Sabine wischt das Blut aus der Duschwanne. Sie bastelt aus Papierservietten und Küchentüchern eine Windel. Sie kocht H-Milch ab, träufelt sie in den Mund des Babys, ihres Babys. Sabine* ist 26 Jahre alt, Single, Architekturstudentin kurz vor der Abschlussprüfung. Von ihrer Schwangerschaft hat keiner gewusst, sie hat das Kind zu Hause in der Dusche zur Welt gebracht. Allein. Drei Tage bleibt Sabine in ihrer Wohnung. Sie ist beherrscht vom Gedanken, das Kind loszuwerden, und von tiefer Scham. Im Internet sucht sie nach Babyklappen. Die nächste ist 200 Kilometer entfernt. Dann stößt sie auf die Notrufnummer von Findelbaby, einem Hilfsprojekt des Vereins Sternipark. "Ich habe ein Baby, das muss weg. Ich kenne einen Park, da können wir uns treffen, und ich gebe ihnen das Kind", sagt sie der Frau am Telefon. Vier Stunden später holen Mitarbeiter des Vereins das Baby ab. Sie haben Sabine überzeugt mitzukommen, in ein Mutter-Kind-Haus nach Satrup, ein Dorf in Schleswig-Holstein. Dort haben sie ein Zimmer und eine Betreuerin für sie.

Sabine hat ihr Kind David genannt. David ist heute drei Jahre alt und lebt bei ihr.

In Deutschland bringen jährlich etwa 100 Frauen ihr Kind unerkannt zur Welt. Diese Frauen stammen aus allen Altersklassen und Gesellschaftsschichten, das Klischee des ungewollt schwangeren Teenies trifft ebenso wenig auf sie zu wie das der Frau aus sozial schwachen, bildungsfernen Verhältnissen. Seit 1999 besteht die Möglichkeit der anonymen Geburt: Frauen können in einem Krankenhaus entbinden, ohne ihre persönlichen Daten angeben zu müssen. Trotzdem gibt es immer wieder Fälle wie den von Sabine: Mütter, die ihr Kind heimlich zu Hause gebären. Um zu verhindern, dass diese Kinder ausgesetzt oder getötet werden, wurde 2000 die erste Babyklappe eröffnet. Mittlerweile sind es rund 80.

Maria hat ihre fünfjährige Tochter zu Bett gebracht, dann wählt sie die Hotline. Sie hat sich die Nummer schon vor zwei Monaten organisiert. "Ich habe Wehen. Niemand darf wissen, dass ich schwanger bin. Was soll ich tun?" Man schickt ihr ein Taxi, das sie in eine Klinik bei Satrup bringt. Dort kann sie ihr Kind anonym zur Welt bringen. Maria war 17, als sie das erste Mal Mutter wurde. Sie ist 25 und alleinerziehend, als sie merkt, dass sie wieder schwanger ist. Sie glaubt nicht, ein zweites Kind durchbringen zu können – finanziell wie emotional. Aus Angst vor den Behörden verheimlicht sie die Schwangerschaft. Sie fürchtet, wenn das Jugendamt erfährt, dass sie ein Kind weggeben will, wird es ihr auch das andere nehmen. Nach der Geburt verbringt sie mit dem Baby ein paar Tage in Satrup. Es schläft in ihrem Zimmer, sie versucht ihm nahezukommen.

Maria hat ihr zweites Kind Jakob genannt. Jakob ist heute acht Jahre alt und lebt bei seinen Adoptiveltern.