Banken : "Wir fallen in ein Loch"

Deutschland in Bankenhand? Nicht mehr, sagt der Staatsbanker Hans Reich. Ein Gespräch über Fehlanreize und Kreditklemmen

DIE ZEIT: Herr Reich, wie viel Schuld haben Sie an der Finanzkrise?

Hans Reich: Nicht mehr als andere Banker auch.

ZEIT: Wir haben hier ein Zitat von Ihnen aus dem Jahr 2003: "Wir müssen die Verbriefung von Krediten im großen Stil für alle Banken anbieten, um international wettbewerbsfähig zu bleiben." Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist damals massiv in die Verbriefung eingestiegen, also die Bündelung von Kreditforderungen und ihren Weiterverkauf. Es waren solche Verbriefungen, die schließlich zur Krise führten.

Reich: Moment! Sie dürfen die deutsche Debatte nicht mit der amerikanischen vermischen! In Deutschland war der Ausgangspunkt doch so: Es drohte damals eine Kreditklemme, der Mittelstand kam nicht mehr an Darlehen heran, viele Betriebe standen vor dem Aus, obwohl ihre Auftragsbücher voll waren. Das lag daran, dass ihre Hausbanken große Probleme hatten, weil die Börsenblase geplatzt war und die Immobilienpreise nach dem Boom der Wiedervereinigung auf Talfahrt gegangen waren.

ZEIT: Was hat das mit Ihnen zu tun?

Reich: Als Förderbank mussten wir reagieren. Und da war die Verbriefung von Krediten das richtige Mittel. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals in New York ankam und mich noch am Flughafen ein Mitarbeiter der Rating-Agentur Standard & Poor’s abgefangen hat. Die waren schon dabei, die Bonitätsnoten für die deutschen Banken zu senken, und das haben sie dann hinausgeschoben, als sie von unseren Plänen erfuhren. Das hat den Banken und der deutschen Wirtschaft sehr geholfen.

ZEIT: Die Verbriefung war also richtig?

Reich: Für Deutschland: ja. Es gab damals eine Sitzung mit dem Finanzminister, dem Wirtschaftsminister und den Vertretern des Finanzsektors, die ich nie vergessen werde.

ZEIT: Weshalb?

Reich: Ich schreibe keine Memoiren, deshalb werde ich dazu auch nichts sagen.

ZEIT: Die Lage war dramatisch?

Reich: Für mich war sie sehr dramatisch, ja.

ZEIT: In der politischen Diskussion gilt die Verbriefung aber als eine der wichtigsten Ursachen der Krise. Jörg Asmussen – der damals im Finanzministerium für Banken zuständig war – wird heute noch scharf attackiert, weil er dieses Instrument in einem Aufsatz empfohlen hat.

Reich: Ich habe das nie verstanden. Es hat wohl damit zu tun, dass in der Debatte nicht ausreichend differenziert wird. In den USA wurden durch den Weiterverkauf von Forderungen oftmals Risiken verschleiert. Wir haben das bei der KfW nie gemacht. Das war alles transparent und nachvollziehbar. Man darf hierbei nicht von den USA auf Deutschland schließen. Verbriefungen werden auch in Zukunft wichtig sein. Es muss in den Produkten nur drin sein, was drauf steht.

ZEIT: Die Wirtschaftswoche brachte Sie damals groß auf dem Titelbild, Sie waren der "wichtigste Banker der Nation".

Reich: Was für ein Quatsch. Als solcher habe ich mich nie gefühlt. Das hat mich sehr geärgert, dieses Titelbild. Das ist nicht mein Selbstverständnis.

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Kommentare

62 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Schein oder Sein

[Herr Wilke,
es geht doch nicht um die Produktion von Waren bzw. sinnvolle Dienstleistungen. Sie führen eine Scheindiskussion.]

Ich weiß nicht, worum es Ihnen geht. Der Kommentator, auf den ich mich beziehe, hat von der Marktirtschaft als Ganzes gesprochen. Das schließt die marktwirtschaftliche Produktion und Verteilung vonWaren und Dienstleistungen ein.

[Oder wollen Sie uns erklären, die UNREGULIERTEN DERIVATE der Deutschen Bank mit einem Wert von > 50 Billionen € würde irgendeinen Sinn machen?]

Selbstverständlich serfüllen Derivate sinnvolle Funktionen.

[Das ist reine Zockerei die beendet werden muss.]

Ich habe kein Problem mit Zockerei. Jeder kann mit seinem Geld zocken, wie er will. Ich will nur nicht dafür bezahlen müssen. Das kann man auch ohne Verbote sicherstellen.

Haben Sie das Bedürfnis nach einem Mumpf?

Ach Sie wussten garnicht das es das gibt?

Der Mumpf
Am Grunde eines Teichs im Sumpf,
zwischen Algen und Wassergrün,
da saß vor seinem Haus ein Mumpf
und mumpfte so vor sich hin.

[...]

Manche Menschen sagen nach diesem Gedicht:
"Ach was, einen Mumpf- den gibt es doch nicht!"

Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass wir aus urheberrechtlichen Gründen keine vollständigen Gedichte verbreiten dürfen. Die Redaktion/jk

Fehlanreiz

<< Und wenn keine als ausreichend betrachteten Profite in der Realwirtschaft zu erzielen sind, z.B. weil der Bedarf befriedigt ist oder die Verfügbarkeit von Ressourcen oder Leistungskraft mit dem ewigen prozentualen Wachstum nicht Schritt halten kann, werden "Finanzprodukte" kreiert und mit ihnen das ewige Wachstum fortgesetzt. Diese völlig irrealen Werte müssen nach dieser Logik "angelegt" und wieder "angelegt" werden, ohne an reale Werte oder Leistungen gekoppelt zu sein. Das Problem bei diesen Spielen auf den Finanzmärkten ist nur, dass den so entstehenden Vermögen zwar keine realen Werte zur Seite stehen, es aber eine Verquickung mit der Realwirtschaft insofern gibt, als mit den leistungslos erzielten "Gewinnen" Nachfrage nach realen Gütern gehalten werden kann. Wir bräuchten eine Währung, die strikt an die Realwirtschaft gekoppelt ist. Wer dann spielen und zocken will, sollte das tun können, aber bitte nur mit entsprechendem "Spielgeld" und ohne irgendwelche Rettungsgarantien! >>

Das ist ein reformistischer Ansatz der am Kern des Problem vorbei geht; die Profitlogik und das Streben nach dem Mehrwert bleiben erhalten, auch wenn Sie das Finanzunwesen zurechtstutzen.
Und den Umstand, dass qua Produktiviätssteigerungen der Faktor Arbeit nicht in dem Maße ausgebeutet werden kann, wie es sein müsste, um das System stabil bzw. für alle erträglich zu halten, tangiert das auch nicht positiv.
Das Pferd ist tot. Da hilft auch ein kein neuer Sattel mehr...

Kontext beachten!

[Es wird niemand bestreiten, dass Bedrürfnisse befriedigt werden]

Doch. Das hat jemand bestritten. Ich zitiere: "Das ganze System der Marktwirtschaft beruht auf einem gigantischen Fehlanreiz:
Statt(!) menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, wird produziert, was Profit bringt."

Dieser Kommentator trennt offensichtlich Profit und Bedürfnisbefriedigung. Darauf beziehen sich meine Beiträge. Es wäre hilfreich, wenn Sie den Kontext einer Diskussion beachten würden, wenn Sie sich einschalten!

[...im Kapitalismus ein Bedürfnis ohne dahinterstehende Zahlungsfähigkeit irrelevant ist.]

Zahlungsfähigkeit ist letztlich Folge von Profiten. Und Profite sind die Folge von Bedürfnisbefriedigung für andere. Letztlich kann also derjenige seine Bedürfnisse befriedigen, der die Bedürfnisse anderer befriedigt. Das ist das tolle an der Marktwirtschaft. Sie beruht auf Leistung und Gegenleistung. Wer gibt, dem wird gegeben.

Zu Investitionen, Siehe Link, Kapitel 15:

http://www.subhash.at/fre...

Nennen Sie mir eine Aktiengesellschaft die nicht Verschuldet ist, selbst wenn sie schon Jahrzehnte auf dem Markt existiert und ihren Aktionären gute Gewinne brachte?

Zu Eigenkapital und Fremdkapital:.

http://www.tax.mpg.de/de/...

Darin liegt der Hauptgrund für die Verschuldung von großen Unternehmen.

Der Link im Kommentar 19 von wulewuu dürfte auch erhellend sein.

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Nicht alle "Startups" benötigen zur Gründung Fremdkapital, wie ich aus eigener Erfahrung (Musikinstrumente mit Arbeitskollegen) weis. Den X-ten Kiosk, Pommesbude usw. meinen sie ja nicht nicht ihren "Startups", oder?

Welchen Vorteil hat eine Volkswirtschaft von Kredit-finanzierten Investitionen welche einen Konkurrenten übernehmen, oder gleich im Ausland getätigt werden, Steuerlich im Inland einen Kostenvorteil gegenüber der Konkurrenz ergeben!

Ich kenne einige Mittelständische Unternehmer, die es Tunlichst vermeiden einen Kredit aufzunehmen, um ihren Maschinenpark zu modernisieren oder einen größeren Auftrag abzuarbeiten. Diese Firmen verfügen auch meistens über eine höhere Eigenkapitalreserve als Aktengesellschaften.
Ein sehr wichtiges Argument zur Bildung von höherem Eigenkapital ist es, Durststrecken im Wirtschaftlichen Umfeld abzumildern um die Existenz des Unternehmens nicht zu gefährden. Für Manager von Aktiengesellschaften eher zweitrangig.