SyrienDie zweite Front

Syrien wird zum Schauplatz eines noch größeren Konflikts. Zwischen Israel auf der einen und Hisbollah und Iran auf der anderen Seite von 

Ist das der Beginn des nächsten großen Nahostkrieges? Israel bombardiert Fabriken und Stellungen in der Nähe von Damaskus. Die Regierung des Diktators Baschar al-Assad wertet die Angriffe als "Kriegserklärung". Die schiitische Hisbollah erklärt sich hundertprozentig solidarisch mit Assad. Der Iran, Gründungspate von Hisbollah und Verbündeter Syriens, warnt Israel vor schlimmen Konsequenzen.

Das klingt tatsächlich nach dem lange befürchteten "Flächenbrand", der sich, ausgelöst in Syrien, auf die Nachbarländer ausdehnt. Doch bei allen Vorbehalten, mit denen man solche Einschätzungen treffen muss: Ein grenzüberschreitender Krieg hat mit den Luftangriffen der israelischen Luftwaffe auf Damaskus am vergangenen Wochenende nicht begonnen. Eher schon hat sich eine zweite Front auf syrisches Territorium verlagert – der Dauerkonflikt zwischen Israel und Hisbollah.

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Schon einmal in diesem Jahr, im Januar, haben israelische Kampfjets militärische Objekte auf syrischem Territorium bombardiert. Nach Einschätzung von US-Militärexperten hatten sie es auf Flugabwehrraketen abgesehen. Nach Angaben der syrischen Regierung trafen sie eine Forschungseinrichtung. Im März kam es zu einem kurzen Gefecht auf den Golanhöhen, als israelische Soldaten auf den Beschuss von syrischem Territorium aus das Feuer erwiderten. Aber diesmal ist der rhetorische und politische Lärm deutlich lauter.

Das liegt erstens daran, dass bei dem Angriff am vergangenen Wochenende offenbar mehrere Dutzend syrische Soldaten ums Leben kamen – eine Zahl, die in Israel wie ein Schock wirken und einen sofortigen Gegenangriff hervorrufen würde. Zweitens richteten sich die israelischen Attacken gegen strategisch wichtigere militärische Ziele. Die Kampfjets haben nach mehreren Quellen eine syrische Luftabwehrstellung zerstört, Waffendepots und das militärindustrielle Forschungszentrum Dschamraja bei Damaskus getroffen. Adressaten der Bomben waren allerdings weniger die syrische Armee als vielmehr deren Verbündete Iran und Hisbollah.

Auf den ersten Blick mutet dieser Dreierbund seltsam an: Ein eher säkularer Diktator in Damaskus stützt sich in seinem Kampf ums politische und physische Überleben auf ein theokratisches Regime in Teheran und eine radikalislamische Miliz aus dem Libanon. Dass sowohl Hisbollah-Milizionäre wie auch iranische Einheiten auf syrischem Boden kämpfen, ist inzwischen gesichert. Die Allianz ist zum Teil religiös begründet: Im Nahen und Mittleren Osten finden derzeit ja nicht nur Konflikte zwischen säkular-liberalen und religiös-konservativen Kräften, zwischen progressiv und autoritär Gesinnten statt. Die Region ist derzeit auch Schauplatz eines inner-islamischen Religionskampfes zwischen Sunniten und Schiiten. Erstere machen in Syrien das Gros der Opposition aus, decken dabei das Spektrum von "Al-Kaida-nah" bis "demokratisch gesinnt" ab und erhalten Unterstützung aus Saudi-Arabien und Katar. Letztere haben ihre Hochburgen im Iran, in Form der Hisbollah im Libanon und in Gestalt der schiitischen Alawiten Syriens, der auch die Assad-Familie angehört.

Die drei verbindet außer Religion auch Geostrategie. Selten seit der Gründung von Hisbollah vor dreißig Jahren war die Macht des Irans am Mittelmeer so bedroht. Mit Baschar al-Assad droht das entscheidende Bindeglied zwischen dem Iran und Hisbollah verloren zu gehen.

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