TranshumanismusHirnschrittmacher für alle!

Ein Gespräch mit dem Philosophen Stefan Lorenz Sorgner, der auf die großen Vorzüge eines digital getunten Körpers setzt. von Judith E. Innerhofer

DIE ZEIT: Einige Forscher prophezeien, dass Gehirn und Computer bald verschmelzen könnten. Auch Sie gelten als jemand, der sich vom Vordringen der Technik in den Körper einen besseren Menschen erhofft, während ein Kritiker wie Francis Fukuyama von der gefährlichsten Idee der Welt spricht. Was macht Sie so optimistisch im Blick auf den technologischen Fortschritt?

Stefan Lorenz Sorgner: Zunächst einmal ist die Verschmelzung von Mensch und Technik eine Entwicklung, die bereits stattgefunden hat. Wir sind ja schon Cyborgs, diejenigen etwa, die einen Herzschrittmacher tragen. Mit dem technischen Fortschritt gehen enorm viele Facetten einher, die unser Leben einfach lebenswerter machen und unsere Lebensspanne unglaublich erweitert haben. Aus transhumanistischer Sicht lautet die Überlegung also: Warum sollte diese Entwicklung aufhören?

Anzeige

ZEIT: Wohin könnte sie denn führen?

Sorgner: Ein Beispiel sind Hirnschrittmacher, mit denen bei der Behandlung von Parkinson oder Depressionen große Erfolge erzielt werden. Zukünftig können wir vielleicht Teile des Gehirns nach einem Schlaganfall durch neuronale Implantate ersetzen. Die Szenarien gehen dann bis zum Mind Uploading, also der Auslagerung unserer Gehirninhalte auf digitale Trägermedien.

Stefan Lorenz Sorgner

geboren 1973, ist Philosoph und Direktor des Beyond Humanism Network

ZEIT: Googles Datenbrille sehen manche als Schritt auf dem Weg hin zu Chips, die direkt im Auge oder im Gehirn Informationen liefern und den Menschen mit der Netzwelt unmittelbar verbinden. Können wir da noch zwischen der Realität und dem, was über Datennetze suggeriert wird, unterscheiden? Oder ist diese Differenzierung belanglos?

Sorgner: Mit dem technologischen Fortschritt werden neue Erfahrungsbereiche und Zugänge zur Welt möglich. Solche Hirnimplantate könnten sich etwa nutzen lassen, um bei Bedarf eine neue Fremdsprache zu beherrschen oder auch als eine erweiterte Form des Gedächtnisses mit Zugriff auf das Wissen im Netz. Das Cyborg-Enhancement, also die Optimierung eines Organismus durch die Verschaltung mit digitalen oder mechanischen Maschinen, zielt aber auch ganz direkt auf unsere Sinnesfähigkeiten: Möglicherweise lässt sich die ästhetische Sensibilität verbessern, und eines Tages lassen sich musikalische Strukturen viel besser wahrnehmen. Für einen kognitiv erweiterten Menschen, für einen Posthumanen, mag Mozart dann vielleicht klingen wie für uns heute Fahrstuhlmusik. Neue Kompositionsformen könnten sich ergeben. Die Verschmelzung von Mensch und Technik bedeutet also nicht unbedingt ein Abstumpfen, eine Mechanisierung des Menschen. Natürlich verändert sich damit auch unsere Vorstellung von Realität. Diese ist nicht weniger real, sie ist einfach eine andere Realität. Es ist eine Veränderung des In-der-Welt-Seins.

ZEIT: Ist dieser mit Technik verschmolzene Posthumane, nach dem der Transhumanismus strebt, überhaupt noch Mensch?

Sorgner: Was sich auflöst, ist erst einmal das christlich-kantische Menschenbild, das noch immer vorherrscht. Danach steht hier der Mensch mit seiner immateriellen Seele, die auf die Welt blickt, und alles andere sind Objekte. Diese ontologisch-kategorial herausgehobene Sonderstellung des Menschen impliziert, dass er allein die Krone der Schöpfung sei. Die deutsche Gesetzgebung legt eine solche Betrachtungsweise noch immer nahe, da Tiere rechtlich wie Sachen zu behandeln sind – auch wenn herausgestellt wird, dass sie keine Sachen sind. Nach Darwin und Nietzsche ist diese metaphysisch-dualistische Anschauung nicht mehr haltbar. Wir müssen nur die marginalen genetischen Unterschiede zwischen Menschen und Menschenaffen in Betracht ziehen, um zu begreifen, dass auch wir in die natürlichen Prozesse eingebettet sind. Und die Forschung im Bereich der Epigenetik legt einmal mehr nahe, dass der Mensch keine Konstante ist. Die Evolution entwickelt sich weiter, und mit den biotechnologischen Möglichkeiten können wir jetzt auch aktiv eingreifen.

ZEIT: Damit spielt der Mensch zum ersten Mal wahrhaftig Schöpfer.

Sorgner: Prometheus! Das ist der alte Wunsch der Menschheit, den er verkörpert.

ZEIT: Gerade in der Mythologie endet die Geschichte allerdings selten gut, in der ein Mensch Gott sein will.

Sorgner: Es gibt manche Visionen, die drei Schritte zu weit gehen. Andererseits sollte man die Möglichkeiten deshalb nicht gering schätzen, ebenso wenig wie die Entwicklungen, die bereits stattgefunden haben. Vor 250 Jahren besaßen wir weder Impfungen noch Penicillin und Antibiotika. Das sind fantastische Errungenschaften, die ich nicht missen möchte, ebenso wie heutige Mensch-Maschine-Schnittstellen. Wieso sollen wir das Leben nicht weiter verbessern? Nietzsche sprach vom Menschen als krankem Tier, das seinen Instinkten nicht blind folgen, sondern diese auf zukünftige Ziele verlagern kann.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für das interessante Interview, in dem gute Fragen gestellt wurden. Ein wichtiges und immer bedeutender werdendes Thema, das unbedingt den Weg in den gesellschaftlichen Diskurs finden muss. Wer sich tiefergehend mit dem Thema beschäftigen will, dem empfehle ich "Citizen Cyborg" von James Hughes.

    2 Leserempfehlungen
  2. "Solche Hirnimplantate könnten sich etwa nutzen lassen, um bei Bedarf eine neue Fremdsprache zu beherrschen"
    So ein Schwachsinn. Sprachen sind nicht nur Wörter sondern sind auch an Kulturen und Wahrnehmungen geknüpft. Was bei rein Wörterbuchgestützter Übersetzung rauskommt kann man ja bei Google-Translator beobachten. Ein einfaches "Hirnimplantat" um bei "Bedarf" neue Fremdsprachen zu beherrschen scheint mir eine Utopie.
    Und wie ist denn folgendes zu verstehen: da der Mensch dem Tier so ähnlich sei habe er deshalb entgegen Kant keine immaterielle Seele? Merkwürdige schlussfolgerungen...

  3. Ich kann Herrn Sorgner nur zustimmen. Eine Diskussion wie man diese wünschenswerten und unabwendbaren Entwicklungen in Risikominimierende Bahnen lenkt ist sehr wichtig aber wegen einer durch haltose vorurteile und durch dystopische Sci-Fi Filme einseitig geprägte gesellschaft mehr als schwierig.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Google
Service