Nichts sieht so alt aus wie die Zukunftsprognose von gestern. Das trifft vor allem auf jene Utopien zu, die uns den Fortschritt als Erfindung immer besserer Maschinen ausmalen. Die Gesellschaft wird human, ohne dass wir etwas an der Art, wie wir leben und zusammenleben, verändern müssten, denn die Maschinen nehmen uns die Verantwortung ab. Sie produzieren allgemeine und gleiche Zufriedenheit wie von selbst.

Als deliranter Prediger dieses Fortschritts, der davon überzeugt war, dass sich alles, was man sich ausdenken kann, auch machen lässt, und alles, was sich machen lässt, auch gemacht werden solle, war der Amerikaner Hermann Kahn einst weltberühmt. In einem Bestseller hat der Futurologe 1967 aufgezählt, was alles im Jahr 2000 selbstverständlich sein werde: die Krankheiten – ausgerottet dank einer neuen Generation von Antibiotika; das Wetter inklusive Regen- und Sonnenperioden – durch Interventionen veränderbar und planbar geworden; das Klima – von den Menschen, die sich Kahn gerne als Militärs vorstellte, nach Belieben beherrscht.

Das klingt heute eher komisch, als wäre es der Zukunftsforschung nicht gelungen, wirklich zur Forschung zu werden. Aber zu ihrer Zeit wurden Prognosen wie diese ernst und als Argumente gegen jene genommen, die vor blindem Fortschrittsglauben warnten.

Hermann Kahn galt damals als internationaler Star der Futurologen, und Robert Jungk war bei jenen, die sich in ihrem Wahn der Machbarkeit für intellektuell zurechnungsfähig hielten, als verbohrter Feind der Technik verschrien.

Die Zukunftsforschung hatte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als "Wissenschaft von der Zukunft" etabliert, den Begriff "Futurologie" steuerte einer ihrer besten Köpfe bei, Ossip. K. Flechtheim, ein deutscher Gelehrter, den die Nationalsozialisten von der Universität und außer Landes jagten. Robert Jungk, der am 11. Mai vor hundert Jahren geboren wurde, war eine prägende Gestalt dieser Zukunftswissenschaft, wenngleich er den Begriff als solchen ablehnte.

Die Apokalypse vor Augen, blieb er ein verwegener Optimist

Dabei ging er es selbst durchaus mit wissenschaftlichem Ethos an, ließ er sich doch nicht von seinen Wunschvorstellungen mitreißen. Er untersuchte das, was es bereits gab, akribisch nach dem Guten wie Schlechten, das aus ihm erwachsen könnte. Dennoch hielt er nichts davon, für diese Tätigkeit naturwissenschaftliche Objektivität zu beanspruchen. Die Zukunft sah er ja als offenen, nicht als bereits festgelegten Raum, weswegen er des Öfteren stilistisch unschön von "Zukünften" sprach. Um diese Zukünfte human zu gestalten, galt es ihm die Gegenwart zu erforschen und zu erkunden, was sich in ihr an Verhängnisvollem wie Hoffnungsvollem abzeichnete. Die Apokalypse vor Augen, blieb Robert Jungk ein verwegener Optimist.

Er wollte kein Zukunftswissenschaftler sein, dafür hat er den Beruf des Wissenschaftsjournalisten jedenfalls verändert, wenn nicht gar erschaffen. Jungk hat zeitlebens ungeheuer viele Zeitungsartikel geschrieben, für die er ganze Bibliotheken durchackerte, als Reporter Städte und Länder bereiste und Menschen, Opfer wie Täter, befragte. Der Wissenschaftsjournalist hatte für ihn die Aufgabe, der Gesellschaft kritische Information darüber zu liefern, was Experten gerne unter sich verhandeln; also Aufklärung zu leisten dort, wo die Sache kompliziert, das Anliegen wichtig, die Öffentlichkeit eingeschränkt ist. Während er ungemein fleißig recherchierte und publizierte, außer Tausenden von Artikeln bald auch schon Bücher, deren Auflage in die Millionen ging, verspürte er doch immer die Sehnsucht nach Ruhe, Innehalten, nach dem "Roman", von dem er schon mit 22 Jahren schwärmte.

Als Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin 1913 in Berlin geboren, musste Jungk 1933 ums Leben flüchten und landete auf dem Umweg über Prag und Frankreich 1938 in der Schweiz. Es charakterisiert seine aus einem heftigen Widerspruch emporschießende Kreativität, dass er dort einerseits unter mehreren Pseudonymen hektisch Artikel um Artikel veröffentlicht, andrerseits bei erster Gelegenheit zu Hermann Hesse pilgert, der in Montagnola ein mönchisch zurückgezogenes, kontemplatives Leben führt. In den sechziger und siebziger Jahren wird Jungk, wie er in seiner Autobiografie Trotzdem. Mein Leben für die Zukunft schreibt, als "meistbeschäftigter Konferenzredner" seiner Zeit rastlos durch die Länder tingeln, und manchmal hat er wochenlang jeden Tag an einem anderen Ort vor Hunderten, Tausenden Menschen gesprochen. Es scheint, die Sehnsucht nach Ruhe, nach Rückzug, nach dem langsamen Schreiben ist mit den Jahren irgendwann in ihm erloschen; offenbar hatte er seinen Frieden mit sich geschlossen und sich in die Rolle des Warners, des Mahnpredigers, einer öffentlich schier omnipräsenten Autorität gefügt. Noch mit fast achtzig Jahren ließ er sich von den Grünen als Kandidat für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten aufstellen und in einen anstrengenden Wahlkampf hetzen, der seine Gesundheit nachhaltig ruinierte.