, sich mit der Philosophie Platons auseinanderzusetzen?

ZEIT: Altgriechisch für alle – das allein kann aber doch nicht das Erfolgsrezept der Humboldtschen Bildungsoffensive gewesen sein?

Nida-Rümelin: 1810 gab es drei akademische Berufe, Mediziner, Juristen, Theologen, ansonsten Bauern und Handwerker. In der Zeit kamen die Humanisten, lösten die Bildung aus der unmittelbaren "Verzwecklichung" und legten damit den Grundstein für eine unglaubliche Wissens- und Kulturdynamik. Jetzt, 200 Jahre später, haben wir theoretisch die idealen Bedingungen für dieses humanistische Bildungsideal. Spezifische Studieninhalte und spätere Berufe sind weitgehend entkoppelt.

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Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Wirtschaftliche Verwertbarkeit...

... ist ein Name, der viel kälter klingt als die Realität dahinter. Wirtschaft bringt die Technologie zu den Menschen, wirtschaftliche Verwertbarkeit ist damit eine der Hauptaufgaben jeder Forschung.

Da nur Technologien wirtschaftlich verwertet werden können, benötigen wissenschaftlich relevante Grundlagengebiete und Sozialwissenschaften natürlich Unsterstützung. Sozialwissenschaften schaffen die "gesellschaftliche Verwertbarkeit".

Wichtig ist für mich der Nachweis, dass die Forschung tatsächlich etwas "bringt". Die 136te Auslegung von Aristoteles bewerte ich sicher kritischer als die Entwicklung eines praxisrelevanten neuen Algorithmus zur Berechnung sozialer Modelle.

Demnach sollte sich jeder Studiengang fragen lassen:
Welchen Vorteil hat die Welt davon, dass es dich gibt?
Was würden wir verlieren, wenn wir dich nicht hätten?
Welche Unternehmen oder Institutionen kannst du unterstützen und wie?

Und die dritte Frage führt uns direkt auf die Drittmittelprojekte... wer also keine Drittmittelprojekte erreicht, den darf man berechtigterweise fragen, ob er für die Gesellschaft den Nutzen hat, den er verspricht.

Wirtschaftlicher Verwertbarkeit und gesellschaftliche Relevanz

sind zwei Paar Schuhe. Kommt darauf an, wie viel Geld der Forschung von wem zur Verfügung gestellt wird. Interessant, weil relativ gut einsehbar, ist bspw. die Finanzierung der Forschung im Bereich der Veterinärmedizin. Da wird extrem viel durch die großen Futtermittelhersteller (die ja auch Spezialnahrung für diverse Krankheiten produzieren) finanziert. Hier ist die Frage, ob nicht handfeste wirtschaftliche Interessen dahinterstehen, bestimmte Ergebnisse nicht erwünscht sind, die das eigene Produkt bestätigen. Studenten - später Tierärzte - lernen, dass das und das Futter zur adäquaten Behandlung dazu gehört, in vielen Studien bewiesen. Und werden das Produkt x daher empfehlen und verkaufen. In Sachen Marketing / wirtschaftlicher Verwertbarkeit eine Note 1, hinsichtlich der tatsächlichen wissenschaftlichen Brauchbarkeit dagegen bleiben mir Zweifel. Und wie sieht das in anderen, weniger gut einsehbaren Bereichen aus? Die Pharmaindustrie ist definitiv ein kritischer Bereich. Der Einsatz von Technologien hinsichtlich der Umweltverträglichkeit ebenfalls. Hier möchte ich keine Studien, deren Auftrag- und Geldgeber wirtschaftliche Interessen haben. Aber genau diese sind die, die so etwas überhaupt finanzieren, über diverse Stiftungen.

Des Pudels Kern erwischt!

Sie haben genau des Pudels Kern erwischt! Ich selbst gehöre zu den Bildungsaufsteigern, die Deutschland über die damaligen Ingenieurschulen in beispielhafter Weise geboten hat!
Man hatte vorher schon eine Berufsausbildung und ging demgemäß mit kritischer Distanz auf manschen Lehrstoff zu! Man merkte sehr schnell, wenn ein Dozent der Praxis 20 Jahre hinterher hing! Man sorgte selbst für seine Empoyability in dem man die Studeinarbeiten entsprechend auswählte! Ich kann mich nicht daran erinnern , dressiert worden zu sein
Aber wir waren alle nach drei intensiveren Jahren ohne Party sofort einsatzbereit. Mit anderen Worten werteschaffend und steuerzahlend! Das ging auch gar nicht anders, weil es ein BAFÖG nicht gab! Nach drei Jahren waren eben Löcher in den Unterhosen!
Die Bildung am Rand habe ich mir nach dem Studium angelesen. Das schlimmste ist, wenn man dann nach einem langen Arbeitsleben als Gasthörer (zahlend) an einer UNI das nachholen möchte, was Prof. Nida-Rühmelin als so wesentlich bezeichnet, das dann darüber von den lieben Kleinen auch die Nase gerümpft wird. Wir Alten sitzen übrigens in Vorlesungen, dessen Inhalte auf dem Arbeitsmarkt nun gar nicht verwendbar sind.
Und was die vielen Bachelor-Kids anbetrifft: die wollen gar nicht verstehen, sondern im besten Fall für die Klausur auswendig lernen! Es geht nur um Noten! Rechts und links ist gar nichts! Und die Hälfte von denen ist auf einem Niveau, das unter dem früherer Höherer Handelsschüler liegt! Google hilft!

Leistung

Als Ingenieur Sage ich ganz einfach: Leistung = Arbeit/Zeiteinheit
Als wirtschaftender Mensch sollte es heißen: Menge der tauschbaren Güter oder Dienstleistungen pro Zeiteinheit.
Die Tauschbarkeit wird durch die (nicht künstlich administrierte) Nachfrage bestimmt!
Wer etwas herstellt, dass Menschen nicht (gegen Geld) tauschen wollen, der übt sein Hobby aus![...]
O.K.?

Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls