Irgendwann im vergangenen Jahr traf sich in einer großen Berliner Altbauwohnung eine Tischgesellschaft aus dem literarischen Milieu. Zu fortgeschrittener Stunde bohrte sich das Gespräch in ein Thema, das bei Schriftstellern sehr beliebt ist: Dummheit und Niedertracht der Kritiker. Jeder hatte einen Fall erlittenen Unrechts beizutragen. Nur einer nicht: Aris Fioretos. Schmal, aufrecht und mit der Contenance eines Zuschauers, der das Ende eines unergiebigen Schauspiels abwartet, saß er da und zerteilte Gemüse. Erst als die kollektive Philippika ihren zentralen Punkt erreichte, nämlich die Frage, ob und wie sich Schriftsteller des Treibens der Kritikerzunft erwehren sollen, machte sich Fioretos bemerkbar. Er zuckte mit den Schultern und sagte im Ton milder Resignation: "Da gibt’s doch nur eins: Noblesse oblige."

Wann immer man dem schwedischen, seit vielen Jahren in Berlin lebenden Schriftsteller Aris Fioretos begegnet, zeugen seine so geschliffene wie natürliche Höflichkeit, seine nie ermüdende, etwas undurchdringliche Liebenswürdigkeit von jenem Habitus vornehmer Gelassenheit, der mit den Verkehrsformen der Gegenwart so viel zu tun hat wie ein Rolls-Royce mit einem Fiat Panda. Obwohl er keiner ist, macht Aris Fioretos den Eindruck eines Aristokraten, der ein Jahrhundert zu spät auf die Welt kam.

Dass er mehrere Jahre den Posten eines Attachés für kulturelle Fragen an der schwedischen Botschaft innehatte, passt geradezu zwingend ins Bild. Die Summe aus Intellekt und parkettsicherer Nonchalance verkörpert Aris Fioretos so selbstverständlich, als wäre er in sie hineingeboren worden. Und ebendas macht diesen Habitus interessant. Er wirkt nicht antrainiert, sondern übernommen. Als führe die Gestalt namens Aris Fioretos das Echo einer vergangenen, längst verblassten Kultur mit sich. Man würde Fioretos den Gentleman alter Schule wahrscheinlich auch anmerken, wenn er in Joggingklamotten am Tisch säße. Und noch etwas anderes glaubt man zu bemerken: Hier ergibt sich Identität nicht aus der Unterscheidung gegenüber Vatervorbildern, sondern im Gegenteil aus deren Anverwandlung.

Das klingt unspektakulär – ist es aber nicht. Denn Söhne haben sich, so die Vereinbarung unserer Kultur, von ihren Vätern abzugrenzen, ja rebellisch an ihnen abzuarbeiten. Von Franz Kafka bis Fritz Zorn verdankt die Literatur dem Motiv des Vatermords eine stattliche Handbibliothek. Dass und auf welche Weise sich dieses Motiv aber verabschiedet hat, zeigt kein Buch so deutlich wie Die halbe Sonne – Ein Buch über einen Vater von Aris Fioretos. Hier wird eine ganz andere Sprache gesprochen: die der Vatersehnsucht.

Schon das Buchcover wäre vor vier Jahrzehnten, in der Hochkonjunktur literarischer Elternabrechnung, wohl undenkbar gewesen. Es signalisiert eine Hommage, es zeigt den Vater von Aris Fioretos in faszinierendster Weise: als jungen, mediterran-eleganten, souverän-lässigen Mann, der ruhigen Schritts an einer Schaufensterfront entlanggeht. Das Foto wurde 1954 in Stockholm aufgenommen, sechs Jahre vor der Geburt des Autors. Aris Fioretos ist der Sohn einer Österreicherin und eines Griechen, kam aber 1960 in Göteborg zur Welt. Sein Vater verließ Griechenland in jungen Jahren, studierte in Wien Medizin und wanderte von dort nach Schweden aus. Erst nach dem Ende der griechischen Militärdiktatur konnte er in die Heimat zurückkehren. Diese verwickelte Emigrationsgeschichte brachte es mit sich, dass Aris Fioretos eine schwedische Sozialisation erfuhr und auf Schwedisch schreibt, so unerhört unschwedisch er auch aussieht. Wäre er Schauspieler, würde er mit seinen schwarzen, glatt nach hinten gelegten Haaren und den klassischen Gesichtszügen regelmäßig für Filme aus dem Mittelmeerraum gebucht.

Formal ist Die halbe Sonne keine fortlaufende Erzählung, sondern eine Sammlung von Erinnerungssplittern, kurzen Prosastücken, autobiografischen Miniaturen und poetischen Reflexionen. Jedes der Kleinstkapitel hat eine Überschrift. Eines heißt Solenn, was sich mit majestätisch, würdevoll, feierlich übersetzen lässt. Dieser Text ist der Schlüssel des Buches: eine meditierende Beschreibung jenes Coverfotos, an dem der Sohn sich "nicht sattsehen" kann. Er berätselt unscharfe Details am Bildrand, betrachtet den unter dem Arm des Vaters zusammengerollten Trenchcoat und den Anzug des Vaters, den er "übernehmen durfte". Dieser Anzug, der in den Besitz, folglich auf den Körper des Sohnes übergegangen ist, scheint für den Textverlauf entscheidend zu sein. Er dient dem Wunsch, sich in das Vaterbild zu projizieren. Denn den Sohn "überkommt", heißt es im letzten Absatz, "unbändige Lust, (...) sein Schatten zu werden. So will ich dich bewahren, murmelt er dem Vater zu(...). Feierlich auf dem Weg in die Zukunft."

Hier kommt ein erhabenes Versprechen zum Ausdruck: auf das Weiterleben des Erzeugers in seinem Erben. Schon der dramaturgische Aufbau des Buches betont das Biologische ihrer Bindung. Der Tod des Vaters und die Geburt des Sohnes rahmen den Text ein, wenn auch entgegen der zeitlichen Abfolge. In der ersten Szene erfährt der Sohn am Handy, dass der Vater gestorben ist. In der letzten kniet der Vater auf dem Wohnzimmerteppich vor der Mutter, die unter überstürzten Umständen ein Kind gebärt.