150 Jahre SPDAuf kühner Bahn

Deutschlands älteste Partei feiert Geburtstag: Vor 150 Jahren gründete Ferdinand Lassalle in Leipzig die Ur-SPD, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von Arno Herzig

Salonlöwe, Preuße, Sozialist: Ferdinand Lassalle (1825 bis 1864)

Salonlöwe, Preuße, Sozialist: Ferdinand Lassalle (1825 bis 1864)  |  © Hulton Archive/Getty Images

Alles wieder unter Kontrolle: In Paris hatten die Truppen des Generals Cavaignac im Juni 1848 die demonstrierenden Arbeiter zusammengeschossen, und auch in Deutschland herrschte nach Preußens erstem Einigungskrieg, dem gegen die Demokraten im Südwesten, im Rheinland und in Sachsen, 1849 Friedhofsruhe. Erst zehn Jahre später traute sich der republikanisch gesinnte Teil des deutschen Bürgertums wieder heraus – um Friedrich Schiller an dessen 100. Geburtstag als Dichter der Freiheit zu feiern. Der Nationalverein wurde gegründet, der Nukleus für die wiedererstehende liberale Partei.

Auch die Arbeiterbewegung, die sich in der Revolution herausgebildet und als Allgemeine Arbeiterverbrüderung über ganz Deutschland verbreitet hatte, blieb zunächst unterdrückt. Sie erhob sich ebenfalls erst um 1860 wieder, allerdings nicht als selbstständige Kraft, sondern als Zweig der bürgerlichen Demokratiebewegung. Es waren die liberalen Parteien, die für die Arbeiter Bildungsvereine einrichteten, natürlich mit bürgerlichen Vorsitzenden. Diese kontrollierten die Veranstaltungen und bestimmten ihre Themen. Als Losung galt: Hilfe zur Selbsthilfe. Der politisch unmündige Arbeiter sollte sparen und im genossenschaftlichen Zusammenschluss mit seinesgleichen zum kleinen Unternehmer werden.

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Das sahen zwei andere deutsche Bürger, Friedrich Engels und Karl Marx, etwas anders. Bereits 1847/48 hatten sie in ihrem Kommunistischen Manifest die "Proletarier aller Länder" aufgerufen, sich zu vereinigen und die Macht im Staat zu übernehmen. Zu diesem Ziel bekannte sich auch Ferdinand Lassalle. 1825 in Breslau in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren, hatte er nach der Handelsschule noch das Abitur abgelegt, um in Breslau und später in Berlin die Geisteswissenschaften zu studieren. Während der Revolution agitierte Lassalle unter dem Einfluss von Marx und Engels für eine sozialdemokratische Republik. Er zählte damals zu der "Partei Marx", die weitgehend aus den Mitarbeitern der von Marx und Engels redigierten Neuen Rheinischen Zeitung in Köln bestand und das Kommunistische Manifest propagierte.

Anders als die Industrialisierung in England befand sich die deutsche noch in den Anfängen. Die Industriereviere und das Proletariat entwickelten sich erst in den 1870er Jahren zu vergleichbarer Größe. Doch Lassalle träumte bereits von einer machtvollen proletarischen Vereinigung. Er war nach dem Scheitern der Revolution in Deutschland geblieben und lebte, von der Polizei überwacht, in Düsseldorf. Ende der fünfziger Jahre ging er nach Berlin. Obwohl mehr Salonlöwe als Arbeiterführer, ebenso überzeugter Preuße wie glühender Sozialist, gewann "der Gelehrte" das Vertrauen weiter Kreise der Arbeiterschaft.

Zur selben Zeit, 1862, hatten die Honoratioren der liberalen Parteien einige Arbeiter zum Besuch der Weltausstellung in London geschickt. Dort indes nahmen sie Kontakt zum kommunistischen Arbeiterverein unter Wilhelm Liebknecht auf. Wie Lassalle war auch der ein Jahr jüngere, aus Gießen stammende Liebknecht kein Arbeiter, sondern ein Intellektueller. Wegen seiner Teilnahme an der Revolution hatte er in die Schweiz fliehen müssen. Hier war er Mitglied des Genfer Arbeitervereins geworden, doch 1850 hatten die Schweizer ihn ausgewiesen. Er war nach London gegangen, wo er dem Bund der Kommunisten beitrat und Karl Marx kennenlernte. 1862 erst durfte Liebknecht, nach einer Amnestie, mit der Familie in die Heimat zurückkehren – was sich gut mit der Entwicklung dort traf.

Denn nach dem Vorbild der Londoner drangen jetzt auch in Deutschland die Arbeiter auf die Trennung von den bürgerlichen Liberalen. Zentralort dieser Opposition wurde Leipzig. Ihre Vorstellungen fand sie in Lassalles später so genanntem Arbeiterprogramm formuliert, einer Rede, die er im Juni 1862 in Berlin gehalten hatte. Lassalle verlangte hier das allgemeine, gleiche und freie Wahlrecht. Die abhängigen Arbeiter, die das Gros der Bevölkerung ausmachten (nach Lassalle über 90 Prozent), sollten die Basis der Demokratie bilden. Außerdem forderten die Leipziger, sogenannte Produktiv-Assoziationen einzurichten, also eine Art von Fabriken auf der Basis von Staatskrediten – anders als in Frankreich, wo der Staat die "Nationalwerkstätten", bis zum Juni-Aufstand, finanziert hatte.

Auf Einladung des Leipziger Komitees antwortete Lassalle am 1. März 1863 mit einem Offenen Antwortschreiben an das Leipziger Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Diese Schrift sollte zum Grundsatzprogramm der neuen Partei werden. Neben dem allgemeinen, direkten Wahlrecht forderte er die Erneuerung der bürgerlichen Demokratie durch die proletarische. Denn die Fortschrittspartei sei nicht in der Lage, "auch nur die geringste reelle Entwicklung der Freiheitsinteressen herbeizuführen". Das oberste Ziel solle es nun sein, "das Elend von Arbeiterindividuen erträglicher zu machen". Das aber konnte, wie Lassalle befand, der bürgerlich bestimmte Staat nicht leisten.

Leserkommentare
    • fauler
    • 09. Mai 2013 14:12 Uhr

    Hat wirklich Spaß gemacht zu lesen. FÜr solche Artikel lass ich mich gerne mit Werbung und Pop-Ups zukleistern!

    Eine Leserempfehlung
  1. 2. Lesen

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