Als nur einige Wochen nach dem Regierungswechsel 2005 bekannt wurde, dass Gerhard Schröder einen Posten bei der NEGP Company, heute Nord Stream AG, antreten würde, wirkte das schon etwas irritierend. Hatte Schröder doch als Bundeskanzler ein sehr gutes Verhältnis zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin gepflegt. Dem vom russischen Staat gelenkten Unternehmen Gazprom wiederum gehörte ein Teil der NEGP Company. Doch auch wenn das ein besonders auffälliges Beispiel für den Wechsel von der Politik in die Wirtschaft ist – ein einmaliges ist es nicht. Und gerade Politiker der SPD und der Schröder-Regierung scheint Russland wirtschaftlich anzuziehen. Dabei bieten ihnen verschiedene Unternehmen die Möglichkeit, zur Pflege der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen beizutragen. Ein Überblick.

Energy Consulting

Laut vielen Rankings zählt Energy Consulting zu den größten Beratungsfirmen in Russland. Gemäß eigenen Angaben beschäftigt das Unternehmen über 700 Mitarbeiter und berät Firmen in der Öl- und Gasindustrie, dem sonstigen Energiesektor und der Bankenbranche. In fünf russischen Städten unterhält Energy Consulting Büros – und eines in Düsseldorf.

Da passt es gut, dass 2009 der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Clement, in den Aufsichtsrat gewählt wurde. Wie es auf der Internetseite der russischen Beratungsfirma heißt, reiste Clement, der während der Regierung Schröder noch SPD-Mitglied (inzwischen ist er aus Unzufriedenheit mit dem wirtschaftspolitischen Kurs seiner Partei ausgetreten) und "Superminister" für Wirtschaft und Arbeit war, im Jahr 2011 nach Sankt Petersburg. Vor der dortigen Industrie- und Handelskammer hielt er einen Vortrag, bei dem er für das Ruhrgebiet warb und Modernisierungsprogramme der russischen Regierung lobte.

South Stream Transport AG

Nicht nur Gerhard Schröder sucht die Nähe zum russischen Präsidenten Putin. Auch Henning Voscherau, ehemaliger Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg (SPD), pflegt seine Beziehungen zum Kreml-Chef. Zuletzt zeigte sich das beim ersten Spatenstich zur South-Stream-Pipeline von Russland nach Italien und Österreich, wo Putin viele Hände schüttelte und Voscherau um den Hals fiel. Auf Wunsch von Gazprom wurde Voscherau kurz vorher zum Aufsichtsratsvorsitzenden der South Stream Transport AG gewählt, einem internationalen Joint Venture, an dem mehrheitlich Gazprom, aber auch die deutsche BASF-Tochter Wintershall beteiligt sind. Voscherau kennt Putin noch aus seiner Zeit als hamburgischer Regierungschef. Damals war Putin Vizebürgermeister von Sankt Petersburg, Hamburgs Partnerstadt.

Nord Stream AG

Über die Nord-Stream-Pipeline liefert Russland sein Gas durch die Ostsee nach Deutschland. Betrieben wird die Pipeline von der Nord Stream AG, die 2005 unter dem Namen NEGP Company gegründet wurde. Heute ist sie eine gemeinsame Tochter der russischen Erdgasgesellschaft Gazprom, der deutschen BASF-Tochter Wintershall, der E.on Ruhrgas AG, des französischen Konzerns GDF SUEZ und des niederländischen Energieunternehmens Gasunie. Vorsitzender der Nord Stream AG ist seit Ende März 2006 der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). 2011 schätzte das manager magazin seine Vergütung auf 250000 Euro jährlich.

Von 2006 bis 2009 war Eggert Voscherau Mitglied des Aufsichtsrates der Nord Stream AG, heute bekleidet er den Vorsitz des BASF-Aufsichtsrates. In der Schröder-Regierung war Voscherau Mitglied in den Hartz- und Rürup-Kommissionen; er ist der Bruder von Henning Voscherau. BASF und Gazprom arbeiteten über die gemeinsame Tochter WINGAS Holding GmbH zusammen. Ende 2012 vereinbarten die Konzerne, Unternehmensanteile auszutauschen. Eggert Voscheraus Arbeit für BASF wurde 2012 mit insgesamt knapp einer halben Million Euro vergütet.

Wegweiser Unternehmensgruppe

Zur Wegweiser Unternehmensgruppe gehören zwei Gesellschaften. Die Wegweiser GmbH Berlin Research & Strategy ist eine Forschungseinrichtung, die unter anderem Märkte analysiert, während die Wegweiser Media & Conferences GmbH Berlin wie eine PR-Agentur arbeitet, die Kongresse und Seminare plant und mit Werbematerial versorgt. Die Gruppe richtet ihre Aufmerksamkeit auf Länder wie die Ukraine, China oder Russland.

So organisierte Wegweiser beispielsweise den Jahreskongress Russland 2012 – gemeinsam mit dem Verband der russischen Wirtschaft in Deutschland, dem auch die Gazprom Germania GmbH angehört. In den Beiräten beider Gesellschaften der Wegweiser Gruppe hat Klaus von Dohnanyi (SPD), auch er ein ehemaliger Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, den Vorsitz inne. Wie die Internetseite der Gruppe mitteilt, tritt der "Berater beim Aufbau Ost" auch bei Wegweiser-Veranstaltungen auf, etwa als Moderator beim Jahreskongress Russland 2012 oder beim Unternehmerkongress Deutschland-Russland 2013.