MarketingMit Hightech auf Kundenfang

Smartphones wandeln sich zu nützlichen Shopping-Assistenten – und zu indiskreten Plaudertaschen. Wo bleibt der Datenschutz? von 

Wie praktisch: Gerade haben Sie Ihrem Freund per SMS Ihr Leid geklagt. Sie sind erkältet. Und noch auf dem Weg nach Hause erreicht Sie das Sonderangebot einer nahegelegen Apotheke. Sie bietet preiswerte Grippemittel an. Kurz darauf, auf dem Sofa und während des Chats mit einer Freundin über den verpassten Friseurtermin, erscheint eine weitere Nachricht auf dem Display: Im gerade eröffneten Salon um die Ecke warten nette Damen auf Sie, um Ihre Haare zu stylen. Für die Hälfte des sonst üblichen Preises – aber nur, wenn Sie in den nächsten zwei Stunden vorbeischauen.

Zugegeben, ganz so komfortabel geht es derzeit noch nicht zu. Aber Experten arbeiten daran. Mehr und mehr bekommen Verbraucher die volle Innovationskraft von Händlern und Dienstleistern zu spüren. Und das heißt: Sie werden höchst persönlich beworben, individuell informiert – und womöglich ausspioniert. Wie das geht? Tabletcomputer und Smartphones wandeln sich zu vielseitigen Shopping-Agenten. Aber Vorsicht: Man sollte ihnen nicht blind vertrauen, denn mal sind sie nützliche Helfer, mal indiskrete Plaudertaschen, die mehr über ihren Besitzer verraten, als er ahnt.

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Die Geräte werden künftig die Hauptrolle in der Kommunikation zwischen Unternehmen und Verbrauchern spielen, mitsamt den kleinen Softwareprogrammen, kurz Apps genannt, die sich zunächst als harmlose Moderatoren präsentieren. "Für Genießer" preist zum Beispiel Deutschlands größter Händler Edeka seine App an. Wer sich die Software auf sein Handy lädt, wird stets über aktuelle Angebote informiert, hat Zugriff auf 1.400 Rezeptideen und manches mehr. Der Clou ist Mobile Couponing. Das bieten die Edeka-Märkte im Südwesten des Landes neuerdings an. Registrierte Kunden erhalten Gutscheine, die sie beim Kauf bestimmter Produkte in einer Filiale via Handy an der Kasse einlösen können.

Mobile Couponing ist die digitale Art der Schnäppchenjagd und laut T-Systems, einer Tochter der Telekom, ein "Mega-Trend im mobilen Marketing". Die Gutscheine würden nicht wie bei klassischen Papiercoupons beliebig gestreut, sondern sie ließen sich ganz gezielt an spezielle Kundschaft bringen: je nach Aufenthaltsort, nach Tageszeit und ganz auf das Profil des einzelnen Kunden zugeschnitten.

Deutschlands Kaufleute müssen sich etwas einfallen lassen. Denn die Umsätze im Einzelhandel stagnieren seit Jahren. Zudem haben die Onlinehändler einen brutalen Preiskampf angezettelt. Die Chancen, mit neuen Ideen Kunden anzulocken, stehen so gut wie lange nicht. Rund 21 Millionen Deutsche nutzen bereits Apps auf ihren mobilen Endgeräten. Und es ist genau jene attraktive Zielgruppe, auf die es die Werbetreibenden abgesehen haben: Mehr als zwei Drittel der mobilen Nutzer sind in der begehrten Altersklasse zwischen 20 und 49 Jahren. Etwa 40 Prozent haben Hochschulreife, und jeder Dritte verfügt über ein monatliches Haushaltseinkommen von 3.000 Euro netto und mehr.

Gerade hat ECE, einer der größten Ladenvermieter in Europa, zwei seiner Einkaufszentren zu Future Labs erklärt: Eines davon ist das Alstertal Einkaufs-Zentrum in Hamburg. Getestet werden dort verschiedene Techniken: Wer sich zum Beispiel eine spezielle App auf seinem Smartphone installiert, bekommt automatisch die Sonderangebote der nächstgelegenen Läden geschickt, sobald er das Einkaufszentrum betritt. Er kann auch Punkte sammeln und von Gutscheinen profitieren. Je mehr er über sich verrät, umso passgenauer fallen die Angebote aus.

Selbst harmlose Details offenbaren mehr, als man sich vorstellen kann

Europas größter Schuhhändler, Deichmann, probierte bereits das sogenannte Poster-Shopping via QR-Codes aus. Das sind jene kleinen schwarz-weißen quadratischen Zeichen, wie sie auf Plakaten oder auf Produkten prangen. Im März dieses Jahres platzierte Deichmann zusammen mit dem Bezahldienst PayPal in Bremen einige Hundert City-Light-Poster an Haltestellen oder anderen belebten Plätzen – und präsentierte darauf ausgewähltes Schuhwerk. Während der Bus auf sich warten ließ, konnte man also via QR-Code und Smartphone auf Shopping-Tour gehen. Inzwischen ist der Test beendet. Die Aktion sei gut angekommen, verlautet es aus dem Unternehmen. Wie viel Umsatz sie gebracht hat, darüber gibt Deichmann keine Auskunft.

Der Sportartikelhersteller adidas will mit noch mehr Hightech seine Kundschaft faszinieren. In den zehn neuen NEO Läden in Deutschland ermöglicht es ein spezieller Spiegel, der sogenannte Social Mirror, Fotos von sich zu schießen und diese direkt auf Facebook oder Twitter hochzuladen. Freunde können das neue Outfit dann im Internet kommentieren.

Leserkommentare
    • edgar
    • 08. Mai 2013 21:56 Uhr

    Wenn in der Metro ein paar Videokameras mehr aufgestellt werden, um brutale Schläger identifizieren zu können (wie ähnlich auch in Boston geschehen), bricht Hysterie aus.

    Um ein paar Cent hier und dort zu sparen, lässt sich Michel gerne überwachen - ist ja für einen guten Zweck, nämlich für unser Portemonnaie.

    Jetzt könnte man sagen: " das sind doch nicht die selben Leute, die das sagen".
    Natürlich nicht immer, aber auch.

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    er/sie wird sich in diesem Fall sogar gerne ausspionieren lassen.

    Die Benutzer dieser Apps werden sich sogar freuen, wenn sie im Urlaub beim ersten Besuch in einem Restaurant von der Bedienung nicht nur mit Ihrem Namen begrüßt werden, sondern sogar direkt zu dem von ihnen gewünschten Tisch begleitet werden, ohne vorher sagen zu müssen, dass sie am liebsten am Fenster sitzen. Und wenn ihnen danach direkt ihre Lieblingsgetränke serviert werden und direkt im Anschluß das Schnitzel Wiener Art mit Pommes und Ketchup kommt, werden ihnen wahrscheinlich vor Rührung die Tränen kommen. Der Rechnungsbetrag braucht dann beim Verlassen des Restaurants nur noch per NFC abgebucht zu werden. Schnäppchenjägerherz was willst du mehr.

    Wenn Sie oder ich, das gleiche Restaurant betreten, werden wahrscheinlich alle Tische reserviert sein, weil es dort keine Geräte oder Schreibblocks zum Aufnehmen der Bestellung mehr gibt.

    "Um ein paar Cent hier und dort zu sparen, lässt sich Michel gerne überwachen "
    ---------------------------
    Stimmt nicht, das tun nur die Dummen!

  1. er/sie wird sich in diesem Fall sogar gerne ausspionieren lassen.

    Die Benutzer dieser Apps werden sich sogar freuen, wenn sie im Urlaub beim ersten Besuch in einem Restaurant von der Bedienung nicht nur mit Ihrem Namen begrüßt werden, sondern sogar direkt zu dem von ihnen gewünschten Tisch begleitet werden, ohne vorher sagen zu müssen, dass sie am liebsten am Fenster sitzen. Und wenn ihnen danach direkt ihre Lieblingsgetränke serviert werden und direkt im Anschluß das Schnitzel Wiener Art mit Pommes und Ketchup kommt, werden ihnen wahrscheinlich vor Rührung die Tränen kommen. Der Rechnungsbetrag braucht dann beim Verlassen des Restaurants nur noch per NFC abgebucht zu werden. Schnäppchenjägerherz was willst du mehr.

    Wenn Sie oder ich, das gleiche Restaurant betreten, werden wahrscheinlich alle Tische reserviert sein, weil es dort keine Geräte oder Schreibblocks zum Aufnehmen der Bestellung mehr gibt.

    Antwort auf "Schizophrenie !"
  2. ...bedingt zwangsläufig den Rückbau des überbordenden Datenschutzes.

    Und nur vollkommene Transparenz wird eine friedliche Gesellschaft in Zukunft ermöglichen.

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    da aber Manche gleicher als Andere sind ,wird es wohl ein schöner Traum bleiben
    für die die davon profitieren,das Trinkgeld was in dem Fall die Banken kassieren z.B.

    • vyras
    • 09. Mai 2013 15:47 Uhr

    ... missverständlich, aber ich befürchte, Sie meinen das tatsächlich ernst. Das was Sie unter "Transparenz" verkaufen wollen, ist tatsächlich eine totalitäre Kontrollvision. Nun ja, manche mögen das eben.

  3. wie kann man eigentlich freiwillig auf die Idee kommen, sich über so eine App zusätzlichen Werbemüll aufladen zu lassen? Denn was anderes sind diese 'wertvollen' Informationen doch nicht. Das merkt man ja alleine aus den krampfhaften Beispielversuchen in ersten Abschnitt des Artikels.

    Wer also meint, derlei Reklame sei für ihn so wichtig, der soll dann auch ruhig unter die Datenräder kommen - in dem Fall: Recht so - selber schuld.

    Eine Leserempfehlung
  4. da aber Manche gleicher als Andere sind ,wird es wohl ein schöner Traum bleiben
    für die die davon profitieren,das Trinkgeld was in dem Fall die Banken kassieren z.B.

    • vyras
    • 09. Mai 2013 15:41 Uhr

    "... Smartphones, aus Video-oder der Kommunikationsüberwachung zusammengeführt, so kann daraus ein für unsere Demokratie gefährliches informationelles Ungleichgewicht entstehen.""

    Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Leider sind die Datenschützer nur mit zahnlosen Kompetenzen ausgestattet, und können nicht mehr tun als mahnen. Die "große" Politik pflegt sie als Feigenblatt, in der Praxis haben sie von dort wenig bis keine Unterstützung zu erwarten.

    Deutsche Bundesminister fliegen anstatt dessen in die USA, machen Konzernen wie z.B. Google ihre Aufwartung und präsentieren danach stolz "freiwillige Selbstverpflichtungen", die dort lediglich für Heiterkeit sorgen, wenn die Kameras aus sind.

    In wessen Interesse ist das, dass die Bürger gläsern werden, noch mehr als heute, dass ihnen Bedürfnisse suggeriert werden, die sie gerade eben noch gar nicht hatten, sie zu willigen Konsumschafen werden? Meiner Ansicht nach nicht im Interesse der Menschen, und auch nicht im Interesse der Demokratie, die Mündigkeit erfordert.

    2 Leserempfehlungen
    • vyras
    • 09. Mai 2013 15:47 Uhr

    ... missverständlich, aber ich befürchte, Sie meinen das tatsächlich ernst. Das was Sie unter "Transparenz" verkaufen wollen, ist tatsächlich eine totalitäre Kontrollvision. Nun ja, manche mögen das eben.

    Eine Leserempfehlung
  5. "Um ein paar Cent hier und dort zu sparen, lässt sich Michel gerne überwachen "
    ---------------------------
    Stimmt nicht, das tun nur die Dummen!

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schizophrenie !"

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