StilkolumneFrottee

Eine Stilkritik von 

Im Frühling weich landen mit dem Frottee-Polo von Orlebar Brown, 110 Euro

Im Frühling weich landen mit dem Frottee-Polo von Orlebar Brown, 110 Euro  |  © Peter Langer

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig es für einen Mann sein kann, ein Stück aus Frottee bei sich zu haben. Es war vor etlichen Jahren in einem günstigen Hotel in London, das unter anderem deshalb so günstig war, weil sich die Dusche auf dem Gang befand. Als ich nach vollzogener Körperreinigung versuchte, in mein Zimmer zurückzukehren, gelang mir dies nicht, weil der Schlüsselkartenleser die Zimmertür nicht freigab. So nackt auf dem Hotelflur, im Strom der An- und Abreisenden, war ich dankbar für das Handtuch um meine Hüften, als ich mich auf den langen Weg zur Rezeption machte.

Auch der Autor Douglas Adams ist überzeugter Anhänger von Frotteetüchern. In seinem Werk Per Anhalter durch die Galaxis sind sie unverzichtbares Utensil eines jeden interstellaren Reisenden. "Man kann sich zum Wärmen darin einwickeln, wenn man über die kalten Monde von Jaglan Beta hüpft; man kann an den leuchtenden Marmorsandstränden von Santraginus V darauf liegen, wenn man die berauschenden Dämpfe des Meeres einatmet." Entsprechend feiern Fans den Towel Day zum Gedenken an den Schriftsteller. In der Zeichentrickserie South Park gibt es sogar eine Figur namens Towelie, ein Handtuch mit Beinen, das ständig kifft und immer wieder sagt: Don’t forget to bring a towel.

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Es ist wohl kein Zufall, dass gerade in Geschichten und Serien, die vor allem Männer ansprechen, gern auf das Handtuch angespielt wird. Es ist man’s best friend. Sobald man Frottee auf der Haut spürt, fühlt man sich wohl und sicher. Als hätte Mutti einen nach dem Baden in ein dickes Handtuch gewickelt. Auch als Bademantel wird Frottee gerne getragen – insbesondere von männlichen Rollenvorbildern in Film und Fernsehen wie James Bond, Dittsche oder The Dude aus The Big Lebowski. So ist es kein Wunder, dass es der Frotteestoff nun auch in die Mode geschafft hat.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick   |  © Peter Langer

Das Freizeitlabel Orlebar Brown hat ein herrlich weiches Frottee-Polohemd mit weichem Kragen auf den Markt gebracht, in dem man sich als Mann sofort geborgen, wenn nicht gar beheimatet fühlt. Man ist damit gegen alles gewappnet und meint, eigentlich gar kein anderes Kleidungsstück mehr zu brauchen als dieses herrliche Polohemd. Außer vielleicht, man kommt aus der Dusche und ist auf dem Hotelflur gefangen. In diesem Fall ist ein Handtuch vorzuziehen.

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Leserkommentare
  1. Was Polohemden betrifft, finde ich das so ziemlich das Entzetzlichste überhaupt, mit was man Männer so herumlaufen sieht. Gleich nach Jogginganzügen - etwas weniger "proll", dafür aber noch eine Numme spießiger. Trägt man wahrscheinlich am besten mit Bermudas, Socken und Sandalen...
    Irgendwie stimmt da gar nichts, und die meisten sehen darin ziemlich "unfertig" aus - wie etwas zu groß geratene Jungen. Und das Schlimmste daran dürfte dieser schlapprig unförmige Kragen sein. Denn Stil hat auch was mit "Form", das heißt mit einer Silhouette, zu tun.
    Soweit zur "Stilkritik"... jedenfalls meiner Meinung nach.

  2. Mein lieber Herr Prüfer, ich hoffe doch Sie mit diesem gemütlichen Polohemd nicht außerhalb der Freizeitzone sehen zu müssen? Sonst drohe ich damit, Sie im Cindy-Aus-Marzahn-Jogginganzug in die Oper zu begleiten ;-)

  3. Verehrter Herr Prüfer, so sehr ich dem letzten Absatz Ihres Artikels zustimmen möchte, sowenig verstehe ich, wieso Sie Frottee als Stoff erst jetzt wahrnehmen. Die Aufs-und-Abs in der Trendigkeit lassen sich vielleicht bei zb. Cordhosen besser wahrnehmen - es gibt Jahre, da trägt sie jeder, dann sind sie ums verrecken nicht zu bekommen, aber Frottee ist beileibe nix neues. Ich besitze 2 Poloshirts aus Frottee, mein erstes, dunkelblaues habe ich bei Marc' Polo mitte der Neunziger erworben, ziemlich verblasst und aus der Facon geraten bewahre ich es va aus nostalgischen Gefühlen auf, ein Zweites habe ich vor ca 3Jahren von meiner Frau bekommen (Marke gerade nicht erinnerlich). Vielleicht vermelden Sie, wenn Ihnen mal ein schönes Stück aus Nicki-Stoff unterkommt.
    Verbindlichen Dank Volumen

  4. Hier ein stilsicherer Fotobeweis aus Goldfinger: http://tinyurl.com/6zsuxh6

    Ich habe Frottee-Klassiker aus den 70ern und 80ern, einige Shirts, die aus den 90er stammen und - mein Vorredner hat völlig Recht - immer mal wieder findet man auch wirklich schöne (aktuelle) Teile abseits des Prolls (Uncle Sam, würg!), besonders auf Ebay.

    Frottee-Marken in meinem Schrank: Puma, Adidas, Levis, Tom Taylor, Casual, 3K, Conwell, Esprit usw. ... vor ein paar Jahren gab es unglaublich schicke F-Shirts von Bogner (leider für mich unerschwinglich).

    Frottee trägt sich wunderbar, hält ewig und vermittelt seinem Träger den zeitlos-lässigen Charme der unbekümmerten Nonkonformität.

    Nur schade, dass man es nicht "auf Links" tragen kann - das wäre sicher noch bequemer, sähe dann aber wirklich sch**ße aus ... ;-)

  5. Macht, was ihr wollt. Hauptsache, es kommt niemand mit einer Frottee-Unterbuxe an.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Während meiner Pubertät war die "Frottee-Unterbuxe" im Sportunterricht und z.B. der Leichtathletik bei den Damen eigentlich der Standard.

    Ich assoziiere damit vorwiegend positive Erinnerungen ...

  6. Während meiner Pubertät war die "Frottee-Unterbuxe" im Sportunterricht und z.B. der Leichtathletik bei den Damen eigentlich der Standard.

    Ich assoziiere damit vorwiegend positive Erinnerungen ...

    Antwort auf "Oje, Frottee"

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  • Serie Stilkolumne
  • Schlagworte Mode
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