Banken"Wir fallen in ein Loch"

Deutschland in Bankenhand? Nicht mehr, sagt der Staatsbanker Hans Reich. Ein Gespräch über Fehlanreize und Kreditklemmen von  und

DIE ZEIT: Herr Reich, wie viel Schuld haben Sie an der Finanzkrise?

Hans Reich: Nicht mehr als andere Banker auch.

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ZEIT: Wir haben hier ein Zitat von Ihnen aus dem Jahr 2003: "Wir müssen die Verbriefung von Krediten im großen Stil für alle Banken anbieten, um international wettbewerbsfähig zu bleiben." Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist damals massiv in die Verbriefung eingestiegen, also die Bündelung von Kreditforderungen und ihren Weiterverkauf. Es waren solche Verbriefungen, die schließlich zur Krise führten.

Reich: Moment! Sie dürfen die deutsche Debatte nicht mit der amerikanischen vermischen! In Deutschland war der Ausgangspunkt doch so: Es drohte damals eine Kreditklemme, der Mittelstand kam nicht mehr an Darlehen heran, viele Betriebe standen vor dem Aus, obwohl ihre Auftragsbücher voll waren. Das lag daran, dass ihre Hausbanken große Probleme hatten, weil die Börsenblase geplatzt war und die Immobilienpreise nach dem Boom der Wiedervereinigung auf Talfahrt gegangen waren.

Banker mit Mission: Der Mensch

Hans Reich ist einer der wichtigsten Banker der Republik. Nach einer Lehre bei der Dresdner Bank arbeitet er vier Jahrzehnte lang für die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Frankfurt (Foto unten). Von 1999 bis 2006 war er Vorstandssprecher der Staatsbank. Nach seinem altersbedingten Ausscheiden wurde er Aufsichtsrat der amerikanischen Großbank Citi.

Die Bank

Die KfW wurde nach dem Krieg gegründet, um den Wiederaufbau der Wirtschaft zu finanzieren. Reich hat sich bei der Bank einen Ruf als engagierter Vorstand erworben, der etwas bewegen will. Als Deutschland in der Krise steckte, legte er Förderprogramme auf, um die Konjunktur zu stützen, und arbeitete ein Programm zur Sanierung der deutschen Kreditinstitute aus.

Die Krise

Die Finanzkrise ging auch an der KfW nicht spurlos vorbei. Sie war an der Mittelstandsbank IKB beteiligt, die vom Staat gestützt werden musste.

ZEIT: Was hat das mit Ihnen zu tun?

Reich: Als Förderbank mussten wir reagieren. Und da war die Verbriefung von Krediten das richtige Mittel. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals in New York ankam und mich noch am Flughafen ein Mitarbeiter der Rating-Agentur Standard & Poor’s abgefangen hat. Die waren schon dabei, die Bonitätsnoten für die deutschen Banken zu senken, und das haben sie dann hinausgeschoben, als sie von unseren Plänen erfuhren. Das hat den Banken und der deutschen Wirtschaft sehr geholfen.

ZEIT: Die Verbriefung war also richtig?

Reich: Für Deutschland: ja. Es gab damals eine Sitzung mit dem Finanzminister, dem Wirtschaftsminister und den Vertretern des Finanzsektors, die ich nie vergessen werde.

ZEIT: Weshalb?

Reich: Ich schreibe keine Memoiren, deshalb werde ich dazu auch nichts sagen.

ZEIT: Die Lage war dramatisch?

Reich: Für mich war sie sehr dramatisch, ja.

ZEIT: In der politischen Diskussion gilt die Verbriefung aber als eine der wichtigsten Ursachen der Krise. Jörg Asmussen – der damals im Finanzministerium für Banken zuständig war – wird heute noch scharf attackiert, weil er dieses Instrument in einem Aufsatz empfohlen hat.

Reich: Ich habe das nie verstanden. Es hat wohl damit zu tun, dass in der Debatte nicht ausreichend differenziert wird. In den USA wurden durch den Weiterverkauf von Forderungen oftmals Risiken verschleiert. Wir haben das bei der KfW nie gemacht. Das war alles transparent und nachvollziehbar. Man darf hierbei nicht von den USA auf Deutschland schließen. Verbriefungen werden auch in Zukunft wichtig sein. Es muss in den Produkten nur drin sein, was drauf steht.

ZEIT: Die Wirtschaftswoche brachte Sie damals groß auf dem Titelbild, Sie waren der "wichtigste Banker der Nation".

Reich: Was für ein Quatsch. Als solcher habe ich mich nie gefühlt. Das hat mich sehr geärgert, dieses Titelbild. Das ist nicht mein Selbstverständnis.

Leserkommentare
  1. Wir brauchen gar nicht so tief zu bohren und uns kleinen und kleinsten Fehlanreizen zu widmen. Das sind alles nur nachrangige Symptome.
    Das ganze System der Marktwirtschaft beruht auf einem gigantischen Fehlanreiz:
    Statt menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, wird produziert, was Profit bringt. Für den Selbstzweck der Kapitalverwertung.
    Erst auf diesem Fundament sumpfiger Vernuft konnte die Finanzwirtschaft auf die realexistierende Größe anschwellen...wo weltweit Millionen Menschen bestbezahlt heiße Luft produzieren und vorhandenen Wohlstand (und bei dem vorhanden Schuldenlevel den der nächsten gefühlten 2.000 Jahre) beständig umverteilen hin zu den cleversten und den raffgierigsten und dabei auch keinerlei Skrupel haben, nicht nur den Ast auf den sie selbst sitzen, abzusägen, sondern den gesamten Baum, auf dem die menschliche Horde hockt, umzuwerfen.
    Das ist der Fehlanreiz.

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    So ist es! Und wenn keine als ausreichend betrachteten Profite in der Realwirtschaft zu erzielen sind, z.B. weil der Bedarf befriedigt ist oder die Verfügbarkeit von Ressourcen oder Leistungskraft mit dem ewigen prozentualen Wachstum nicht Schritt halten kann, werden "Finanzprodukte" kreiert und mit ihnen das ewige Wachstum fortgesetzt. Diese völlig irrealen Werte müssen nach dieser Logik "angelegt" und wieder "angelegt" werden, ohne an reale Werte oder Leistungen gekoppelt zu sein. Das Problem bei diesen Spielen auf den Finanzmärkten ist nur, dass den so entstehenden Vermögen zwar keine realen Werte zur Seite stehen, es aber eine Verquickung mit der Realwirtschaft insofern gibt, als mit den leistungslos erzielten "Gewinnen" Nachfrage nach realen Gütern gehalten werden kann. Wir bräuchten eine Währung, die strikt an die Realwirtschaft gekoppelt ist. Wer dann spielen und zocken will, sollte das tun können, aber bitte nur mit entsprechendem "Spielgeld" und ohne irgendwelche Rettungsgarantien!

    "Statt menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, wird produziert, was Profit bringt."

    ... trifft dabei leider auf immer noch nicht aufgeklärte und "befreite" Menschen, die kaufen, was sie glauben zu brauchen. Insoweit bleibe ich dabei: die kapitalistische Marktwirtschaft ist Irrglaube Nr. 1, materielles Wachstum ihr Dogma und Geld das Opium für das Volk. Und fehlt es am Stoff, kommt der "kalte Entzug"; Banknotenjunkies aller Orten und nirgendwo eine Therapie am Horizont in Sicht.

    Die Fehlanreize und die falsche Wertewahrnehmung stürzen uns ins Unglück.

    • Lefty
    • 09. Mai 2013 10:21 Uhr

    Danke,Sie haben die Wahrheit bestens ausgedrückt.

    Die Herrschaften sind geübt darin, von den Ursachen aller Krisen abzulenken; anderenfalls müssten sie sich selbst anklagen.

    Es ist grotesk, jahrzehntelang über Schulden zu lamentieren ohne die Rolle der großen Gläubiger zu erwähnen. Das sind ganz wenige Adressen, die das System immer schwerer belasten weil der Anteil an Zinsen, Zinseszinsen und Spekulationsgewinnen immer höher ausfallen.

    Es gibt überhaupt keine Alternative zur Marktwirtschaft, aber wenn weit mehr Geld mit Zinsen und Finanzprodukten verdient wird (die kein Mensch nachvollziehen geschweige denn kontrollieren kann) als mit produktiver Arbeit, dann führt das direkt in die moderne Form der Sklaverei.

    Wir bezahlen dafür. Mit Steuern. Unsere Kinder und Kindeskinder werden dafür bezahlen. Mit Steuern und nicht wenige mit ihrem Leben.

    Ist es nicht an der Zeit, den Profiteuren dieses betrügerischen Schneeballsystems etwas entgegen zu setzen? Ideen für ein zinsfreies Geldsystem gibt es genug.

    Ihr Jammern hilft nur denen, die kein Interesse an Veränderungen haben!

    [Statt menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, wird produziert, was Profit bringt. Für den Selbstzweck der Kapitalverwertung.]

    Und was bringt Profit? Profit ist die Differenz zwischen Erlösen und Aufwendungen. Erlöse erzielt man aber nur, indem man etwas (ein Produkt oder eine Dienstleistung) verkauft. Dazu muss man einen Käufer finden. Und ein Käufer ist jemand, der jenes Produkt/jene Dienstleistung haben will -der also ein - Achtung! - Bedürfnis danach hat.

    In der Marktwirtschft macht man meistens gerade dann Profit, wenn man Bedürfnisse befriedigt. Denn Produkte und Dienstleistungen, die keinerlei Bedürfnisse befriedigen, kauft niemand. BMW macht Profit, weil Menschen ein Bedürfnis nach schicken Autos haben Haribo macht Profit, weil die Menschen ein Bedürfnis nach schmackhaften Gummisüßigkeiten haben.

    Sie unterliegen einer gewaltigen Fehleinschätzung!

  2. 2. [...]

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  3. 3. [...]

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  4. Fragen Sie doch mal andere Täter, ob sie Schuld sind an dem, was sie angerichtet haben oder die Verantwortung übernehmen. Es war immer "das System", "die anderen" oder "die Umstände". Rückwirkende Schuldzuweisungen sind generell uninteressant. Ganz im Gegensatz zu Menschen, die sich das Rückgrat bzw. die Haltung leisten können, zu ihren Entscheidungen und Handlungenzu stehen. Dazu zählt Herr Reich leider nicht.

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  5. 5. [...]

    Verzichten Sie bitte auf beleidigende und polemische Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

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  6. "Reich: Moment! Sie dürfen die deutsche Debatte nicht mit der amerikanischen vermischen! In Deutschland war der Ausgangspunkt doch so: Es drohte damals eine Kreditklemme, der Mittelstand kam nicht mehr an Darlehen heran, viele Betriebe standen vor dem Aus, obwohl ihre Auftragsbücher voll waren. Das lag daran, dass ihre Hausbanken große Probleme hatten, weil die Börsenblase geplatzt war und die Immobilienpreise nach dem Boom der Wiedervereinigung auf Talfahrt gegangen waren."

    Wenn die Auftragsbücher voll sind, und die Firma schon etliche Jahre besteht, brauch ich als Firma keinen Kredit, weil ich dann schon dauerhaft Gewinne gemacht habe. Auch Anschlusskredite als Folge einer Firmengründung sollten kein Problem sein, wenn das Geschäftsmodell stimmt, und die Auftragsbücher voll sind!

    Kredite werden nicht von Unternehmen nachgefragt welche dauerhaft Gewinne machen, ausser um noch zusätzlich Steuern sparen zu können, da Fremdkapital steuerlich vorteilhafter für den Gewinn ist, als Eigenkapital!

    Dem Kreditgeldsystem gehen langsam aber sicher die guten (Solventen) Schuldner aus, welche immer in der Lage sind ihre Kredite zu Bedienen.

    Rezession beschleunigt den Umstand, das immer mehr Kredite nicht Bedient werden können, Wachstum verlängert nur den Zeitpunkt.

    Vergeben Banken keine Kredite verschwindet mit jeder Rückzahlung eines Kredites das Geld. Bleibt als letzter Kreditnehmer der Staat übrig.

    Der Staat "Rettet" dann die Banken - die Banken "retten" dann den Staat!?

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    Kredite werden sehr wohl von Unternehmen nachgefragt, deren Geschäftsmodell tragfähig ist, hierbei handelt es sich beispielsweise um Expansionsphasen oder Branchen mit geringer Spanne. Was Sie meinen, ist die Deckung des Fremdkapitals durch Genwinnthesaurierung gebildetes Eigenkapital. Auch hier entspricht ihr Bild nicht der Realität, ihr gezeichnetes Bild ist oftmals erst nach einem langen Zeitraum für die meisten Firmen erreichbar.

    Zudem spielt es bei der Finanzierung eine Rolle, wofür finanziert wird, zum Beispiel gehen Finanzierungen in der Zeitarbeitsbranche sofort in gewinnmindernde Kosten ohne Aktivierung in der Bilanz (Personal, Mieten,Löhne), während bei Investitionen im Maschinenbau in aller regel als Betriebsanlage aktiviert werden kann und somit ein gewisser Gegenwert und somit Sicherheit gegenübersteht.

    Denken Sie weiterhin an "Startups".

    Ihre Ansicht hierzu ist schlichtweg falsch.

    Vereehrter Forist "genius1" !

    Das Fremdkapital besser ist als Eigenkapital bzw. Rücklagen/Barreserven müssen Sie hier einmal genauer erklären.

    Insbesondere die kapitalisierte Auswirkung hinsichtlich der Vermögensgegenstände innerhalb der Bilanz.

  7. Ein EINZIGER Vertrag über Sale-Lease back Geschäfte hatte oft vierhundert Seiten, und die hätten die LAIEN in den über den Tisch gezogenen Gemeinden und Ländern lesen und VERSTEHEN sollen!
    Da kann man doch der Rechtsabteilung einer Bank zumuten, ein paar tausend Seiten zu lesen....

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  8. Reich: "Gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklungen mitprägen zu können. Wir haben damals nicht auf die Politik gewartet, sondern sind selbst aktiv geworden"

    So läuft es also. Politik wird ohne die Politik gemacht. Von Leuten, die der Bürger nicht gewählt hat, die die Interessen des Bürgers nicht teilen.

    Und so offensichtlich das ist, so wenig wird dagegen unternommen.

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