PilgernAuf der Bußspur

Bevor Ignatius von Loyola 1534 den Jesuitenorden gründete, pilgerte er vom Baskenland bis nach Katalonien. Nun kann man erstmals seiner historischen Wanderung folgen. von Ronald Reng

Das katalanischen Benediktinerkloster Montserrat

Das katalanischen Benediktinerkloster Montserrat  |  © Luis Davilla/Cover/Getty Images

Morgens um halb acht, während die Mönche im baskischen Bergkloster Arantzazu Gott auch für diesen neuen Tag danken, gehe ich über den Wolken. Nur ein paar Schafe auf den steilen Weiden drehen ihre Köpfe nach mir um, der Wind läuft spielerisch über das Gras, der Schäfer liegt mit weit geöffnetem Mund schlafend auf dem zurückgeklappten Fahrersitz seines zwanzig Jahre alten Seats. In wenigen Minuten habe ich genug an Höhe gewonnen, um über das in die Felsen geschlagene Kloster hinweg ins Tal zu schauen: Dort, tief unter mir, liegen die Wolken, als kuschelten sie sich in die Schluchten. Hier oben aber erstrahlt der Tag schon im klaren Licht des Südens, in der Luft liegt kein kalter Unterton mehr, und zum ersten Mal auf dem Pilgerweg des heiligen Ignatius von Loyola erscheint eines seiner Ideale über die Distanz von fast 500 Jahren brandaktuell: Die Schönheit des Lebens sei in den einfachen Dingen zu finden. In diesem Moment liegt sie ganz sicher im stillen Blick hinab über das Kloster Arantzazu auf die Wolken des frühen Morgens.

Im Jahr 1521 brach der 30-jährige Ritter Ignatius aus seiner Heimat Loyola in den baskischen Bergen auf, um fortan nicht mehr "den Eitelkeiten der Welt und den Dingen des Fleisches" hinterherzujagen, wie er das vor 500 Jahren ausdrückte, sondern zu Gott zu finden. Er legte mehr als 600 Kilometer bis zum katalanischen Kloster Montserrat zurück und beendete seine Wanderung schließlich im nahe gelegenen Manresa. Erst im vergangenen Jahr wurde die einstige Route neu markiert, auf Initiative eines Jesuiten aus Barcelona.

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Ich war noch nie einen Pilgerweg entlanggelaufen, wusste aber um den Ruf: Ein Bekannter von mir hatte sein Leben geändert, nachdem er auf dem Jakobsweg in die eigene Seele geblickt hatte; kaum wieder zu Hause, verkaufte er sein Haus in London und zog in ein Dorf im Burgenland, um Lieder zu komponieren, die Titel tragen wie Ich weiß, wo ich hingehör’. Mit solchen Erfahrungen konfrontiert, bekam ich ein wenig Angst davor, mir den Ignatiusweg einmal anzusehen. Ich wollte ja gar nichts ändern! Ich war bloß neugierig auf das Gefühl, für ein paar Tage aus dem eigenen Leben zu verschwinden und nebenbei eine der reizvollsten Gegenden Europas zu durchqueren.

Der Holzboden knarrt, der Magen eines Gläubigen knurrt, ansonsten herrscht majestätische Ruhe vor der spärlich besuchten Frühmesse in der Basilika von Loyola. Sie wurde nach Ignatius’ Tod 1556 direkt über sein (noch immer erhaltenes) Wohnhaus gebaut, um ihm zu huldigen. Denn am Ende seines inneren Weges hatte der reuige Ritter die Jesuiten gegründet. Einen Orden, der gerade wieder neue Aufmerksamkeit erlangt hat: Im März wurde mit Franziskus erstmals ein Jesuit zum Papst gewählt.

Nach der Frühmesse schlägt Txema Vicente, der Ordensobere der Jesuiten von Loyola, die Hände über dem Kopf zusammen. Demonstrativ wiederholt er die Geste, die er im März zu Franziskus’ Ernennung vor dem Fernseher machte. "Ich dachte: Uiuiui!", sagt der stattliche Mittfünfziger, der unter den eigenen erhobenen Händen wie ein Kind aus den Augen schaut. Txema Vicente war sehr überrascht von der Wahl, zugleich stolz und doch auch etwas unsicher: Durfte das denn sein? Ignatius hatte den Jesuiten schließlich aufgetragen, nie nach Macht und Ämtern zu streben. Andererseits: Franziskus war zum Papst bestimmt worden. In diesem Fall, sagt Txema Vicente, wenn einem die Macht zufalle, dann solle man sich nicht als Mächtiger fühlen, sondern als oberster Diener der anderen. Zum Abschied hält er einen Moment meine Hand und erklärt: "Als Ignatius losging, wusste er nicht, was er wollte; er hatte bloß die Überzeugung, wenn er weiterginge, innerlich und äußerlich, würde er ankommen."

© ZEIT-Grafik

Am Fluss Urola entlang führt der Pilgerweg von Loyola hinweg durch das Tal. Am Wegesrand wechseln Wiesen voller Gänseblümchen mit Zuggleisen. In der ersten Kleinstadt, Azkoitia, stehen halbwüchsige Jungen auf einer mittelalterlichen Brücke und angeln im rauschenden Fluss. Die Berge der Izarraitz-Kette erheben sich über den Dächern jahrhundertealter Bürgerhäuser, vor den Tavernen an der Stadtpromenade sitzen unter gestutzten Bäumen Familien und Freunde und frönen einer spanischen Lieblingsbeschäftigung: beim Essen in ausschweifender Leidenschaft über das Essen zu reden. Ich kaufe eine Postkarte und Briefmarke, "para Europa", sage ich: für das europäische Ausland. "Existiert Europa noch?", fragt der Verkäufer, und schon sind wir in ein Gespräch verwickelt, unbeeindruckt davon, dass zwei Kunden hinter mir warten. Der eine schaltet sich dann einfach ein ins Gespräch, "Krise, Krise, Krise, hier wird nur noch über die Wirtschaftskrise geredet", klagt er und redet dann einfach mit über die Krise. Ich trotte nur widerstrebend aus dem Dorf heraus und wäre lieber noch länger dabei, wie hier Menschen aller Generationen ganz selbstverständlich miteinander reden, scherzen, streiten.

Nach gut 35 Kilometern wird der Weg steiler, aber der Mischwald strahlt weiterhin saftig grün, das baskische Mittelgebirge bleibt auch über 1000 Höhenmetern lieblich. Hinter der Baumgrenze fällt kurz der Schatten eines Raubvogels über mich, das Wasser einer Quelle ist so kalt, dass es in der Kehle schmerzt. Am Pass von Biozkornia lösen sich Steine im schmelzenden letzten Schnee. Eine Felslawine kommt mir entgegen. Für einen Moment blicke ich hinauf in riesige, wie Gummibälle hinabspringende Felsbrocken. Schnell jedoch erkenne ich, dass sie gut 30 Meter hinter mir den Weg passieren werden. Die Steine rollen ins Tal. Dann ist es wieder still, für Stunden.

Der jüngste der Mönche ist im Rentenalter

Am Bergkloster von Arantzazu, wo die Wolken ins Tal gewandert sind, bin ich einer von zwei Hotelgästen. Die Stühle im Speisesaal sind schon um 20.30 Uhr hochgestellt. Aitor, der gerade putzt, stellt sie mit freundlicher Selbstverständlichkeit von einem Tisch wieder herunter, als ich um ein Abendessen bitte. Ich halte ihn für den Kellner. Er ist aber der Kellner, Koch, Rezeptionist, Putzmann, Nachtportier, rein praktisch auch Hoteldirektor; der einzige anwesende Angestellte an diesem Abend. Er kommt aus einem baskischen Dorf am Meer, "aber du weißt ja, mit der Arbeit ist es schwierig", so wurde er der Mann, der alles macht, im Klosterhotel Arantzazu. Der nächste Ort liegt elf Kilometer entfernt im Tal. Um in seiner Freizeit etwas zu tun zu haben, hat Aitor vor Kurzem mit dem Bergwandern angefangen.

Das direkt an die Kirche gebaute Hotel gehört den Franziskanermönchen, die in Arantzazu leben. Längst wird es von einem Subunternehmen geführt, aber Antonio, der alte Franziskanermönch, den sie "den Blonden" rufen, obwohl seine Haare längst grau sind, kommt noch jeden Tag zu Aitor, zieht einen winzigen Notizblock aus der Kutte und fragt: "Wie viele Mittagessen hast du heute verkauft?" Konzentriert notiert Antonio die Zahl, nickt, "sehr gut", und kommt am nächsten Tag wieder. "Antonio es la leche", sagt Aitor, so wie das Spanier sagen: "Antonio ist die Milch." Ein super Kerl, bedeutet das. Die Franziskaner sind seit 1514 in Arantzazu, aber sie werden weniger, es leben nur noch 28, und der jüngste ist auch schon im Rentenalter.

Leserkommentare
  1. mir jedenfalls mehr Lust macht, das selbst zu erleben, als alles, was ich bislang über den Jakobsweg gehört habe. Sie skizzieren es ja selbst, was da abgeht. Nur muss man sich vermutlich beeilen, wenn man noch die Ruhe genießen will, oder die Etappen sehr sorgfältig auswählen...

  2. ...am liebsten möchte mach sich gleich auf den Weg machen. Er hat in mir das Interesse geweckt diesen Weg selbst zu gehen und habe daraufhin auch die entsprechende Homepage konsultiert. (sehr gut aufgebaut).
    Gibt es außer der der Homepage auch schriftliches Material (Bücher, Wanderkarten ecc.)?

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