Punk-Ausstellung : PunX NOT NiCE

Fashion Show am Metropolitan Museum in New York. Thema: Punk und Haute Couture. Welch ein Wagnis. Frage: Für wen nur?
Die Ausstellung "Punk: Chaos to Couture" ist noch bis zum 14. August im Metropolitan Museum of Art in New York zu sehen. © Spencer Platt/Getty Images

Was war Punk? Eine Ganzkörperempfindung. Das Hämmern von Bässen, dazu gebrüllte Lyrik, verdichtet zu einer Krachwoge, vor der sich die Flimmerhärchen in den Gehörgängen wegducken. Punk war der Sound, der sedimentiertes Unbehagen aus den Knochen rieseln ließ. Rock ’n’ Roll war gestern, langweilig. Es waren die siebziger Jahre, Wirtschaftsdesaster traf auf Vorortlangeweile, auf klemmigen Rassismus und No-Future-Gefühle, Shock and Awe unplugged. Insofern war die Lage klar, als man letzte Woche auf dem spiegelglatten Marmor des New Yorker Metropolitan Museum die weiß schimmernden Schenkel des klassischen Griechenlands links liegen gelassen hatte und diese Töne hörte. Ein leises Tataa tata, tataaa tata, tipi tipi tipi tipi tipi tipi tipi tipi tipi tipi tiipitip! Wie Spitzentanzgetrippel.

Das Ohr ist ein Organ, das Sehen und Denken vorgelagert ist, so versteht man, bevor irgendwas zu sehen ist: Das Mode-Event des Jahres, die Fashion-Show Punk: Chaos to Couture, pirouettiert sich leichtfüßig weg von ihrem Thema. Man sieht an der Wand zum Eingang der Show farbschattenhaftes Geflacker, ein Konzertmitschnitt, irgendwas wie die Sex Pistols, aber der Sound ist runtergepegelt, überlegt mit: Tataaa tata, tipitipiti! Rossini statt Sid Vicious, darauf muss einer erst mal kommen!

Punk trifft auf Haute Couture, da war Dominanzgerangel zu erwarten. Im Punk haben sich Musik und Stil, Elend und Revolte, Sex, Politik, Blut und Tod zu einer so rotzigen wie anrührenden Pose verdichtet. Das Costume Institute der größten Kunstsammlung Amerikas hat seinerseits nicht den Ruf, zaghaft zu sein, das Met zeigt in glamourösen Shows, was bleiben wird von den hastigen Fashion Weeks dieser Welt. Steve McQueens verstörende Ausflüge in fedrige Tierwelten! Pradas verrätselte Fantasien, Elsa Schiaparellis unverschämtes Ligustergewand! Nun – wirklich Punk?

Punks extremstes Fashion-Statement ist nackt, eine schweißglänzende Hänflingsbrust, wie sie Sid Vicious von den Sex Pistols, ganz der gequälte St. Sebastian, zur Show stellte, mit tiefen Schnitten, aus denen Blut troff wie aus seinem aufgerissenen Mund, was ihm etwas Vampirhaftes und gleichzeitig verzweifelt Kindliches gab.

Die Geburtsstunde von Punk, hat Patti Smith beschieden, war der 6. Dezember 1969, als beim Altamont Concert der Rolling Stones ein Fan namens Meredith Hunter von einem Hells Angel niedergestochen wurde – das Ende der hippieseligen, sternensüchtigen Aquarius-Ära. Punk starb, hat die Londoner Punk-Designerin Vivienne Westwood befunden, als Sid Vicious seine Freundin Nancy umbrachte, es war der 12. Oktober 1978, als er in New York den Haftrichtern vorgeführt wurde, nachdem man in seinem Zimmer im Chelsea Hotel ihren Körper gefunden hatte, inmitten von ihrem Blut, Blut auf dem Bettzeug, dem Boden, im Badezimmer. Zu diesem Zeitpunkt beugte sich Vivienne Westwood schon in ihrer Boutique SEX in der Londoner King’s Road über ein neues T-Shirt-Design: Windelbaumwolle, Sid guckt aus roten Schlieren, gerahmt von den Worten: she’s DEAD I’M alive I’M YOURS. Punk-Stil in seiner geschmacklosesten Form, Sid hätte es vielleicht gefallen, er war ja, wie seine Band, eine Kreation von Malcolm McLaren, welcher der Partner von Westwood war, deren textile Kreationen die Musiker in die Welt trugen, was Punk-Fashion in geschäftstüchtigster Form ist. Sid war nicht der Typ, der modemäßig etwas ausgelassen hätte; als er sich am 2. Februar 1979 den goldenen Schuss gab, stand im Abschiedsbrief: "Beerdigt mich in meiner Lederjacke, in Jeans und Motorradstiefeln."

Sid Vicious, Bassist der Sex Pistols. "Beerdigt mich in meiner Lederjacke, in Jeans und Motorradstiefeln", schrieb er 1979 in seinem Abschiedsbrief – und setzte sich den goldenen Schuss. © Dennis Morris

Lederjacke also. Jeans als Röhre. Diese Uniform hatten die Ramones kultiviert, die Ur-Punkband. Sie trugen Turnschuhe statt teurer Lederstiefel. Eine rein ökonomische Erwägung. Punk machte Fashion-Geschichte als Freiheit, zu tragen, was man wollte, jenseits elterlicher oder bürgerlicher Erwartungen, sofern man es sich leisten konnte, was bei den Akteuren – ausgerissene Kids, Groupies, Strichjungen, Musiker, Schauspieler, Dragqueens – vielleicht nur war, was man aus der Mülltonne zog, Plastiktüten, Vorhangstoffe, alte Hosen. Passte nicht? Wurde abgeschnitten. War zerrissen? Konnte man kleben. Oder mit Sicherheitsnadeln zusammenzwingen, die ein Signum der Ära wurden und so im Museum landen mussten!

Die Show im Met zeigt etwa 100 Kreationen, von Dior über Margiela und Yamamoto zu Chanel. Sie sind verteilt auf sieben "Kammern". Während sich draußen im Central Park die Brautpaare in Spitzenwolken unter rosa Mandelblüten drapieren, treiben im Tempel von Fashion die Massen durch düstere Kirchenschiffe. "Kleider für Helden" heißt die erste Abteilung. Fallschirmspringeranzüge mit roten Lackriemen, John Galliano für Dior. Viele Totenköpfe, gestrickt, gestickt, gehäkelt. Ironische Imitationen des britischen Königshauses, sie kommen als scharfe Hotpants daher im Pattern des Union Jack zu Krönchen aus Schrott, Comme des Garçons. Plüschiger Mohairstrick für das Kuscheln nach dem Radau, Junya Watanabe, nach einem Modell von Vivienne Westwood, ein Fall von Recycling von Punk-Avantgarde durch Punk-Haute-Couture.

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Die gute alte Zeit...

Punk und Vintage, das mit den Trends der 70er und 80er Jahre verbunden ist? Warum nicht. Gerade im Zeitalter, wo den Designern die Ideen ausgehen und sie mit schrillen Klamotten zu punkten versuchen, sollten die Merkmale von diversen Charakteren stärker betont werden. Solche T-Shirts, die ich hier unter http://www.distortedpeopl... wurden schon in früheren Jahrzehnten vom Look her so ähnlich getragen und Vintage bedeutet nicht nur schicke 50s Style im braven Look!