Ende 1958 tippt der 45 Jahre alte Rechtsanwalt Hellmut Becker, wohnhaft in Kressbronn am Bodensee, einen vier Seiten langen Essay mit dem Titel Warum benötigen wir ein Institut für Recht und Soziologie der Bildung? in seine Schreibmaschine. Er verschickt ihn an ein paar Dutzend seiner besten Bekannten. "Unser zurzeit noch bestehendes Bildungssystem", schreibt Becker, "war die Antwort auf die geistige und gesellschaftliche Situation zu Beginn des 19. Jahrhunderts. (...) Wir benötigen eine sorgfältig erwogene Umwandlung unseres Bildungssystems auf Grund wissenschaftlicher Forschungen." Beckers Vision ist die eines Bildungssystems ohne Schranken; eine selbstverwaltete Schule, die nach den neuesten Erkenntnissen der pädagogischen Forschung ständig weiterentwickelt wird und in der statt Zucht und Ordnung Kreativität und kritischer Geist herrschen.

Heute ruft der Name Hellmut Becker bei den meisten nur noch fragende Blicke hervor. Seine einstige Bedeutung, aber auch das Tempo, mit dem er in Vergessenheit geraten ist, sagen viel aus über einen Mann, der in den sechziger und siebziger Jahren als "heimlicher Bundeskultusminister" galt.

Fest steht, dass Becker das bundesdeutsche Bildungssystem für ein paar Jahre geprägt hat wie kein Zweiter. Fest steht aber auch, dass schon wenig später kaum einer mehr etwas von seinen Ideen wissen wollte. Am 17. Mai wäre Becker 100 Jahre alt geworden.

Ein Jurist ohne Doktortitel, ohne einschlägige wissenschaftliche Publikation. Ein Mann, der in der deutschen Öffentlichkeit bis zu seinem Essay eigentlich nur als einer der jungen Anwälte in Erscheinung getreten ist, die 1947 im sogenannten Wilhelmstraßenprozess Nazigrößen verteidigt haben. Und doch gelingt Becker das schier Unglaubliche: Er bringt die mächtige Max-Planck-Gesellschaft dazu, ein Institut für Bildungsforschung für ihn zu gründen.

Wenn man sich vor Augen führt, wie zu jener Zeit die Machtzirkel der Bundesrepublik funktionierten, ist Beckers Erfolg jedoch nicht mehr ganz so überraschend. Becker ist der Sohn des langjährigen preußischen Kultusministers und Hochschulreformers Carl Heinrich Becker, damit hat er ein allumfassendes Netzwerk quasi mit auf den Weg bekommen. Seine Familie ist seit Langem befreundet mit dem damals wohl bekanntesten deutschen Pädagogen Georg Picht, der 1964 unter anderem im Spiegel die deutsche Bildungskatastrophe ausruft – mitten in die Gründungsphase des neuen Instituts hinein. Eine andere Familie, die mit den Beckers eng verflochten ist, sind die von Weizsäckers. Ernst von Weizsäcker, SS-Brigadeführer und bis 1943 Staatssekretär im Außenamt, war Beckers Mandant im Wilhelmstraßenprozess, sein Sohn Richard hat Becker dabei als Assistent zur Seite gestanden. Der spätere Bundespräsident wird sich während seiner gesamten politischen Karriere immer wieder für Becker und sein Institut starkmachen. Ebenso wie sein Bruder, der einflussreiche Physiker und spätere Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker, mit dem Becker während seiner Zeit als Assistent an der 1941 gegründeten Reichsuniversität Straßburg zusammenwohnte.

Das geerbte Netzwerk baut Becker zügig aus, um seine ehemaligen Mitschüler an der prominenten Internatsschule Salem und an dem nicht weniger exklusiven Berliner Arndt-Gymnasium und um alle anderen, die ihm und seiner Sache irgendwie nützlich sein konnten: den Max-Planck-Präsidenten Adolf Butenandt zum Beispiel, den sozialdemokratischen Spitzenpolitiker Carlo Schmid, die FDP-Bildungspolitikerin Hildegard Hamm-Brücher, die Soziologen Max Horkheimer und Jürgen Habermas, die spätere ZEIT -Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff und den ersten US-Botschafter in der Bundesrepublik, James B. Conant.

Hilfreich ist auch Beckers Hang zur Strippenzieherei: Dass er als Ort für das neue Institut das gerade eingemauerte West-Berlin vorschlägt, dem man zu der Zeit kaum etwas verwehren mag, gehört ebenso zu seinen Winkelzügen wie das geschickt gestreute Gerücht, wenn Max-Planck nicht wolle, stehe die Thyssen-Stiftung als Trägerin des Instituts bereit. 1963 nimmt das neu gegründete Institut seine Arbeit auf und entwickelt sich binnen weniger Jahre zur führenden wissenschaftlichen Einrichtung auf diesem Feld. Das heute so omnipräsente Wort "Bildungsforschung" haben sich der Institutsdirektor Becker und sein Gründungsteam überhaupt erst ausgedacht.