WahlkampfSieh an, die nette Frau Merkel

Aus Prinzip Rot-Grün wählen – oder die Kanzlerin, weil sie sympathisch ist? von 

Am vergangenen Sonntag kam beim Tatort nicht nur Kommissar Borowski aus Kiel zum Einsatz, sondern auch das neuste Erziehungstool der Grünen. Unter der Überschrift Darf der Tatort das? dokumentieren "grüne RechtspolitikerInnen" bei Twitter unter @tatortwatch "aus Liebe zum Tatort und BürgerInnenrechten", welche Verfehlungen sie im Lieblingskrimi der Deutschen ausgemacht haben. Zum Beispiel diese: "Das Seminar zur Belehrung über Zeugen- und Beschuldigtenrechte haben die Kommissar_innen wohl geschwänzt."

Während die Grünen also auf geradezu aberwitzige Weise den Verdacht erhärten, dass Rot-Grün dank starker Grüner vor allem ein Projekt zur Volkserziehung werden könnte, trifft sich die Bundeskanzlerin auf Einladung der Deutschen Filmakademie mit Zuschauern zum Kinoabend und plaudert über die DDR, ihren Studentenjob als Bardame und kommentiert neue Details über ihre angebliche Nähe zum SED-Regime großzügig: "Wenn sich etwas Neues ergäbe, könnte man damit auch leben."

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Der Kontrast, der in diesen Tagen zwischen den politischen Lagern und vor allem den Spitzenkandidaten zu besichtigen ist, würde man vermutlich jedem Drehbuchschreiber als zu plump aus dem Skript streichen: hier eine Regierungschefin, die als Person sichtbar wird wie kaum je zuvor in ihren acht Amtsjahren. Dort ein Kandidat, der nicht mit einer komplett anderen Politik antreten wollte, sondern als Verkörperung eines Gegentyps, und nun in den Zugeständnissen an Parteiproporz, interne Machtkämpfe und Anforderungen des Medienbetriebs fast verschwindet. Hier eine Koalition, die den Deutschen die Kohle wegnehmen will (grünes Steuerkonzept), ihnen das geliebte Autofahren vermiest (Tempo 120) und nun auch noch am Tatort herummäkelt. Da eine Truppe, die – ja, was eigentlich? – man weiß es nicht so genau – aber jedenfalls niemanden zu stören versucht und eine nette Chefin hat.

Persönlich, ohne wirklich privat zu werden, könnte man das Format nennen, mit dem Merkel derzeit beim Publikum punktet. Denn was das Publikum erfährt, das bestimmt Merkel ebenso wie die Stellen, an denen gelacht wird. Die Kanzlerin hat ein einzigartiges Talent entwickelt, extrem souverän und schlagfertig und zugleich menschlich-holprig aufzutreten – und dabei doch immer Herrin der Lage zu bleiben.

Der Mann mit den Ecken und Kanten, Peer Steinbrück, dagegen kommt als Mensch nicht mehr vor, nur noch als Projektionsfläche. Die Frauen mögen ihn angeblich nicht, sein Parteichef nicht und die Grünen auch nicht. Als Krisenmanager, als der er mit großem Aplomb angetreten war, kommt der Kanzlerkandidat der SPD nur in eigener Sache daher. Mal muss er den Tempo-120-Vorstoß seines Sponti-Chefs Gabriel abbügeln, dann stellt er mit Klaus Wiesehügel einen Arbeitsminister vor, vor dem er selbst zu Agenda-Zeiten schreiend weggelaufen wäre. Für das Moderne muss derweil eine Frau herhalten, deren Namen die SPD zwar nicht richtig schreiben kann (Gesche Joost mit zwei o), die aber irgendwie ausgleichen soll, was Wiesehügel womöglich kostet.

Was bedeutet das alles nun für den Wahlkampf? Merkel setzt mehr denn je auf Personalisierung, sie lädt sich als Person auf und hat zugleich ihre Partei immer weiter entkernt und als Gesinnungsgemeinschaft entladen. Steinbrück kann dagegen nur auf Politisierung durch diese Personalisierung hoffen. Darauf, dass es wirklich stimmt, was Rot und Grün im Wahlkampf behaupten: dass die Deutschen ihr Land als zunehmend ungerecht empfinden. Darauf, dass Merkel mit ihrer Hase-und-Igel-Strategie diesmal nicht die SPD, sondern auch die eigene Partei demobilisiert.

In Deutschland, so lautete jahrelang eine eiserne Regel des Wahlkampfs, werden Parteien und Programme gewählt, nicht Personen. Das ist Merkel schon einmal fast zum Verhängnis geworden. Darauf hofft die SPD, darauf muss Steinbrück hoffen. Sollte es ausgerechnet Merkel gelingen, diese Regel umzukehren, ausgerechnet der Frau, die als Anomalie der deutschen Politik begonnen hat, es wäre ihr größter Triumph. Sie hätte dann wirklich geschafft, was ihre Gegner ihr vorwerfen. Sie hätte das Land verändert.

PS: Peer Steinbrück war übrigens auch schon zum Kinoabend bei der Filmakademie. Sein Lieblingsfilm ist The Deer Hunter, ein ausgezeichneter, brutaler Anti-Vietnam-Film über einen traumatisierten Kriegsveteranen, der sich selbst verliert. Der deutsche Titel lautet Die durch die Hölle gehen.

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Leserkommentare
  1. Liebe Tina Hildebrandt, ich fürchte, Sie haben Recht - Frau Merkels Partei ist jetzt so harmlos, dass das direkt gefährlich werden könnte.

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  • Schlagworte Peer Steinbrück | SPD | Grüne | Klaus Wiesehügel | Arbeitsminister | DDR
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