Produktqualität : Die Mär von der bösen Industrie

Die Industrie produziert absichtlich Ramsch – so lautet eine populäre Vermutung. Lässt sie sich belegen?

Es ist ein übler Verdacht, und er lässt sich nicht ausrotten: Hersteller bauten gezielt Bauteile minderer Qualität in Produkte ein, um diese schnell unbrauchbar werden zu lassen und die Kundschaft zu Neukäufen zu nötigen. Viele Überschriften werden damit bestritten, viele nachbarschaftliche Debatten geführt. Und doch fehlt es an Beweisen.

Sogar Verbraucherschützer winken ab, wenn von geplantem Verschleiß die Rede ist. Da müsse man ja annehmen, dass Hersteller eine Alterung ihrer Geräte künstlich herbeiführten, um auf diese Weise mehr Produkte verkaufen zu können, heißt es in einer Broschüre des obersten Verbraucherverbandes vzbv. Genau das lasse sich aber nicht nachweisen. "Hinweise auf eine Strategie ›gezielter Sollbruchstellen‹" hat auch die Stiftung Warentest bei ihren Dauerprüfungen nicht entdecken können – wohl aber Produkte, bei denen Konstruktion oder Qualität unzureichend seien.

Der Befund ist nicht einmal überraschend. Ein Unternehmen kann seinen Absatz durch Einbau von Schwachstellen nur dann steigern, wenn es ein Monopol hat oder sich mit Konkurrenten zu einem Kartell zusammenschließt. Andernfalls greift der Verbraucher bei einem schnellen Ausfall des Produkts kaum wieder zur selben Marke.

Von Konzernen geschädigt oder doch Opfer des eigenen Geizes?

Was aber macht die These vom geplanten Verschleiß so faszinierend? Es ist die Erfahrung, die jeder Konsument mit Ramschprodukten schon gemacht hat. Obendrein sieht sich jeder lieber als Opfer arglistiger Hersteller – denn als Täter, dessen eigener Geiz das Unheil provoziert hat.

Der Verdacht, Firmen würden ihrer Kundschaft Produkte mit eingebauten Schwachstellen andienen, ist fast so alt wie der Kapitalismus. Bereits Karl Marx schrieb von der "allgemeinen Verschlechterung der Waren". Das inspirierte eine Reihe sozialkritischer Autoren in den Vereinigten Staaten, später auch in Europa. Das meiste Aufsehen erregte der Publizist Vance Packard mit dem Buch Die große Verschwendung. Er entwickelt in dem 1960 erschienenen Werk die Vision einer Welt, die das Herz jedes Marketingfachmanns höherschlagen lässt; er nennt sie "Füllhornhausen". Die Häuser dieser Welt bestehen aus einer Papiermasse; jedes Frühjahr und jeden Herbst müssen die Gebäude neu gebaut werden. Die Autos sind aus Kunststoff, der nach 6.000 Fahrtkilometern weich wird.

Auch im deutschsprachigen Raum fand die Behauptung vom geplanten Verschleiß Anhänger. Die von der sozialliberalen Bundesregierung 1971 gegründete Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel wollte es genau wissen und beauftragte den Aachener Wirtschaftsprofessor Burkhardt Röper. Dieser lieferte eine fulminante Studie ab. Der empirische Teil befasst sich mit Autos, Glühlampen und Elektrogeräten, mit Schuhen und Textilien, insbesondere mit Damenstrümpfen. Fündig wurde Röper nicht. Gegenwärtig seien "keine Fälle von geplantem Verschleiß zur Absatzausweitung durch absichtliche Qualitätsminderung nachweisbar", schrieb er. Weil Autoren, die über geplanten Verschleiß schrieben, ihm die freundlich erbetenen Belege für ihre Behauptungen nicht lieferten, folgerte Röper, um die These habe sich wohl "eine Geheimwissenschaft" entwickelt. Was bleibe, sei "die Problematik modischer Einflüsse und die Neigung mancher Verbraucher, etwas Neues zu erwerben, weil ihnen das Alte nicht mehr gefällt, unter anderem weil es ihnen durch die Werbung verleidet worden ist".

Debatte beendet? Von wegen. Vor Kurzem sorgte Stefan Schridde, Initiator des Verbraucherportals Murks? Nein danke!, für Schlagzeilen. Gemeinsam mit Christian Kreiß hat er ausgerechnet, wie viel Geld Konsumenten 2012 verloren haben, weil die Politik sie nicht vor dem Kauf von Produkten mit verminderter Haltbarkeit schützte: 101 Milliarden Euro! Wie Schridde und Co. zu den Zahlen kommen? Indem sie unterstellen, etwa sieben Prozent der Ausgaben der Haushalte seien von geplantem Verschleiß betroffen, also "letztlich unnötig". Beweisen können sie das nicht.

Jetzt hat das Umweltbundesamt einen Forschungsauftrag ausgeschrieben. Es will wissen, ob und in welchem Umfang das Phänomen existiert und was sich dagegen tun ließe. Mit Ergebnissen ist nicht vor 2015 zu rechnen.

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Kommentare

100 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Na dann...

> Und wer bietet sie an, die langlebigen Produkte ohne überfüssigen
> Schnickschnack?

Lesen Sie Testberichte und lernen Sie aus den Erfahrungen anderer. Ich habe nicht gesagt, dass man Qualität nicht suchen muss - aber wenn man sie will, bekommt man sie. Ich fahre mit meinem Produkten damit sehr gut.

Vielleicht ist das bei neueren Produkten ja anders - das kann ich dann schwerlich beurteilen, denn meine Geräte funktionieren alle noch. Aber angeblich gibt das Problem ja seit Jahren und Jahrzehnten.

> Ich brauche bei meiner Waschmaschine eigentlich nur 3 Programme

Damit sind Sie nicht der Markt. Aber wenn Sie soch eine Waschmaschine wollen, kaufen Sie sich doch so eine. Alternativ läuft Omas alte ja noch...

Marketing vs Solbruchstellen

> Wenn aber ein Zahnrad in einem Gerät aus Kunststoff ist,

Ja, ich habe den Beitrag auch gesehen. Aber wollen Sie mir erzählen, dass das jetzt ein neues Phänomen ist, dass es Dinge von besserer und solche von schlechterer Qualität gibt? Wenn der Verbaucher es wollte, würde er Qualität kaufen. Es interessiert ihn aber häufig nicht. Oder er weiss es nicht - aber niemand sagt, dass man sich nicht informieren muss.

> Die Nutzungsdauer eines Fernsehers ist mittlerweile bei 3-4 Jahren
> angekommen,

Da kommen wir der Wahrheit etwas näher. Hersteller konzentrieren sich längst darauf, neue Nachfrage zu erzeugen - mit Marketinginstrumenten. Und sie werden zunehmend erfolgreich damit. Ich musste schon lachen bei erst HD-Fernsehern, dann 3D und jetzt 4k Fernseher. Muss man nicht kaufen - tun aber ausreichend Menschen. Mein alter Fernseher läuft noch. Der meiner Eltern auch. Die Bekanntschaft hat neue Fernseher vornehmlich gekauft, als die alten noch liefen. Marketing ist wesentlich effizienter als "Sollbruchstellen"

Vermutungen

> Gierige Berufsverbrecher wissen wie man Spuren verwischt.

Hammer-Argument. Ich bin überzeugt.

> Bei letzteren gab bzw. gibt es doch sogar eingebaute Zähler, die den
> Drucker nach einer bestimmten Zeit und/oder Seitenanzahl unbrauchbar
> machen.

"Gibt es", "Gab es mal", "Hab ich mal gehört". Mein Drucker druckt munter seit 9 Jahren. Und wenn ich die Tintenpatronen austausche sind sie immer schön leer. Sorry, aber eventuell haben Sie sich Murks andrehen lassen. Murks gab es schon immer. Die ach so tollen alten Geräte, die Murks waren, gibt es nur heute nicht mehr. Weshalb sich niemand mehr daran erinnert. Qualität gibt es - man muss sie nur kaufen.

> Im dystopischen Roman "Brave New World",

Ja, stimmt. Der musste auch nochmal kommen. Marx war ja leider schon im Artikel. Sonst wäre der auch ganz witzig gewesen.

Elektro-Schrott

Sie mögen das so sehen, wie Sie es schreiben. Kleines Gegenbeispiel:

während meiner Studentenlaufbahn habe ich 3 oder 4 Kaffeemaschinen verschlissen - billig gekauft - zum einen weil ich keine Lebensdauer über 2 Jahre erwartet hatte, zum zweiten weil mein Geld nicht gerade reichlich war.

Nach dem Studium habe ich mir mal eine ordentliche gekauft, eigentlich weil ich auch ne schickere Küche hatte, und da nicht so ne Gurke reinstellen wollte. Etwas mehr Lebenserwartung hatte ich darüber hinaus auch erwartet.

Hätte ich zum Anfang des Studiums genau die gleiche Summe in die gleiche Kaffeemaschine investiert, wäre ich - insgesamt - billiger gekommen, denn die lebt inzwischen 7 Jahre, auch wenn sie 3-4 mal soviel gekostet hat, wie die Billigteile vorher. Einziger Nachteil: pro Jahr schluckt die neue Maschine ne Flasche Essig-Essenz, das war vorher nicht "nötig"

Mit...

klemmen können sie aber keine "selbsttragend" Bauweise verwirklichen, dann brauchen Sie einen Rahmen in den Sie das "einklemmen" können und der die Kräfte aufnimmt - einen Rahmen der Volumen und Gewicht hat.

Das ist auch Ursache für die die nicht wechselbaren Akkus: die Öffnung in der Struktur schwächt die Statik, was durch Strukturverstärkung ausgleichen werden muss, um die gleich Stabiltät wie mit einer nicht geteilten Struktur.

Da man aber die Mehrzahl der Kunden mit Slim-desgin bekommt...

function follows design

Richtig, der geklebte Akku ist dem Design geschuldet. Wie so häufig bei Apple geht Design vor Funktion. Blendwerk eben. Eine Ausfallrate von 25 Prozent bei den iPhones spricht ja Bände.

Im Übrigen sind Smartphones mit wechselbarem Akku keinesfalls "3 cm dick und 250 Gramm schwer". Na ja, bei Apple wären sie das vielleicht, aber aktuelle Modelle bewegen sich eher so um die 8 mm und 140 Gramm.

Vielen Dank

> Allein schon aus physikalischen Gründen verlieren Akkus älterer
> Generationen im Laufe der Zeit an Kapazität.

Das leugne ich nicht. im Grunde ist das sogar eher ein Argument dafür, dass neuere Produkte durchaus besser werden. Davon ab haben Sie recht. Ich nutze meinen Laptop selten mobil - allerdings, wenn ich es tue, habe ich bis heute keine Probleme.

> Wie oft benutzen Sie ihre Waschmaschine?

Haushalt mit Kind. 2 Reiter. Entsprechend häufig läuft die Waschmaschine.

> Sowas kan man nur in den seltensten Fällen nachweisen

Das will ich Ihen sogar abnehmen. Und es gibt recht prominente Beispiele, wie die Plastik-Zahnräder, Zähler in Druckern etc. Was mich stört, ist das in der Diskussion so getan wird, als gäbe es nur noch gemurkste Geräte. Und das seit Jahrzehnten. Wenn dem wirklich so wäre, dann hätte ich zufällig eine Häufung von Geräten, bei denen die Verschleißstrategien versagt haben. Sozusagen: Kaputte Kaputt-Teile.

Naheliegender ist, dass man langlebige Qualität kaufen kann. Und wenn dem so ist, ist es ganz einfach: Dann sollte man mit dem Portemonaie abstimmen. Wer trotzdem kurzlebige Produkte kauft, will vielleicht keinen längeren Lebenszyklus. Das ist auch legitim.

Ja, was soll ich denn tun?

...ich kann ja jetzt nicht rückwirkend meinen Akku 5 Jahre lang be- und entladen haben. Das Ding hing halt die meiste Zeit am Netz.

Soll ich stattdessen über meine Handyakkus sprechen? MP-3-Player? Die von den Fotoapparaten? Was soll ich tun?

(Bei letzteren habe ich übrigens schlechte Erfahrungen mit billigen Fernost-Nachbauten gemacht. Die Fernost-Originale halten bombig).

Das Notebook hat übrigens bis zum heutigen Tage auch keinen anderen Defekt. Obwohl in sehr intensivem Einsatz.