Zahnstein kann nicht gut sein für Zähne, schon gar nicht bei sieben- und neunjährigen Jungs. Wo sie doch immer geputzt hatten! Die Berliner Autorin Nataly Bleuel kaufte deshalb gleich nach dem Befund eine teure, elektrische Zahnbürste für ihre Söhne. Ende 2011 war das, und obwohl die 140 Euro dafür nicht im Budget der Familie vorgesehen waren, griff Bleuel noch in der Praxis ihres Zahnarztes zu.

Klang nicht schon allein der Name der Luxusbürste verheißungsvoll, so ein bisschen nach Harry Potters Rennbesen: "Oral-B 5000 – With Wireless Smart Guide"?

Der Smart Guide der Firma Braun-Triumph schien zunächst wirklich ein prima kabelloser Putzgehilfe zu sein. Er sah aus wie ein kleiner Digitalwecker und war über einen Chip per Funk mit der Bürste verknüpft. Der Clou: Erst wenn ihre Söhne mindestens zwei Minuten lang ihre Zähne geputzt hatten, zeigte er auf seinem Display ein Smiley, das lachende Gesicht. "Das machte den Jungs natürlich Spaß", sagt Bleuel.

Aber der Smart Guide grinst nicht mehr, die Bürste hat nach Weihnachten 2012 endgültig ihre Arbeit eingestellt, nachdem sie über Monate hinweg schwächer geworden war. Oral-B 5000, der tolle Zahnfeger – unbrauchbar nach nur einem Jahr Betrieb. Schuld ist der Akku, der sich in der Station nicht wieder auflud.

Das Fatale an diesen Oral-B-Zahnbürsten sowie an vielen handelsüblichen Modellen der Konkurrenz ist: Man kann als Laie die Akkus nicht wechseln, ohne dabei gleich das ganze Gerät zu zerstören. Die Stromspender darin, obwohl herkömmliche wiederaufladbare Batterien, sind in der Regel fest verlötet, oft mit dem elektronischen Herzstück der Geräte, dem Board.

Die Gesetze schreiben den Herstellern zwar vor, dass Akkus herausnehmbar sein müssen, um am Ende ihres Lebenszyklus richtig entsorgt werden zu können. Aber es steht nichts davon geschrieben, dass diese Akkus auch auswechselbar sein müssen. Das weckt den bösen Verdacht, die Industrie mache sich die Paragrafenlücke zunutze, halte die Lebensdauer der Akkus kurz und gestalte ihre Auswechslung schwierig – um stets genügend Neugeräte absetzen zu können.

Die Marke Oral-B gehört zum Weltkonzern Procter & Gamble, der von Windeln über Tiernahrung bis zu Haarfärbemitteln schier alles herstellt, was der moderne Mensch braucht – auch Zahnbürsten. Frage: Ist der hurtige Akku-Verfall bei Oral-B eingeplant? "Ganz klar: Nein", antwortet die PR-Frau Melanie Fischer von Procter & Gamble per Mail. Man tut sich schwer dort, Interviews zu geben oder gar verantwortliche Produktmanager ans Telefon zu holen. Die Lebensdauer sei, beteuert Fischer schriftlich, auf "mindestens fünf Jahre ausgelegt". Eine interne, "mehrjährige Studie" habe ergeben, dass Oral-B-Geräte, die man nach zwei Jahren eingesammelt habe, "keine signifikanten Unterschiede in der Akkuleistung" ergeben hätten. "Wir designen keine Sollbruchstellen in unsere Produkte ein."

Seltsamerweise geschieht es trotzdem täglich hundertfach in Deutschland, dass eigentlich intakte Zahnbürsten, Rasierer oder Haarschneidegeräte, aber auch Smartphones, Tabletcomputer und Navigationsgeräte im Schrott landen, nur weil der Akku hin ist und man nicht ohne Weiteres an ihn herankommt, um ihn zu ersetzen.

Genaue Zahlen darüber, wie viel des jährlich eingesammelten Elektroschrotts speziell diese Geräte verursachen, gibt es nicht. Sicher ist: Der Absatz an Elektrozahnbürsten wächst aus Sicht der Hersteller erfreulich. 36 Prozent der Deutschen benutzten 2011 schon eine, im gleichen Jahr wuchs der mit diesen Geräten erzielte Umsatz allein in den Drogeriemärkten und Supermärkten um fast fünf Prozent. Rückschlüsse auf ihren Anteil am wachsenden Elektroschrottberg lässt auch die beeindruckende Steigerung bei der gesamten Masse elektronischer Haushaltskleingeräte zu, die jedes Jahr an die "Stiftung Elektro-Altgeräte-Register" gemeldet werden und zu denen die E-Bürsten zählen: Waren es im Jahr 2001 noch 109.083 Tonnen "Input" an Kleingeräten gewesen, die die Hersteller meldeten, sind es 2011 bereits 176.494 gewesen.

Ein paar Pfund hat sicher Erika Pauly aus der Eifel dazu beigetragen. Nach einigen Pleiten mit teuren Markenzahnbürsten hatte sich die Industriekauffrau zuletzt eine Elektrische von Aldi gekauft, für nicht mal 30 Euro. Sicherheitshalber nahm sie gleich 20 der dazugehörigen Aufsteckbürstchen mit, zum Wechseln für die nächsten Jahre. Denn, auch das gehört zur Kundenbindung – oder sollte man sagen: Fesselung? – der Hersteller: Jedes Gerät hat sein eigenes Aufstecksystem, und je teurer das Gerät, desto teurer seine Bürstchen.