Evelyn Roll

Leitende Redakteurin der "Süddeutschen Zeitung", veröffentlichte im Jahr 2001 "Das Mädchen und die Macht. Angela Merkels demokratischer Aufbruch" (Rowohlt)

1. Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Ich glaube, nein.

2. Ihre Entdeckung? Es gibt neuerdings eine seltsame, etwas beängstigende Krankheit unter Journalisten, die man Hochgeschwindigkeitsamnesie nennen könnte. Diese Krankheit macht es offenbar möglich, altbekannte Geschichten jederzeit noch einmal als neu enthüllt zu verkaufen und damit Schlagzeilen zu bekommen. Ich gebe nur eines von leider sehr vielen traurigen Beispielen; und weil ich die jetzt plötzlich sehr zahlreich erscheinenden neuen Merkel-Biografien nicht alle gelesen habe, tue ich das auf der Basis des Werbetextes zu einem dieser Bücher und den Meldungen, die es hervorgerufen hat: Angela Merkel war doch tatsächlich – FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda! Diese Tatsache und auch, wie man sie bewerten und einordnen kann, füllt in meinem ersten Merkel-Buch aus dem Jahr 2001 ein ganzes Kapitel, es heißt Der Fluch der blauen Hemden . Demnächst "enthüllt" dann vielleicht jemand noch einmal, dass Angela Merkel eine Wohnung besetzt hat in Ost-Berlin; oder dass sie eigentlich gebürtige Westdeutsche ist und außerdem schon mal verheiratet war.

3. Gibt es weiße Flecken? Das kann ich nicht beantworten. Wenn ein weißer Fleck erst einmal identifiziert ist, ist er ja keiner mehr.

4. Wie systemkonform war Merkel? Sie war skeptisch, westsehnsüchtig bis resigniert, aber arrangiert, so wie sehr viele, die das Pech hatten, im Osten aufzuwachsen.

5. Ihre Frage an sie? "Frau Bundeskanzlerin, lassen Sie sich in so einem Wahljahr die vielen neuen Merkel-Biografien kommen, und schauen Sie wenigstens die Cover an?"

6. Merkels Kanzler-Rang? In die obere Hälfte, vor allem wegen ihrer Außenpolitik und der Tatsache, dass sie das Kanzleramt endlich für eine Frau erobert hat. Wenn Europa und der Euro die gegenwärtige Krise nicht nur überleben, sondern am Ende tatsächlich besser rauskommen, als sie reingegangen sind, werden die Historiker Merkel im Rückblick einen Platz sehr weit oben in dieser besseren Hälfte zuweisen.