DIE ZEIT: Herr Fateen, Sie haben gerade eine Bildungstour durch politische Institutionen und Hochschulen in Deutschland absolviert. Was würden Sie gern mit nach Ägypten nehmen?

Seif-Eddeen Fateen: Das demokratische System. Das ist hier sehr effizient. Gesetze werden schnell auf den Weg gebracht, das dauert bei uns viel zu lange. In Ägypten haben wir noch keinen Weg gefunden, schnelle und demokratische Entscheidungen zu treffen. Und ich würde gern die Fachhochschulen mitnehmen.

DIE ZEIT: Warum gerade Fachhochschulen?

Fateen: Eines der Probleme des ägyptischen Hochschulsystems ist, dass die Universitäten am Arbeitsmarkt vorbei ausbilden, viele Absolventen bringen nicht die notwendigen Fähigkeiten mit. Es mangelt an der Berufsbezogenheit der Studiengänge. Jahr für Jahr kommt eine Dreiviertelmillion Absolventen auf den Arbeitsmarkt, die wenigsten finden einen passenden Job.

DIE ZEIT: Seit Jahrzehnten siecht das ägyptische Hochschulsystem dahin. Liegt das nur an einer chronischen Unterfinanzierung?

Fateen: Natürlich haben wir zu viele Studenten und zu wenig Geld. Die staatlichen Unis platzen aus allen Nähten. Die Cairo University, an der ich unterrichte, hat über 200.000 Studenten. Das Kapazitätsproblem führt zu Qualitätsmängeln. Es gibt zu wenige gut ausgebildete Professoren, es fehlt an Lehrmaterial, und das ist oft auch noch veraltet, genauso wie die Lehrmethoden. Es wird zu viel Wert auf Auswendiglernen gelegt, zu wenig auf problemlösungsorientiertes Denken.

DIE ZEIT: Was verdient denn ein Professor?

Fateen: Umgerechnet 900 Euro. Früher waren es 500 Euro. Davon kann man in Kairo keine Familie ernähren. Genauso fatal ist aber, dass alle gleich bezahlt werden. Es gibt keine Prämien, egal, wie viel jemand arbeitet. Das führt zu Faulheit oder dazu, dass die Guten das Land verlassen oder an Privat-Unis wechseln, wo sie mehr verdienen. Ein wichtiger Punkt bei der Reform des Hochschulsystems ist: Es muss erlaubt sein, gute Leute besser zu bezahlen.

DIE ZEIT: Was hat sich nach der Revolution an den Universitäten getan?

Fateen: Präsidenten und Dekane werden jetzt von den Professoren gewählt. Früher wurden sie von der Regierung ernannt. Die Studenten dürfen auf dem Campus wieder über Politik reden, das war vorher verboten. Freiheit ist der Schlüssel für Innovation.

DIE ZEIT: Das hört sich gut an. Aber kann ausgerechnet eine von der Muslimbruderschaft gestellte Regierung die Art von Freiheit schaffen, die Wissenschaft braucht? Die Muslimbrüder stehen nicht gerade für einen liberalen Islam.

Fateen: Die Muslimbrüder sind vielstimmig. Klar gibt es da radikale Stimmen, aber die sind nicht repräsentativ. Die Muslimbrüder sind pragmatisch. Ich gehöre ja auch dazu. Wir sehen die Probleme in Ägypten und müssen Wege finden, sie zu lösen. Ausbildung und Hochschulbildung sind ein wichtiger Schritt, unser Land voranzubringen.

DIE ZEIT: Verlassen aufgrund der unsicheren Lage in Ägypten mehr Wissenschaftler das Land?

Fateen: Wir wissen noch nicht, ob der Braindrain nach der Revolution wirklich angestiegen ist. Er ist aber ein Problem. Wir müssen versuchen, Wissenschaftlern hier ein Umfeld zu schaffen, das sie zum Bleiben bewegt. Und jene, die ins Ausland gehen, über internationale Kooperationsprojekte einbinden.